Heimway - Der digitale Maiway-Ersatz bietet am Abend vor Christi Himmelfahrt gute Unterhaltung – und das nicht nur im Internet Zwölf Bands, kein roter Strich – aber viel Spaß

Von 
Dirk Rosenberger
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Applaus in der Taunusanlage: Die Streetwalkers waren eine von zwölf Bands, die bei Heimway kurze Überraschungskonzerte in Bensheim und Umgebung gaben. © Kirsch

Bensheim. Festival-Feeling in Corona-Zeiten? Eigentlich unmöglich. Abstandsregeln, Hygienevorschriften und Ansteckungsgefahr lassen Großveranstaltungen momentan wie ein Traum aus längst vergangenen Tagen wirken. Veranstalter weichen deshalb immer mehr auf digitale Formate aus, die mal mehr, mal weniger gut funktionieren.

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Die Pandemie hat auch Harry Hegenbarth einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Der 18. Geburtstag des Musikfestivals Maiway am Mittwoch musste abgeblasen werden, der rote Strich blieb in der Showmaker-Garage. Neue Ideen mussten her – und aus Maiway wurde am Vorabend von Christi Himmelfahrt Heimway. Eine typische Wortkreation aus dem Hause Showmaker und – so viel sei vorweggenommen – eines der bisher besten Konzepte, wie man Live-Musik und Corona-Krise unter einen Hut bringen kann, ohne dass die Zuschauer vor dem Laptop in den Tiefschlaf versetzt werden oder die Polizei auf der Matte steht.

Im Geheimen vorbereitet

Was im Geheimen vorbereitet wurde, offenbarte sich um 19 Uhr im Live-Stream und an einigen Ecken in Bensheim, und nicht nur dort. Zwölf Bands tauchten plötzlich auf, spielten ein paar Lieder und zogen zum nächsten Gig weiter. Immer mit Abstand und Überraschungseffekt. Beispiele gefällig? Die Maiway-Veteranen von Groove Generation waren mit einen Lkw unterwegs und brachten unter anderem ein bisschen Schwung auf den Beauner Platz und vor die Leinwand des Auto-Kinos. DNS gaben sich die Ehre, der Bergsträßer Schlagerkönig Rico Bravo und Tango Django reisten im roten Bus an und unterhielten die Bewohner des Caritasheims, die Band Parallel spielte aus dem Cabrio heraus.

Tobi Vorwerk legte eine Solo-Nummer vor dem Zentrum der Wohnungslosenhilfe hin, die Oigeborene reisten stilecht mit dem Traktor und gelben Gummistiefeln an. Die Rammstein-Parodie auf dem Marktplatz vor Sankt Georg hatte schon Qualität.

Musikalische Schnitzeljagd

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Es lag mehr als nur ein Hauch roure Schdrisch in der Luft an diesem lauen Frühsommerabend in Bensheim und Umgebung. Wer Lust und Laune hatte, konnte sich draußen auf eine kleine musikalische Schnitzeljagd begeben. Vor dem Bildschirm wurde es aber ebenfalls nicht langweilig. Das Moderatoren-Duo Harry Hegenbarth und Florian Schmanke (formvollendet durch eine Plastikscheibe getrennt) überzeugte mit einer Mischung aus gespielter Ahnungslosigkeit und Entertainment-Qualitäten auf bodenständigem Niveau einer Late Night-Show.

„Tut uns leid, dass ihr uns ertragen müsst. Aber wenn ihr euch besser fühlen wollt, dann spendet doch einfach ein bisschen“, wies Hegenbarth schmunzelnd auf das zentrale Anliegen von Heimway hin – vom Unterhaltungsfaktor abgesehen. Mit der aufwendigen Aktion wollte man den Verkauf von No-Show-Tickets ankurbeln und Spenden generieren. Aus allen Einnahmen sollen die Gastronomen, Techniker und Standbetreiber unterstützt werden, zudem soll die Deutsche Muskelstiftung vom Benefiz-Euro profitieren.

Wie vor 19 Jahren alles begann

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Wer sich durch die dreistündige Show klickte, die aus einem zum Studio umfunktionierten Büro im Hasenviertel gesendet wurde, durfte sich nicht nur an einigen Kalauern und Improvisationen erfreuen. Es gab auch die ein oder andere Anekdote. So erfuhr man per Live-Schalte zu Thorsten Zanger, wie vor 19 Jahren alles begann. Der Bensheimer hatte die Idee, ein Kneipenfestival auf die Beine zu stellen und sprach am Winzerfest vor der Stadtmühle Harry Hegenbarth an. Der galt damals schon als (junger) Mann mit hochkreativen Eingebungen. „So ist der ganze Quatsch losgegangen“, meinten beide. Damals mit elf Bands auf zehn Bühnen. 2020 wären es 48 Bands auf 30 Bühnen gewesen – mit vermutlich mehr als 6000 zahlenden Gästen.

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Bevor es aber zu nostalgisch werden konnte, ging es wieder raus zu den Bands, darunter auch die Formation „Me and my Headphones“ die sich aus ehemaligen Mitgliedern von Cargo City zusammensetzt. Oder den Streetwalkers um Frowin Ickler, die zwischen den Hochhäusern der Taunusanlage die Balkone mit Zuhörern füllten und zuvor am Kirchberghäuschen für Gänsehautmomente sorgten. Im Prinzip war es ein großes Maiway-Familientreffen, an dem sich außerdem noch die Jackaroos, Stir it up, Reymann (die dem Landrat in Heppenheim ein Ständchen sangen), Parallel und Total K.O. beteiligten. Eigentlich ein Lineup, mit dem man in der Region Hallen und Plätze füllen kann. Dass aus technischen Gründen nicht alle im Stream auftauchten, konnte man bei der Premierenvorstellung verschmerzen.

Als besonderes Schmankerl am Rande konnten sich über Ebay Musikfans ein Kurzkonzert von Rico Bravo, DNS und Parallel in den eigenen Garten oder Hof holen. Live und in Farbe, direkt am gleichen Abend. Eine kreative Art der Geldbeschaffung, die ein paar hundert Euro einbrachte.

„Viel positives Feedback“

Am Tag danach waren die Macher zufrieden. „Wir hatten sehr viel positives Feedback“, erklärte Harry Hegenbarth, der noch einmal die Gemeinschaftsleistung in den Vordergrund stellte und sich vor allem beim Sponsorentrio aus GGEW AG, Volksbank sowie Merck, Gregor Ott und Tobias Rohatsch für die tatkräftige Unterstützung besonders im technischen und organisatoren Bereich und den städtischen Behörden bedankte. Ein besonderes Lob gab es außerdem für sein Showmaker-Team. Mit den insgesamt 9000 Views nur während der Aktion und im Schnitt 600 Live-Zuschauern hatte man nicht unbedingt gerechnet.

Fazit eines kurzweiligen Abends: Die Kombination aus Live-Stream und spontaner Live-Musik vor überraschtem Publikum ist in Corona-Zeiten großes Kino – vor allem, wenn man bedenkt, dass die aufwendige Aktion innerhalb von einer Woche aus dem Boden gestampft wurde und so einiges hätte schiefgehen können. Tat es aber nicht. Deshalb gerne mehr davon.

Redaktion