Hospiz Bergstraße - Ambulante Begleitung geht auch in Krisenzeiten weiter / Veränderungen im Alltag Trotz nötiger Distanz: Die soziale Nähe bleibt

Von 
Thomas Tritsch
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Die ambulante Sterbe- und Trauerbegleitung des Hospiz-Vereins geht auch in Corona-Zeiten weiter. Allerdings müssen die Mitarbeiter unter schwierigeren Rahmenbedingungen arbeiten. © Neu (oben)/Funck

Bensheim. Die Pandemie verändert alles. Auch die Hospizarbeit. Doch an deren Auftrag hat sich trotz Coronakrise nichts verändert: Nähe schenken und niemanden alleine lassen. Doch wie können Menschen füreinander da sein, wenn sie sich voneinander fernhalten sollen? Was muss ein Hospizdienst leisten, um sterbende Menschen und ihre Angehörige auch in diesen Zeiten unterstützen und begleiten zu können?

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Dass sich der Begriff des „social distancing“ in der öffentlichen Diskussion zur Bewältigung der aktuellen Situation durchgesetzt hat, halten viele für ein Ärgernis. Denn er ist nicht nur soziologisch ungenau, sondern suggeriert sogar das Gegenteil von dem, worum es eigentlich geht.

Der Hospiz-Verein Bergstraße ist unter folgenden Rufnummern ...

Der Hospiz-Verein Bergstraße ist unter folgenden Rufnummern oder Adressen zu erreichen: E-Mail des Hospiz-Vereins: post@hospiz-verein-bergstrasse.de Dienstnummer der ambulanten Sterbebegleitung: Telefon 0152/ 01954599 Dienstnummer der Trauerbeglei

Auch Doris Kellermann vom Hospiz-Verein Bergstrasse hält eine Klarstellung für sinnvoll: Es gehe vielmehr um ein „physical distancing“, also eine physische beziehungsweise körperliche Distanz, die es momentan einzuhalten gelte. „Die soziale Nähe kann durch verschiedene kreative Ideen und Maßnahmen aufrechterhalten werden. Das kann sogar ganz neue Erfahrungen ermöglichen“, so die hauptamtliche Teamleiterin der ambulanten Hospizarbeit. In Zeiten der Isolation und drohenden Einsamkeit gehe es darum, für schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen da zu sein.

Besuche reduziert

Die Koordinatorinnen aus der Sterbe- und Trauerbegleitung des Vereins haben schnell reagiert, betont Doris Kellermann. Zunächst seien sämtliche Familien von begleiteten Patienten kontaktiert worden. Außerdem wurde der Ausnahmezustand mit den Ehrenamtlichen besprochen, die derzeit in einer Begleitung stehen.

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„Selbstverständlich müssen Besuche reduziert, Hygieneregeln eingehalten und eben auch physischer Abstand gewahrt werden“, erläutert sie den neuen Alltag. Keine leichte Aufgabe für alle Beteiligten. Das soziale Band, das Begleiter und Kranke verbindet, muss nun völlig veränderten Rahmenbedingungen standhalten.

Wie die Koordinatorinnen der ehrenamtlichen Sterbebegleitung berichten, seien die allermeisten Familien sehr einsichtig gewesen. Vielleicht auch deshalb, weil etliche Verwandte derzeit nicht arbeiten gehen und daher mehr Zeit für den schwerkranken Angehörigen haben. Dies könne bei aller potenziellen Belastung eine sehr wertvolle Erfahrung sein, so Doris Kellermann.

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Gleichzeitig stehe die Frage im Raum, wie Hospizarbeit im ambulanten Bereich weitergehen kann, wenn der direkte Kontakt kaum oder gar nicht möglich ist. Die Lösung liegt auch hier in alternativen Kommunikationsformen: Es gehe nun in erster Linie darum, die begleitenden Gespräche auf andere Kanäle zu verlagern, vor allem auf das Telefon oder elektronische Medien. Eine Ehrenamtliche reagierte auf die Tatsache, dass sie eine ältere Dame im Heim nicht mehr besuchen kann, mit einer sehr klassischen Variante: „Ich schreibe ihr einen langen Brief. Den kann sie dann auch immer wieder lesen.“

Schöne Rituale am Telefon

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Auch beim telefonischen Austausch könnten schöne Rituale entstehen, berichtet Kellermann aus der Praxis: „Ich rufe meine Patientin jetzt jeden zweiten Abend an. Und wenn wir ein bisschen geplaudert haben, lese ich Ihr eine Geschichte vor, über die wir dann sprechen“, so die erfahrene Hospizbegleiterin.

Viele Angehörige seien einfach nur froh über die Möglichkeit, jederzeit anrufen zu dürfen, wenn sie Angst bekommen oder ein entlastendes Gespräch benötigen. Allein die Chance auf eine solche Kontaktaufnahme sei eine Hilfe, berichten die pflegenden Angehörigen – auch, wenn nicht jeder dieses Angebot wahrnimmt. „Das ist die Nummer gegen Kummer, haben die Koordinatorinnen früher immer gesagt. Jetzt umso mehr“, so Doris Kellermann.

Auch der Grundsatz der systemischen Arbeit bleibt während der Pandemie gewahrt: Die Begleitung bezieht sich niemals nur auf einen einzelnen Menschen, sondern immer auf das komplette System, also den Patienten und sein gesamtes Umfeld. Deswegen sei gerade jetzt die Angehörigenbegleitung von besonderer Qualität. Denn viele Familienmitglieder können ihren schwerkranken oder stark pflegebedürftigen Elternteil oder Partner nicht mehr besuchen, weil der Betroffene auf einer Intensivstation liegt oder oder das Pflegeheim keine Besuche zulassen darf.

Gerade dafür hat der Hospiz-Verein eine Notrufnummer reserviert, unter der man jederzeit eine geschulte Kraft erreicht, die über viel Erfahrung im Umgang mit Krisen, Leid und Einsamkeit verfügt.

Ein weiterer sehr gefragter Bereich ist die klassische Beratung. Gerade zu sensiblen Themen wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht sind in den vergangenen Jahren nicht nur schwer erkrankte Menschen, sondern auch andere, auf Vorsorge bedachte Personen an den Verein herangetreten, um das Know-how der Mitarbeiter in Anspruch zu nehmen. „In der unsicheren Situation dieser Tage stellen sich natürlich vielen Bürgern neue Fragen. Sie überdenken ihre Einstellung zur eigenen Vergänglichkeit wie auch ihre persönlichen Wünsche“, so die Teamleiterin zum BA.

Herz als Handschmeichler

Eine telefonische Beratung sei allerdings erheblich mühsamer als ein direktes Beratungsgespräch, meint Angela Schäfer-Esinger von der ambulanten Hospizarbeit. „Aber schwieriger bedeutet nicht unmöglich.“ Vor allem bringen die Koordinatorinnen des Vereins genügend Zeit mit, um sich mit solch essenziellen Fragen auseinanderzusetzen.

Auch die Hauptamtlichen des Vereins erleben durch Corona konkrete Veränderungen. Weitaus häufiger als früher machen Familienmitglieder nach dem Tod Fotos der aufgebahrten Angehörigen, um sie an andere Verwandte oder Freunde zu schicken. Durch die zunehmende Verfügbarkeit von Handys hatte dieser Trend schon lange zugenommen, so Doris Kellermann.

Aber auch uralte Rituale werden wieder neu entdeckt, wenn ein Abschied nicht wie in normalen Phasen möglich ist. Beispielsweise dem Verstorbenen eine Haarsträhne abzuschneiden und aufzubewahren. „Ich selbst schenke dem trauernden Hinterbliebenen gern ein Olivenholzherz, das er seinem verstorbenen Angehörigen in die Hand geben darf.“ Die meisten Angehörigen stecken sich das Herz als Handschmeichler in die Hosentasche oder legen es neben einem Foto ab, berichtet Doris Kellermann. Die Symbolik: „Du trägst mein Herz in deinen Händen – für alle Ewigkeit.“

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