Interview - Der künftige stellvertretende Schulleiter der Liebfrauenschule spricht über die Besonderheiten der Schule „Wir wollen das Engagement der Mädchen fördern“

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red
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Bensheim. In diesen Tagen ist es Thema in Familien mit Viertklässlern, welche weiterführende Schule ihre Kinder besuchen sollen. Für die Schülerinnen gibt es in Bensheim mit der Liebfrauenschule das zusätzliche Angebot eines Gymnasiums mit Realschulzweig – das ausschließlich Mädchen offen steht.

Mirko Schnegelberger ist ab Februar kommissarisch stellvertretender Schulleiter der Liebfrauenschule. Im Interview spricht er über die Besonderheiten des Bensheimer Mädchengymnasiums mit Realschulzweig. © LFS/Neu
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Doch was kann eine Mädchenschule Besonderes bieten? Im Interview äußert sich dazu Mirko Schnegelberger, der ab Februar in der Liebfrauenschule das Amt des stellvertretenden Schulleiters kommissarisch übernimmt.

Herr Schnegelberger, was ist bei Mädchen so „besonders“?

Mirko Schnegelberger: Es steht fest, dass bei Mädchen die Pubertät zwei Jahre früher einsetzt als bei Jungs und sie gerade in diesem Alter gerne in Ruhe arbeiten, oft fleißig und zielstrebig sind. Wir wollen die Mädchen darin unterstützen, ihre eigenen Fähigkeiten und Begabungen zu entwickeln. Dazu gehört auch, dass man ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten und Beziehungen unterstützt. Das Miteinander und Füreinander wird an unserer Schule sehr hochgehalten, so dass sich die Mädchen wirklich in einer Schulgemeinschaft aufgehoben fühlen. Die besondere Förderung des sozialen Miteinanders haben wir im Auge, wenn wir in jeder Klassenstufe eine Klassenstunde vorsehen, in der Vorhaben organisiert, Konflikte besprochen und Demokratie eingeübt wird.

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Was bietet die Liebfrauenschule für unterschiedliche Begabungen?

Schnegelberger: Wir bieten den Mädchen vielfältige Angebote für kreative Aktivitäten im Bereich Musik, Kultur. Besonders das Tanzen macht ihnen unglaublich viel Spaß. Mädchen nehmen Politik und Umweltthemen sehr empathisch wahr, wie wir bei der Sammlung von alten Handys zwecks Recycling feststellen konnten. Wir wollen dieses Engagement fördern und ihnen zeigen, dass man für sich und andere etwas bewirken kann, wenn man sich engagiert.

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Wie sieht es in den naturwissenschaftlichen Fächern aus?

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Schnegelberger: Ein wichtiges Feld sind die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), in denen sich Menschen in der Mittelstufe manchmal weniger zutrauen. An der LFS machen sie selbstverständlich alles selbst und sind bei Jugend forscht sehr aktiv und erfolgreich. Momentan etablieren wir Informatik als Fach an unserer Schule und bieten im Wahlpflichtunterricht technische Schwerpunkte an. Unter den Naturwissenschaftlerinnen an Unis sind die Absolventinnen von Mädchenschulen überproportional vertreten. Warum? Weil sie sich das selbstverständlich zutrauen.

Wenn sie sich für Sprachen interessieren, haben sie ein großes Austausch- und Fahrtenangebot und können im AG-Bereich das DELF- und Cambridge-Certificate erwerben.

Ist das Ziel ein guter Abschluss für „Mädchen in Männerberufen“?

Schnegelberger: Ja, aber nicht nur: eher noch mehr. Auffällig ist der Widerspruch, dass Mädchen zwar im Vergleich zu Jungs die besseren Abschlüsse vorlegen, aber nach wie vor in bestimmten Berufen und Führungspositionen unterrepräsentiert sind. Interessant ist, dass laut wissenschaftlichen Untersuchungen junge Frauen den Erfolg bei Bewerbungen eher dem Glück, Männer hingegen eigenen Fähigkeiten zuschreiben.

Wie sieht dann die Zielsetzung an der LFS aus?

Schnegelberger: Ziel ist es vor allem, das Selbstbewusstsein von Mädchen zu stärken – und da sind die Mädchen bei uns richtig. Es geht nicht darum, Mädchen in Männerberufe zu drängen, sondern sie darin zu unterstützen, ihren eigenen individuellen Weg auch ins Berufsleben zu gehen. Es ist auch nicht das Ziel, „Superweiber“ zu produzieren, die Karriere, Partnerschaft und Familie optimal verbinden können. Das führt oft zu Überlastung und Konflikten. Wir bieten ihnen Modelle der Erfahrung der Selbstwirksamkeit in der Schülervertretung, in Aktionen, in der Beteiligung an Entscheidungen, die sie ermutigen, durch Solidarität und Beharrlichkeit vieles zu erreichen.

Wie fällt die Resonanz auf ihren pädagogischen Weg aus?

Schnegelberger: Die Resonanz vieler ehemaliger Schülerinnen bestärkt uns in dieser Arbeit, die bedeutet, am Puls der Zeit zu bleiben und uns, wo nötig, zu verändern, um eine qualitätsbewusste, moderne Schule zu bleiben. Wir glauben, dass es der Gesellschaft nützt, wenn es eine Vielfalt im Bildungssystem gibt und Schulen unterschiedliche Akzente setzen. red