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„Die Besten der Bergstraße“ - Wilhelm Euler war zeitweise der größte Arbeitgeber in Bensheim

Unternehmer, Politiker und Netzwerker

Von 
Eva Bambach
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Bensheim. Wenn der Name Wilhelm Euler genannt wird, fallen unweigerlich zwei Begriffe: Papierfabrik und Metzendorf-Villen. Die Letzteren verdanken sich der Förderung ihres Architekten Heinrich Metzendorf durch den erfolgreichen Unternehmer Wilhelm Euler, der durch den Kauf und Ausbau einer Bensheimer Papierfabrik reich und einflussreich geworden war. Wilhelm Euler war nicht nur der zeitweise größte Arbeitgeber in Bensheim, sondern er beeinflusste das soziale, gesellschaftliche Leben in Bensheim in vielen weiteren Aspekten durch sein politisches und gesellschaftliches Engagement.

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Wilhelm Euler © Stadtarchiv, Nachlass Euler

Euler war Mitglied des Bensheimer Stadtparlaments, Kreistagsabgeordneter im Landkreis Bensheim und Landtagsabgeordneter der Nationalliberalen Partei. 1896 wurde Wilhelm Euler Bensheimer Ehrenbürger, 1899 ernannte ihn der Hessische Großherzog Ernst-Ludwig zum Kommerzienrat. Euler zählte zu den Gründern vieler Vereine, etwa des Odenwaldklubs, schon 1882, und des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins 1891.

Von Eulennest bis Eulenhorst

Fast 40 Gebäude ließ Wilhelm Euler durch die Bergsträßer Architekten Heinrich und Georg Metzendorf in den Jahren 1896 bis 1922 planen. Neben den Fabrikanlagen wurden dabei auch Villen für ihn und seine erwachsenen Söhne errichtet: Die Villa Eulennest (erbaut 1898/99 in der Heidelberger Straße 46), die Villa Euleneck (erbaut 1902/03 in der Ernst-Ludwig-Straße 21) und die Villa Eulenhorst mit ihren enormen Ausmaßen (erbaut 1912/13 in der Heidelberger Straße 50, das heutige Caritasheim).

Zu den im Auftrag Eulers erbauten Häusern gehören auch die zwischen 1902 und 1906 von den Brüdern Metzendorf konzipierten, für die moderne Siedlungsarchitektur wegweisenden Werkmeisterhäuser in der Friedhofstraße. Doch gäbe es wohl auch viele andere Metzendorf-Gebäude in den örtlichen Villenvierteln nicht ohne Wilhelm Euler, der – insbesondere für den Architekten Heinrich Metzendorf – Kontakte zu potenziellen Auftraggebern herstellte.

Erste Badeanstalt 1902 erbaut

Auch dass Bensheim Anfang April 1902 seine erste Badeanstalt erhielt, kam nicht ohne seine Mitwirkung zustande: Für das – längst abgerissene – städtische Freibad war Kommerzienrat Wilhelm Euler Vorsitzender der Badekommission; geplant wurde es von Heinrich Metzendorf.

Ein anderes Projekt jedoch konnte Euler nicht verwirklichen: Er kämpfte lang für den Bau einer Bahnstrecke nach Lindenfels. Eine der diskutierten Trassenverläufe hätte über das Zeller Tal und damit direkt am Firmengelände vorbeigeführt.

Auch nach dem Abriss der Papierfabrik, von der nur noch eine Mauer mit dem Firmennamen und ein Trafo-Gebäude übrig geblieben sind, erinnern noch etliche erhaltene, wenn auch zum Teil bedrohte Bauwerke augenfällig an das Wirken Wilhelm Eulers. Eine ideelle Ehrung war die Benennung der von der Hemsbergstraße am heutigen Caritasheim (und ehemaligen Wohnhaus Eulers) vorbei auf die Heidelberger Straße führenden Verbindung als Wilhelm-Euler-Straße. eba

Eulers Wirken als Unternehmer wird als sozial verantwortlich beschrieben: Er gründete eine der ersten Betriebskrankenkassen in der Region, baute Häuser für Betriebsangehörige und gewährte seinen Arbeitern zinslose Darlehen, um ihnen den Bau von Wohnraum zu ermöglichen.

Wilhelm Euler wurde am 23. Januar 1847 als Sohn des Landrichters Wilhelm Euler und dessen Frau Luise in Lorsch geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre in Nürnberg verbrachte Euler einige Zeit in Madrid und Paris und gründete, so heißt es, in Remscheid ein eigenes Unternehmen, noch bevor er 1871 nach Bensheim kam und mit nur 24 Jahren Leiter der Papierfabrik von Otto Heumann wurde, die er möglicherweise schon zwei Jahre später übernahm (manche Quellen nehmen ein späteres Datum an).

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Am 19. April 1875 heiratete Euler in Bensheim Anna Horst (1855-1926), die Tochter des Architekten, Ministerialrats im hessischen Finanzministerium und Präsidenten der Oberbaudirektion Darmstadt Johann Christian Horst und dessen Frau Caroline. Mit Anna hatte er zwei Söhne: Wilhelm, genannt Willie, und Karl, die beide später im väterlichen Unternehmen tätig waren. 1907 übergab Wilhelm Euler die Geschäftsleitung an seinen ältesten Sohn Willie.

Wilhelm Euler starb am 18. Mai 1934 im Alter von 87 Jahren. Genau 100 Jahre später sollte seine Papierfabrik für immer schließen.

Erfolgsgeschichte Papierfabrik

Ihre Anfänge hatte die spätere Papierfabrik Euler im Jahr 1859. Damals beantragten zwei Professoren des Darmstädter Polytechnikums im noch unbebauten Bensheimer Süden die Errichtung der Strohpapierfabrik Carl Hemmerde & Co. Gutes Schreibpapier wurde damals aus Leinen-Lumpen hergestellt – bei stetig steigendem Papierbedarf ein mangelnder Rohstoff. Man brauchte dringend alternative, in großer Menge zur Verfügung stehende Rohstoffe und kam auf Stroh. Das Material wurde gereinigt, in Stücke geschnitten und erst in Wasser oder Dampf, dann in Kalkmilch mit Zusatz von Pottasche gekocht.

Die fertigen Bogen mussten dann noch unter anderem mit Chlor und Schwefelsäure behandelt werden. In zeitgenössischen Beschreibungen wird das so hergestellte Papier als hart und steif beschrieben, so dass es beim Falten leicht brach. Als Schreibpapier war es also nicht gut zu gebrauchen, aber zum Beispiel für Verpackungen.

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Schon in den Anfangsjahren der Bensheimer Fabrik gab es mehrere Besitzerwechsel in der Firma. Otto Heumann, der die Papierfabrik 1867 erworben hatte, starb 1871 unerwartet. Wilhelm Euler übernahm daraufhin zunächst als Angestellter die Leitung des Unternehmens. Bald darauf erwarb Euler die Fabrik dann selbst: Spätestens ab September 1875 firmierte das Unternehmen offiziell als „W. Euler, Maschinenpapierfabrik zu Bensheim“.

Damit begann eine Erfolgsgeschichte, die nicht nur dem unternehmerischen Talent des Inhabers zu verdanken war, sondern auch technischer Innovation: Für die Papierherstellung wurde zunehmend Zellstoff verwendet, der in einem gerade erst entdeckten Verfahren aus Holz gewonnen werden konnte. Die Rohstoffprobleme in der Produktion auch hochwertiger Papiere hatten damit eine Lösung gefunden. Viele Bensheimer kennen noch den großen Holzplatz der Papierfabrik neben der Hahnmühle, der heute von einem kleinen Wohngebiet eingenommen wird.

Bei der Übernahme der Papierfabrik durch Euler war diese offenbar nicht gut aufgestellt: „Es gelang ihm, die verschuldete Fabrik durch Fleiß und Energie wieder konkurrenzfähig zu machen“, berichtete der ehemalige Stadtarchivar Richard Matthes. Das Unternehmen beschäftigte damals rund 20 Arbeiter, zwölf Jahre später waren es bereits 50 und um das Jahr 1900 umfasste die Belegschaft 100 Menschen (später sollten es einmal mehr als 300 Mitarbeiter werden).

Mit Dampfkraft ausgestattet

Unter Wilhelm Eulers Leitung zählte das Unternehmen zu den zehn größten Papierfabriken Europas. Doch Euler vergrößerte das Unternehmen nicht nur, er stattete es auch schon früh mit Dampfkraft aus – kurz nachdem die Guntrum-Brauerei 1874 die ersten Bensheimer Dampfmaschinen in Betrieb genommen hatte. Seit der Stilllegung der Fabrik im Jahr 2007 wird das „Eulergelände“ südlich des Friedhofs zu einem Wohngebiet mit mehreren Hundert Wohnungen entwickelt.

Der Erfolg Eulers beruhte nicht nur auf seinem Blick für zukunftsweisende Innovationen, sondern auch auf guter Netzwerkarbeit. So wurde er schon als Angestellter 1872 zum Mitbegründer und später stellvertretenden Vorsitzenden des noch heute aktiven Verbandes Deutscher Papierfabrikanten. Als Mitglied der Nationalliberalen Partei (NLP) war er im Kaiserreich ein Anhänger Bismarcks und der nationalen Einigung und strebte nach der Formung eines modernen Staats, der die Interessen der Industrie förderte. 1893 bis 1905 war Euler Abgeordneter der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen, neben seinen Funktionen im Bensheimer Stadtparlament und im Kreistag.

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