Kinderbetreuung - Die Nachfrage steigt trotz des laufenden Ausbauprogramms weiterhin / Vier Gruppen sollen an der Siemens-Straße in Container ziehen Stadt muss eine Krippen-Kita aufbauen

Von 
Dirk Rosenberger
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Am Berliner Ring laufen die Vorbereitungen für den Neubau einer siebenzügigen Kita. Aber auch die dortigen Betreuungsplätze werden nicht ausreichen. © Funck

Bensheim. Kaum ein Tag zurzeit ohne Neuigkeiten zur Kinderbetreuung in Bensheim: Nachdem bekannt wurde, dass es keine gemeinsame Kita für Fehlheim und Schwanheim geben wird, sondern jeder Stadtteil einen Neubau erhält (wir haben berichtet), geht es jetzt wieder darum, den enormen Bedarf zu decken.

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Seit fünf Jahren steigen die Investitionen massiv. Mit der Kita Hollerbusch in der Sparkassen-Allee wurde zu Beginn dieses Jahres eine fünfzügige Einrichtung eröffnet. Am Berliner Ring laufen aktuell die Erdarbeiten für eine weitere neue Kindertagesstätte, die sieben Gruppen beherbergen wird. Die Awo-Kita Stubenwald wurde im benachbarten Bürogebäude erweitert, die Kita Sankt Winfried nach Abriss und Neubau ebenfalls ausgebaut. Und die Container auf dem Gelände der Schillerschule an der Jakob-Löhr-Straße sind längst zu einem festen Bestandteil der Planungen geworden.

Immer früher in die Betreuung

„Ich weiß nicht, wie glücklich ich sein soll, dass wir immer mehr Kinder haben“, erklärte Bürgermeister Rolf Richter im Gespräch mit dieser Zeitung in einem Anflug von Galgenhumor. Natürlich sei es für eine Stadt ein super Zeichen, dass sich immer mehr junge Familien ansiedeln. Weil zugleich die Knirpse immer früher in die Betreuung gehen, steigt die Nachfrage.

Für den Rathauschef ist es deshalb, unabhängig vom Rechtsanspruch der Eltern, keine Frage, dass man vom bisherigen Kurs nicht abweicht. „Die Kinder- und Familienfreundlichkeit ist eines unserer Aushängeschilder. Dazu stehen wir.“ In der Praxis bedeutet das ein erneutes Nachlegen beim Schaffen von Betreuungsplätzen. Denn was bisher auf den Weg gebracht wurde, reicht nach neusten Erkenntnissen nicht aus.

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Es besteht demnach Handlungsbedarf. Die Lücken sollen in mehreren Schritten geschlossen werden. Zunächst wird der frühere Kinderhort in der Jacob-Löhr-Straße umgebaut – in Absprache mit der Schillerschule. Mit im Vergleich zu den sonstigen Vorhaben in diesem Bereich „geringen Mitteln“ (Richter) werden dort zwei Kita-Gruppen untergebracht. Die Kosten belaufen sich auf 150 000 Euro. Dadurch werden im vierten Quartal rund 50 Plätze zusätzlich geschaffen. Die Räume werden so angelegt, dass sie später für Krippen-Kinder geeignet sind. Zusammen mit den ein paar hundert Meter entfernt stehenden Containern ergibt das fünf Gruppen. Diese sollen mittelfristig in die neue Kita am Berliner Ring umziehen. Deren Fertigstellung ist für Ende 2021 vorgesehen.

„Das reicht aber nicht, weil wir besonders bei den U 3-Kindern einen stetig steigenden Bedarf haben“, betonte Richter. Nach Abschluss der Anmeldephase zu Beginn dieses Jahres liegt das Defizit bei 70 Plätzen. Zwar ziehen erfahrungsgemäß nicht alle Eltern die Option, aber 40 bis 50 Plätze werden nach Einschätzung des Bürgermeisters fehlen. Eine erneute Erweiterung der Awo-Kita Stubenwald im Vista-Bürogebäude scheiterte am Brandschutz.

Familienzentrum als Träger

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Als Zwischenlösung wird mit einer vierzügigen Krippe auf einem Gelände an der Werner-von-Siemens-Straße geplant – 200 Meter von der Kita Hollerbusch entfernt. Das Familienzentrum könnte auch dort die Trägerschaft übernehmen. „Das Grundstück können wir für zwei Jahre plus Verlängerung pachten“, bemerkte der Rathauschef.

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Gebaut wird deshalb in Modularbauweise, sprich mit Containern. Die Kosten für das Vorhaben müssen noch ermittelt werden, aber allein die Miete für die Unterkunft dürfte sich auf knapp eine Million Euro belaufen. Die Kinder aus der Werner-von-Siemens-Straße sollen mittelfristig an die Jacob-Löhr-Straße umziehen, wenn die Schützlinge dort an den Berliner Ring gehen. Ein Ringtauschsystem, das eine logistische Herausforderung für alle Beteiligten darstellt.

Das Ende der Fahnenstange sei damit nicht erreicht, verdeutlichte Richter. Abgesehen von den steigenden Kosten sei es grundsätzlich schwierig, in Bensheim ein Grundstück mit mindestens 2500 Quadratmetern zu finden, auf dem in welcher architektonischen Form auch immer Kinderbetreuung möglich ist. „Wir sind deshalb der WSW Baubetreuung dankbar, dass sie uns das Grundstück an der Werner-von-Siemens-Straße verpachtet“, meinte der Bürgermeister.

Ein Lob gab es außerdem für das Team des Eigenbetriebs Kinderbetreuung um Leiter Armin Zeißler. „Sie machen einen super Job. Es werden riesige Anstrengungen in Zusammenarbeit mit den Eltern unternommen, um die Kinder unterzubringen und Lösungen zu finden.“ In den vergangenen Wochen sei zudem die Organisation der Notbetreuung und aktuell des „eingeschränkten Regelbetriebs“ in Corona-Zeiten hinzugekommen. Das alles laufe reibungslos, was eigentlich das beste Kompliment sei – „denn dann hat sich niemand groß beschwert“.

Lieb und teuer

Gleich, wie es mit der Pandemie weitergeht: An Herausforderungen wird es dem Eigenbetrieb auch in den nächsten Jahren nicht mangeln. Ein Ende des Zuzugs vor allem von jungen Familien in Bensheim ist momentan nicht absehbar. Für Finanzdezernent Adil Oyan bedeutet dies, im Haushalt mit steigenden Ausgaben kalkulieren zu müssen. Für dieses Jahr beläuft sich der Zuschussbedarf auf 11,2 Millionen Euro. Die Kinderbetreuung bleibt den Bensheimern damit lieb und teuer.

Redaktion