Lesung: Autorin Lale Akgün stellte ihr heiter-ironisches Buch "Tante Semra im Leberkäseland" vor "Türken sind anders, Deutsche aber auch"

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Bensheim. Die ganze Kultursuppe ist gar nicht so heiß, wie sie in vielen Landesküchen immer wieder aufgewärmt wird. "Türken sind anders - Deutsche aber auch", sagt die Lale Akgün, die ein wunderbar kulturironisches und alle Klischees demontierendes Buch geschrieben hat:

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"Tante Semra im Leberkäseland" erzählt die autobiografisch getränkte Geschichte einer türkischen Familie in Deutschland und verzichtet dabei auf die üblichen abgegriffenen Typisierungs-Schablonen.

Kulturelle Schrulligkeiten

Dabei schafft es die türkisch-deutsche Autorin mit kluger Subtilität und literarischer Leichtigkeit, die kulturellen Schrulligkeiten auf beiden Seiten so darzustellen, dass sie sich am Ende immer ähnlicher werden.

Den Begriff Integration mag Lale Akgün eher nicht. Mit dem Prozess des gesellschaftlichen Zusammenfügens könne sie in einer Welt voller Individuen ziemlich wenig anfangen, sagte die Autorin im PiPaPo-Kellertheater. In der Reihe "Bensheim im Blickpunkt" hatte die Bensheimer Bücherstube Ingeborg Deichmann zu einer Lesung eingeladen, die vom zahlreich anwesenden Publikum ausgiebig beklatscht wurde.

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Das lag wahrscheinlich an der sympathischen und überhaupt nicht missionierenden Art der Autorin, sich diesem sehr argumentationsbefruchtenden Thema anzunehmen. Der politische Aspekt des Buchs liegt aber einzig und allein darin, den überlebenstauglichsten unter den Vorurteilen kräftig in den Hintern zu treten.

Lale Akgün erzählt salopp von den kleinen Missverständnissen und Begegnungen zwischen Türken und Deutschen, und zwar in einem Ton, der beim Leser mehr Verbundenheit als Vorsicht verursacht.

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Geboren 1953 in Istanbul, kommt die Autorin als Neunjährige mit ihrer Familie nach Deutschland. 1981 wird sie deutsche Staatsbürgerin. Seit 2002 ist sie Bundestagsabgeordnete und Islampolitische Sprecherin der SPD. Lale Akgün lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Köln. "Zwischen Minarett und Dom", kommentiert sie ihre biografischen Verschlingungen. Als Kind einer gut situierten Istanbuler Großstadtfamilie kollidiert sie mit einem für sie exotenhaften Deutschland zu Beginn der 60er Jahre.

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Im krachledernen München trifft ein weltgewandter Orient auf westlich-katholische Enge: Im Unterricht wird erst mal gebetet, auf dem Schulhof werden die Mädchen von den Jungen getrennt. Für ihre Familie ein Kulturschock. Der Vater ein sozialistisch denkender Zahnarzt, die Mutter angehende Ingenieurin und feministisch angehauchte Kemalistin.

Köstlich, wie Lale Akgün von der ersten Begegnung mit der deutschen Nachbarschaft erzählt. Während in der Türkei die Hausgemeinschaft kollektiv den Neuling begrüßt, ist es in Deutschland üblich, als Zugezogener in der häuslichen Umgebung vorstellig zu werden. Völlig overdressed, mit Abendkleid und schwarzen Handschuhen ("Mutter sah aus wie Holly Golightly") fallen die Türken in einer rheinischen Familie ein.

Vor allem Tante Semra wirft alle kulturellen Konventionen über den Haufen: Im Ramadan bucht sie eine Kreuzfahrt, denn wer reist, der fastet nicht. Sie betet täglich, bildet sich beim Religions-Ritus aber vor dem Radio fort. Semra liebt Leberkäse, dessen Inhalt sie sich mit "Leber und Käse" passend redet. Von Schweinefleisch keine Spur.

Wer reist, muss nicht fasten

Die Autorin schildert die Opulenz türkischer Hochzeiten, bei denen es ab 1500 Gästen erst gemütlich wird, und rätselt über den deutschen Sinn für Romantik: Während hierzulande Kerzen den Gipfel der atmosphärischen Inszenierung darstellen, bevorzugt der Türke 100-Watt-Glühbirnen. Ein brennender Docht verursacht depressive Stimmung. "Außerdem will man doch sehen, was auf dem Teller liegt."

Lale Akgün berichtet von Tante Semra und ihrer ersten christlichen Beerdigung, von muslimisch aufgebauten Weinproben und ihrer "komplett integrierten Schwester", die Apfelkuchen backt und gemütlich geplante Kaffeekränzchen zu zweit schätzt. Eine Anmaßung für die türkische Verwandtschaft, die lieber spontan und zahlreich vor der Tür steht und um Verköstigung bittet.

Witzig, kauzig und den Finger immer in der Normalität des kulturbunten Alltags: Lale Akgüns chronologisch aufgebautes Buch vermittelt Lesespaß und weltliche Herzensbildung. Und es offenbart, dass kulturelle Kollisionen vor allem eins sind: enorm unterhaltsam. tr