Medizinisches Versorgungszentrum - Hausärzte in Einhausen berichten von guten Erfahrungen / Es können mehr Patienten behandelt werden und es gibt keinen Aufnahmestopp mehr Praxisbetrieb lief auch in der Quarantäne

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Jörg Keller
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In Einhausen sind die Praxen in der Ernst-Ludwig-Straße 25 zu finden. © Keller

Einhausen. Kurz vor Weihnachten wurde das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in Einhausen erstmals so richtig auf die Probe gestellt. Die beiden langjährigen Einhäuser Hausärzte Dr. Elena Deipenbrock und Dr. Marc Wermann, die seit dem 1. Oktober 2020 unter dem Dach der ze:ro-Praxen für ihre Patienten da sind, mussten beide für zwei Wochen in Quarantäne. „Zwei Corona-Patienten waren ohne Vorankündigung in die Sprechstunde gekommen“, sagt Marc Wermann. Das Gesundheitsamt verordnete den beiden Medizinern daraufhin erst einmal eine 14-tägige Auszeit.

Ärzte in Mannheim sprangen ein

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Normalerweise hätten die vor dem Oktober eigenständigen Hausarztpraxen daraufhin ebenfalls eine Zwangspause einlegen müssen. Nicht so das neue MVZ. Ärzte der ze:ro-Praxen in Mannheim sprangen ein und hielten das medizinische Angebot in Einhausen am Laufen. Mit dem Corona-Virus infiziert hatten sich Deipenbrock und Wermann letztlich nicht. So konnten sie sich nach der Quarantäne wieder selbst um Patienten kümmern.

Pflegepersonal wird schon geimpft, Ärzte müssen warten

Dass Hausärzte in Hessen nicht zur ersten Gruppe gehören, die sich gegen das Corona-Virus impfen lassen können, kann Dr. Marc Wermann nicht verstehen. Im MVZ bieten er und seine Kollegin Dr. Elena Deipenbrock täglich eine Infektionssprechstunde an, in der bis zu sechs Personen mittels PCR-Test auf eine Corona-Infektion getestet werden. Zudem biete man Schnelltests an.

„Das machen wir alles auf eigenes Risiko“, sagt Marc Wermann. Zudem betreuen die beiden Mediziner auch das Altenpflegeheim. „Hier wird das Pflegepersonal geimpft, wir aber nicht“, sagt er. Bis zum 15. Januar seien Hausärzte in Hessen sogar in die dritte Impfgruppe eingeteilt gewesen, jetzt zumindest in die zweite.

Die Ze:ro-Praxen haben sich mit einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gewandt: „Hausärzte und deren Praxispersonal stehen bei den Patientenkontakten in vorderster Front und sind für die Bekämpfung der Pandemie und der Versorgung der Patienten erste Anlaufstelle. Sie sollten in Gruppe 1 geimpft werden.“

Neun von zehn Covid-Patienten befänden sich in ambulanter Behandlung. Dies zeige sowohl die wichtige Rolle in der Patientenversorgung, sowie die Gefährdung der Hausärzte sowie ihrer Mitarbeiter und Patienten auf. Auch, wenn im Vorfeld eines Praxisbesuches beim Patienten versucht wird, eine mögliche Infektion mit diesem Virus abzuklären und ihn dann in eine Corona-Schwerpunktpraxis umzuleiten, lasse es sich trotzdem nicht immer verhindern, dass Covid-19-positive Patienten in die Praxis kommen.

Zudem könnten auch asymptomatische Patienten infiziert sein und ein Ansteckungsrisiko in die Praxis tragen. „Viele Hausarzt-Praxen nehmen auch selbst Corona-Abstriche vor, was ein zusätzliches Risiko beinhaltet“, heißt es im offenen Brief. Auch bei Hausbesuchen bestünden Gefahren, dass sich Ärzte infizieren oder – bei Alten- und Pflegeheimen – Infekte zu den Bewohnern bringen. PCR-Tests nimmt das MVZ im Rahmen der Infektionssprechstunde vor.

Getestet werden unter anderem Patienten mit Erkrankungen der oberen Atemwege, mit Symptomen, aber auch Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Bezahlt werden die Tests von der Krankenkasse oder vom Land Hessen.

Zudem seien die ze:ro-Praxen „gut mit Schnelltests ausgestattet“, so der stellvertretende Geschäftsführer Lutz Hager. Diese Tests müssen Patienten allerdings selbst bezahlen. Für Besuche im MVZ ist wegen der Corona-Gefahr im Vorfeld telefonisch ein Termin zu vereinbaren. kel

Gut drei Monate nach der Umstellung kann Marc Wermann im Gespräch mit dieser Zeitung nur Positives über die neue Organisationsstruktur berichten. „Wir funktionieren jetzt wie eine kleine Ambulanz und können deutlich mehr Patienten behandeln“, sagt er. Während er in der Vergangenheit schon einmal einen Aufnahmestopp habe verhängen müssen, werde jetzt kein Patient mehr abgewiesen. Eine Obergrenze gebe es nicht.

Insgesamt hat das MVZ nach Angaben von Marc Wermann über 10 000 Patienten registriert. Weitaus mehr also als Einhausen Einwohner hat. Regelmäßig – also mindestens einmal pro Quartal – würden etwa 2000 Menschen die Dienste der beiden Mediziner in Anspruch nehmen. „Als alleine praktizierender Hausarzt dürfte ich pro Quartal maximal 850 Patienten behandeln.“

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Das funktioniert, weil sich die beiden Mediziner nicht mehr um administrative Aufgaben kümmern müssen. Die ze:ro-Praxen als Betreiber des MVZ kümmern sich nach Auskunft des stellvertretenden Geschäftsführers Dr. Lutz Hager unter anderem um die Buchhaltung, die Finanzen, die Rechnungsstellung, die Personalverwaltung und die IT.

Für die Patienten habe sich hingegen zunächst einmal nichts Wesentliches im Kontakt zu ihren vertrauten Hausärzten verändert. Diese können jetzt jedoch ohne zusätzliche Verwaltungsaufgaben weitaus mehr Menschen behandeln, das MVZ habe längere Öffnungszeiten und werde auch nicht wegen Urlaub geschlossen.

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Auf Dauer sollen Elena Deipenbrock und Marc Wermann durch weitere Ärzte unterstützt und später einmal auch ersetzt werden, wenn sie sich in den Ruhestand verabschieden. Einen Zeitplan dafür gibt es noch nicht. Der Übergang soll nahtlos erfolgen. „Unser großer Vorteil ist, wir können den Umbruch in kleinen Schritten angehen“, sagt Lutz Hager. Auf der Unternehmens-Homepage listen die Ze:ro-Praxen eine ganze Reihe von Stellenangeboten auf. Für das Einhäuser MVZ werden aktuell ein Allgemeinmediziner oder Internist und eine medizinische Fachangestellte gesucht.

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Viele junge Mediziner würden heute ein Angestelltenverhältnis bevorzugen, sagt Mieke Hoffmann, die bei den ze:ro Praxen für den Bereich Kommunikation und Marketing zuständig ist. Kaum jemand wolle noch als selbstständiger Hausarzt 60 Wochenstunden arbeiten. Gefragt seien stattdessen flexible Arbeitszeitenmodelle oder auch Teilzeit-Verträge. Das Thema „Work-life-balance“, also der Ausgleich zwischen Arbeits- und Privatleben, werde auch bei Medizinern immer wichtiger.

Das musste auch schon Marc Wermann in der Vergangenheit erfahren. „Drei Jahre lang habe ich versucht, einen Partner für meine Praxis zu finden“, sagt er. Erfolglos. Das MVZ sei daher eine „tolle Lösung“, die seiner Einschätzung nach auch noch wachsen wird. „Das kann sich zu einem richtig großen Medizinstandort entwickeln.“

Dem entgegen steht derzeit jedoch unter anderem noch ein begrenztes räumliches Angebot. Mit den beiden nebeneinander im Sparkassengebäude am Juxplatz gelegenen Arztpraxen, habe man das MVZ zwar verwirklichen können. Ideal sei diese Lösung allerdings noch nicht.“ Die Räumlichkeiten sind nicht für einen dritten Arzt ausgelegt“, sagt Lutz Hager.

Platz für Vergrößerung gesucht

Für eine auf die Zukunft ausgerichtete Lösung brauche man mehr Platz. Bei den ze:ro-Praxen setzt man dabei auf die Unterstützung durch die Gemeinde. „Bei einem Gespräch mit Bürgermeister Helmut Glanzner haben wir offene Türen eingerannt“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer.

Konkrete Ideen, wo ein vergrößertes MVZ einmal angesiedelt sein kann, kann Hager jedoch noch nicht benennen. „Zentral gelegen sollten sie sein“, sagt er. In der Vergangenheit war von verschiedenen Seiten immer mal wieder die Freifläche Marktplatz 12 als möglicher Standort für ein Ärztehaus genannt worden. Doch noch ist nicht entschieden, wie der Bereich im Ortskern. einmal umgestaltet und genutzt werden soll.

Zusammenschluss

Die ze:ro-Praxen sind nach eigenen Angaben der größte ambulante Gesundheitsversorger in der Metropolregion Rhein-Neckar.

Der Zusammenschluss aus 27 haus- und fachärztlichen Praxen bietet in zwölf Kommunen in Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ambulante Leistungen.

Das Angebot beinhaltet Untersuchung, Betreuung und Therapie in den Gebieten Innere Medizin, Nephrologie/Dialyse, Kardiologie, Pneumologie, Angiologie, Onkologie, Allgemeinmedizin sowie Physiotherapie.

Über 400 Mitarbeiter versorgen jährlich rund 120 000 Patienten.

Im Kreis Bergstraße betreiben die ze:ro-Praxen Zentren auch in Bensheim und Lorsch. red/kel

Redaktion Redakteur, Ressorts Lorsch, Einhausen und Region