Straßennamen - Vor 1900 wurden in Groß-Hausen und Klein-Hausen zumeist Flurbezeichnungen und Richtungsangaben zur Orientierung verwendet Vom „Häuser Pfad“ und „Todenweg“

Von 
Norbert Weinbach
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Einhausen. Straßennamen, wie wir sie heute kennen, waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Groß-Hausen und Klein-Hausen noch nicht gebräuchlich. Stattdessen wurden Flurstücke oder Verkehrswege als Bezeichnungen gewählt. Im Zuge der Recherchen zu der kleinen Serie über Einhäuser Straßennamen gehört daher auch ein Blick zurück in die Geschichte.

Das Kruzifix in der Mathildenstraße (l.) am ehemaligen Ortseingang von Klein-Hausen ist das erste von drei Wegekreuzen für die früheren Leichenzüge der Katholiken nach Lorsch. An dem gusseisernen Kreuz auf der Einhäuser Landstraße, in Höhe der Firma Tegut, wurden einst die Sargträger von Klein-Hausen durch die von Lorsch ausgewechselt. © WEINBACH
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Die vereinte Gemeinde Einhausen entstand bekanntlich erst im Jahr 1937. Damals wurden die beiden ehemaligen selbstständigen Orte Groß-Hausen, nördlich der Weschnitz, und Klein-Hausen, südlich „der Bach“, wie die Weschnitz damals genannt wurde, von den Nationalsozialisten zwangsweise zusammengefügt zu Einhausen.

Weschnitz als Grenze

Die Weschnitz bildete die Grenze zwischen dem katholischen Klein-Hausen, das zu Kurmainz gehörte, und dem protestantischen Groß-Hausen im Besitz von Hessen-Darmstadt. Allein das war in den vergangenen Jahrhunderten schon Ausgangspunkt für Streitigkeiten. In Einhausen sind die Begriffe Klein-Hausen und Groß-Hausen zumindest für viele ältere Einwohner noch immer präsent.

Deutlich wird die frühere Eigenständigkeit auch an den beiden Friedhöfen. Der Friedhof Süd liegt im früheren Klein-Hausen an der Abzweigung der Industriestraße Richtung Schwanheim, nahe der Weschnitz. Den Friedhof Nord in Groß-Hausen erreicht man über die Friedhofstraße. Die beiden Friedhöfe spiegeln auch die Konfessionszugehörigkeit vergangener Tage wider.

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Groß-Hausen ist protestantisch geprägt, Klein-Hausen katholisch. Beide Ortsteile hatten bis Mitte des 19. Jahrhunderts auch keine eigenen Kirchen. Das seit der Reformation im Jahr 1517 evangelische Groß-Hausen gehörte zur Pfarrei Schwanheim. Die Gläubigen mussten dort die Gottesdienste besuchen. Erst 1875 konnte am Groß-Häuser Rathaus ein Betsaal ausgebaut werden, der zum großen Teil aus der Schwanheimer Kirchenkasse finanziert wurde. Die Kirchengemeinde Groß-Hausen ist auch heute noch verbunden mit Schwanheim. Die verstorbenen Einwohner von Groß-Hausen wurden bis 1840 in Schwanheim beerdigt. Ein Teil des Weges, (vorbei am Kreuzweiher) zum dortigen Friedhof hieß bis 1891 die „Todengasse“, weiß der Einhäuser Heimatforscher Kurt Müller vom Verein für Heimatgeschichte.

1872 wurde die katholische Kirche St. Michael geweiht. Die Leichen von Bürgern aus Klein-Hausen waren bis 1859 auf dem Lorscher Friedhof beerdigt worden. Ein Zeichen für die Bindung von Klein-Hausen an Lorsch sind drei Kreuze auf dem Weg nach Lorsch, heute bekannt als Alte Einhäuser Landstraße, in umgekehrter Richtung hieß sie Lorscher Landstraße.

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Wie Kurt Müller erklärte, gab es in Einhausen bis etwa 1900 keine Straßennamen, wie man sie heute kennt. Die Straßen wurden nach durchlaufenden Hausnummern und zeitweise auch nach Flurstücken benannt. Auch Namen wie Ober-, Unter-und Hintergasse wurden genutzt. Der Name „Obergasse“ ist hier nicht auf Geländeunterschiede, sondern auf den Weschnitzlauf bezogen“. Sie bezeichnet also die „Gasse weschnitzaufwärts“. Es war die „Hauptstraße“ von Klein-Hausen.

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Hauptstraßen eines Dorfs waren einst alte Verkehrswege, schrieb Magdalena Fecher 1942 in ihrer Sammlung „Die Namen der Gemarkungen Kleinhausen und Seehof bei Lorsch“. Die „Hintergasse“, so Fecher, reichte vom Rathaus bis zur Weschnitzbrücke und liegt im Vergleich zum Ortsmittelpunkt „hinten“. Ober- und Hintergasse gehörten zu dem von Groß-Hausen nach Lorsch führenden alten „Lorscher Weg“.

In umgekehrter Richtung hieß er „Häuser Pfad“. „Es ist Teil eines von Groß-Gerau und Gernsheim kommenden mittelalterlichen Handelswegs, der nach Mannheim und der Bergstraße führte. Wegen der unmittelbaren Nähe der hessischen Landesgrenze gab es schon im 15. Jahrhundert in Klein-Hausen eine Zollstätte“, heißt es in dem Werk von Magdalena Fecher.

Leichenzug über die Felder

Am einstigen Ortseingang von Klein-Hausen in der Mathildenstraße, damals die Obergasse, gegenüber der früheren Firma Hübner, steht noch ein Kreuz, an dem eine Tafel über die kirchlichen Verbindungen von Klein-Hausen informiert: „Die Gemeinde Klein-Hausen, bis 1825 zu Lorsch gehörend (heute Einhausen) stand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in einem kirchlichen Filialverhältnis zu Lorsch und hatte keinen eigenen Friedhof. Die Toten mussten bis 1859 im Leichenzug über die Felder auf den Friedhof Lorsch gebracht und dort bestattet werden.“

Auf dem Leichenzug kam man an drei Wegkreuzen vorbei. Eines in Klein-Hausen in der Mathildenstraße, eines an der Einhäuser Landstraße (heute Gewerbegebiet im Daubhart) und eines vor dem Friedhof in Lorsch. Dort, wo die gusseisernen Kreuze seinerzeit aufgestellt waren, hielt der Trauerzug inne. Die Leichenträger wurden gewechselt und Gebete gesprochen.

Im Zuge der Baugebietsentwicklung für die Baugebiete „Viehweide“ und „Im Daubhart“ in Lorsch wurden die beiden Kreuze versetzt. Das Kreuz in der Einhäuser Mathildenstraße steht heute hingegen noch an seinem ursprünglichen Platz.

Freie Autorenschaft Seit mehr als 40 Jahren als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen aktiv, Fotograf und Berichterstatter, im Regelfall waren/sind es Zeitungen die dem BA oder ganz früher, mit dem Echo verbunden waren. Berichterstattung meistens über Lorscher Vereine und Organisationen, früher auch Sport.