Kultur - Für die Filmstudentin Laura Kobisch ist ihre Abschlussarbeit gleichzeitig eine Herzensangelegenheit Einhäuser Studentin produziert Film über Gehörlosigkeit

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Thomas Tritsch
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Die Filmstudentin Laura Kobisch (2.v.r.) aus Einhausen produziert zusammen mit Regisseur Leonard Mink, Kamerafrau Laura Köhler Jorin Gundler (Schnitt) den Abschlussfilm “Tremolo“. © Kobisch

Einhausen. Am Set gibt es durchsichtige Corona-Masken. Damit die Gehörlosen die Lippenbewegungen der anderen sehen können. Denn ohne Mund und Mimik ist Kommunikation praktisch unmöglich.

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„Tremolo“ heißt die Abschlussarbeit einer Gruppe Filmstudenten von der Hochschule Darmstadt: Leonard Mink führt Regie, Produzentin ist Laura Kobisch. Für die Einhäuserin ist das Projekt nicht nur das Finale ihres Studiums, sondern eine Herzensangelegenheit: „Wir wollten ein wichtiges Thema in besonderer Form umsetzen.“ Gut 80 000 gehörlose Menschen leben in Deutschland. Deren Stimme in der öffentlichen Wahrnehmung ist eher leise. Das Filmteam nähert sich dem sensiblen Thema über die Musik. „Eine Sprache, die jeder versteht“, so Laura Kobisch.

Musik als gemeinsame Sprache

Die Story: Ein gehörloser Junge trifft nach langer Zeit wieder auf seinen eigenen Vater, einen Berufsmusiker, der aber die Gebärdensprache nicht beherrscht. An einem langen Wochenende lernen beide, dass sie mit der Musik eine gemeinsame Sprache sprechen. Der untertitelte Film soll eine Brücke zwischen Gehörlosen und Hörenden bauen. Und bereits die Produktion ist als Inklusionsprojekt geplant, wie Laura Kobisch erläutert: Das Drehbuch wird gemeinsam entwickelt, und auch der 13-jährige Hauptdarsteller Ben Kermer ist gehörlos.

Im Teaser, der auf YouTube zu sehen ist, steht der Junge vor riesigen Edel-Lautsprechern und dreht die Lautstärke bis zum Anschlag. Die Bilder an Wand vibrieren, und Aron tanz ausgelassen, während die Bässe durch seinen Körper jagen. Er hört keinen Klang, aber er spürt die Schwingungen, durch und durch.

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Eineinhalb Minuten, die neugierig machen. Auf einen Kurzfilm, der am Ende zirka 25 Minuten dauern wird. Neben Mink und Kobisch gehören Kamerafrau Laura Köhler und Jorin Gundler (Schnitt) zum engsten Kreis. Von Maske über die Postproduktion bis zum Catering werden rund 30 Personen hinter der Kamera an dem Projekt beteiligt sein. Die Zusammenarbeit mit Ben Kermer, für den es die erste richtige Filmrolle ist, verlief von Beginn an hervorragend, so Laura Kobisch: „Die Chemie stimmt.“

In dem kurzen Ausschnitt wird der professionelle Anspruch des Teams deutlich. Starke Bilder, intime Emotionen und eine Vater-Sohn-Beziehung mit kommunikativen Herausforderungen, die sich nicht allein auf akustischer Ebene abspielen. In „Tremolo“ geht es auch um die ganz normalen Reibungen im Zusammenleben der Generationen.

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„Versuch` einfach nur, nicht zu stören“, sagt ihm der Vater, „und versuch`, nichts kaputt zu machen!“ Neugierig entdeckt Aron das Studio des Musikers. „Das Klavier ist tabu!“ – doch der Junge erforscht gleichsam die Effekte des Klangs auf sein Inneres und beginnt, Musik leidenschaftlich in sich aufzusaugen. Er legt den Kopf auf die Tasten und schlägt gespannt einen Ton an. Danach geht es völlig in der Musik auf.

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Der Film erzählt davon, wie die beiden nach einigen Holprigkeiten schließlich zueinander finden. Doch den Kanal, auf dem sie miteinander kommunizieren, müssen beide erst einmal entdecken. Für Laura Kobisch, Jahrgang 1998, ist die Geschichte auch ein Plädoyer für uneingeschränkte Akzeptanz und Anerkennung. Egal, welches Handicap einer hat oder nicht. Der Film soll die Zuschauer sensibilisieren und einem zumeist an den Rand gedrängtes Thema mehr Aufmerksamkeit verschaffen.

Auch die Filmemacher lernen dazu

Inhaltsarme Unterhaltung kam für das Team von Beginn an nicht in Frage. Also arbeitete man daran, ein gesellschaftlich relevantes Thema in eine Story zu übersetzen, die bei aller gebotenen Kürze möglichst viele Facetten beleuchten kann. Für die Studenten war das Projekt übrigens die erste Begegnung mit gehörlosen Menschen. Eine neue Perspektive, die nicht nur künstlerische, sondern auch biografische Konsequenzen haben dürfte: „Wir haben schon jetzt sehr viel gelernt“, so Kobisch, die als Videoproduzentin im Social-Media-Bereich angefangen hat und seit kurzem zudem beim Hessischen Rundfunk arbeitet. Mit dem Abschlussfilm wird sie ihren Bachelor an der Hochschule in der Tasche haben.

Bei aller Kürze: Die Vorbereitung und der Dreh kosten eine Menge Zeit. Und Geld. Daher hat das Team eine Crowfunding-Kampagne gestartet. Die gesamte Produktion dürfte zirka 25 000 Euro kosten. Das Fundingziel sind 15 000 Euro. „Dann könnten wir loslegen.“ Aktuell rangiert die Kampagne, die noch bis 28. Februar läuft, bei gut 5000 Euro. Auch über die Initiative KulturMut Rhein-Neckar erhielt das Team eine kleine Summe. Wenn die Finanzierungsphase erfolgreich ist, könnten die Dreharbeiten im April beginnen. Location: der Großraum Darmstadt.

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