Frauenhaus - Kostenfreie juristische Beratung per Telefon / Corona-Krise forciert das Risiko von häuslicher Gewalt Zwischen Existenzangst und Virussorgen

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Der Verein Frauenhaus bietet ab sofort auch juristische Beratung per Telefon an. Unser Bild zeigt die beiden Fachanwältinnen Konstanze Hiemenz (li.) und Andrea Steines mit der Vorsitzenden Christine Klein (re.). © Funck

Bensheim. Der Verein Frauenhaus Bergstraße bietet seit Ende April eine juristische Beratung an. Zielgruppe sind vor allem Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Fachanwältinnen Andrea Steines und Konstanze Hiemenz helfen bei allen Fragen rund ums Thema Familienrecht.

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Der ehrenamtliche Service ist kostenfrei und findet am Telefon statt. Von Besuchen in der Beratungs- und Interventionsstelle an der Hauptstraße 81 bittet der Verein aufgrund der aktuellen Lage bis auf weiteres abzusehen.

Eine Beratung ist donnerstags von 16 bis 18 Uhr und freitags zwischen 15 und 17 Uhr möglich. Termine können unter der Nummer 06251/67495 oder Mobil 01577/7569629 vereinbart werden.

Kontaktsperren, häusliche Isolation, Familien auf engstem Raum: Die Pandemie hat das soziale Leben schlagartig und massiv verändert. Das zwischenmenschliche Konfliktpotenzial ist dadurch erheblich gestiegen, bestätigen die beiden Juristinnen, die auch im Vorstand des Vereins aktiv sind.

Gefahr von Übergriffen

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Wenn der gewalttätige Partner das Haus nicht mehr verlässt, sitzen Frauen regelrecht in der Falle. Denn dadurch reduziert sich auch die Möglichkeit für betroffene Frauen zur Kontaktaufnahme bei einer Beratungsstelle oder zum Frauenhaus.

Isolation führt zu Stress, der sich verstärkt in Gewalt-Eskalationen entladen kann, sagt auch Vorsitzende Christine Klein. Aufgrund der massiven Einschränkungen des sozialen Lebens geht sie von einer Zunahme häuslicher Gewalt aus. Die Krise forciert das Risiko durch die Kombination von Kinderbetreuung und Arbeit zu Hause, gepaart mit Existenzängsten, Zukunftssorgen und der Sorge vor einer Ansteckung mit dem Virus, was wiederum zu häuslicher Quarantäne führen würde. Die Distanz zwischen Täter und Opfer wird kleiner, die Gefahr von Übergriffen steigt. Der Lockdown ist zwar nicht die Ursache von Missbrauch, aber er verschlimmert das Verhalten der Männer, die ohnehin zu Aggression neigen, betonen die Fachanwältinnen, die neben dem Spektrum Kinder und Gewalt auch Fragen zu Wohnungszuweisungen und strafrechtlichen Themen beantworten.

Weniger Spenden befürchtet

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Es gibt keine Entschuldigung für Missbrauch – egal in welcher Situation, heißt es aus der Vereinsspitze, wo man ein wenig skeptisch in die Zukunft blickt. Durch die Pandemie und den wirtschaftlichen Abschwung befürchtet man ein Rückgang der Spendenbereitschaft, die in den vergangenen zwei Jahren überaus positiv zu Buche geschlagen war, so Christine Klein. Auch der Fluss von Landesmitteln und kommunalen Zuwendungen – die Hauptfinanzierungsquellen – könnten im Nachgang der Krise sinken. Die Träger von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen haben daher keine verlässliche Finanzierungsgrundlage, so die Vorsitzende.

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Denn die Mittel von Ländern und Kommunen sind in der Regel freiwillige soziale Leistungen, die abhängig von Haushaltslagen gezahlt und jederzeit gekürzt werden können. Corona könnte eine solche Tendenz anfeuern, glaubt man im Verein, der durch die Schaffung von Rücklagen potenzielle Finanzierungslücken zu überbrücken hofft. Und auch die 80 000 Euro, die der Kreistag der Beratungsstelle bewilligt hatte, sind nach wie vor mit einem Sperrvermerk versehen. Zum Leidwesen der Akteure. „Wir brauchen aber Planungssicherheit“, betont die Vorsitzende.

Im Frauenhaus selbst beobachtet man derzeit eine relativ hohe Fluktuation. So manche Frau verlässt das Haus nach eigenen Angaben wegen der Infektionsgefahr. „Wir gehen davon aus, dass im Haus derzeit keine infizierten Personen leben“, so Klein. Die Wohn- und Arbeitsbedingungen sind allerdings recht beengt, weshalb man penibel auf maximale Abstands- und Hygienevorgaben achte.

Persönliche Kontakte werden vermieden, die komplette Einrichtung regelmäßig und umfangreich gereinigt und desinfiziert. Denn sowohl die Mitarbeiterinnen wie die Bewohnerinnen mit ihren Kindern leben und arbeiten nah beieinander. Büros, Beratungsräume, Küchen und Sanitärräume werden gemeinschaftlich genutzt.

Das Frauenhaus Bergstraße ist seit Jahren zu nahezu 100 Prozent belegt. Viele hilfesuchende Frauen müssen daher an andere Häuser vermittelt werden, mit denen man in einem engen Kontakt steht. Zudem sei die Dunkelziffer der nicht erfassten Fälle häuslicher Gewalt weiterhin sehr hoch.

Und auch die Kinder der Betroffenen sind in der Statistik nicht berücksichtigt. Ziel der Beratungsstelle sei es, Frauen in ihrer Situation so früh wie möglich zu helfen, so Christine Klein. Die juristische Telefonberatung ist ein Teil davon. Wann es in Bensheim wieder persönliche Face-to-Face-Beratungen geben wird, ist derzeit noch unklar. tr