Wissenschaft - Die Bensheimer Firma HTV koordiniert ein dreijähriges Bundesforschungsprojekt / Kostenvolumen über 2,9 Millionen Euro Sensible Elektronik vor Angriffen schützen

Von 
Thomas Tritsch
Lesedauer: 
Die Firma HTV steuert ein Projekt des Bundesforschungsministeriums. Dafür erhielt das Unternehmen eine Förderung in Höhe von 2,1 Millionen Euro aus Steuergeldern. Unser Bild zeigt (v. li.) Annemarie Maletic, Holger Krumme, Geschäftsführer Edbill Grote, Gunter Mößinger, Thomas Kuhn und Staatssekretär Michael Meister. © Neu

Bensheim. Ein prominentes Projekt des Bundesforschungsministeriums wird von Bensheim aus gesteuert: Unter dem Dach der Leitinitiative „Vertrauenswürdige Elektronik“ ist die Halbleiter- Test & Vertriebs-GmbH (HTV) damit beauftragt, ein Multisensorsystem für elektronische Komponenten zu entwickeln. Dadurch sollen wichtige Schaltkreise vor Angriffen und Manipulationsversuchen geschützt werden. Das Volumen des Projekts beträgt über 2,9 Millionen Euro.

AdUnit urban-intext1

Das Ministerium fördert das Vorhaben mit 2,1 Millionen Euro. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Michael Meister, hat am Dienstag den Förderbescheid überreicht. Als federführender Verbundkoordinator arbeitet HTV eng mit dem Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) in Berlin und der Jenaer Leiterplatten GmbH zusammen.

Newsletter-Anmeldung

Das Projekt läuft bis Februar 2024. „Wir hoffen, dann entsprechende Erfolge vorweisen zu können“, so Thomas Kuhn, Assistent der Geschäftsleitung und Leiter verschiedener Forschungsprojekte bei den 1986 gegründeten Halbleiterspezialisten.

Schwachstellen beseitigen

Mehr zum Thema

Wirtschaft HTV soll verkauft werden

Veröffentlicht
Von
tr
Mehr erfahren

Unter der Überschrift „Verhinderung von Angriffen auf Elektroniksysteme durch innovative Multi-Sensorik“ wollen die Forschungspartner Schwachstellen von elektronischen Komponenten erkennen und beseitigen, um feindliche Zugriffe zu verhindern. Konkret geht es darum, Sicherheitslücken zu schließen und Verteidigungsmechanismen zu entwickeln, um wertvolle Bauteile abzuschirmen.

AdUnit urban-intext2

Wird ein Manipulationsversuch erkannt, werden durch eine spezielle Kontrollschaltung Maßnahmen zum Schutz des Systems ausgelöst. Ein Zugriff auf weitere Systemkomponenten wird unterbunden, sensible Daten werden gelöscht.

Thomas Kuhn erklärt: Der Ansatz, den HTV verfolgt, erfordere keine Modifikation des grundsätzlichen Aufbaus von Komponenten und Strukturen. „Das System wäre mit allen sicherheitskritischen Anwendungsschaltungen kombinierbar.“ Somit ergebe sich im Idealfall eine kostengünstige Lösung, die wirtschaftlich attraktive Kleinserienfertigungen und einen sehr großen Anwendungsbereich ermögliche.

AdUnit urban-intext3

Trotz einer zusätzlichen „Hülle“ über dem bestehenden Modul geht Kuhn davon aus, dass die Dimension des modifizierten Bauteiles nicht sehr viel größer ausfallen wird als dessen Urzustand. Das Gehäuse werde aber sicherlich etwas größer ausfallen müssen, so der Diplom-Ingenieur, der seit zehn Jahren bei HTV arbeitet.

AdUnit urban-intext4

Gemeinsam mit den Verbundpartnern will die Firma in den nächsten drei Jahren einen sogenannten Demonstrator entwickeln: Ein Modell, das die Machbarkeit der Lösung demonstriert und sowohl die jeweilige Kundenelektronik wie auch ein Überwachungssystem integriert. Eine Art konzeptueller Baukasten, der beispielhaft zeigt, wie man Mikroelektronik schützen kann. Die Aufbau- und Verbindungstechnik des Modells soll durch ein zerstörungsfreies Prüfverfahren ergänzt werden, das die Integrität des Schutzmechanismus überwacht.

Der Politiker betont die allgemeine Bedeutung des Themas: Die Relevanz elektronischer Bauteile im Alltag wächst weiter, und damit auch der Anspruch an eine sichere und zuverlässige Funktion. Der Einsatz in selbstfahrenden Autos oder Servicerobotern erfordere daher vertrauenswürdige Bauteile, die bestenfalls am Standort Deutschland produziert werden sollten, so Michael Meister.

Es gehe darum, die Digitalisierung mit eigenen Wert- und Zielvorstellungen mitzugestalten, um eine technologische Souveränität zu erreichen, die unabhängig von internationalen Lieferketten mache. Die Elektronik als Kern jedes digitalen Systems bewertet Meister als zentrale Schlüsseltechnologie der Digitalisierung. Entlang der Richtlinie „Vertrauenswürdige Elektronik“ (Zeus) will der Bund die Elektronik-Kompetenzen und damit die Technologiesouveränität der deutschen Wirtschaft und Wissenschaft stärken und im Sinne der nationalen Digitalstrategie ausbauen.

Anerkennung aus Berlin

„Berlin hat bemerkt, dass sich hier etwas bewegt“, so Meister über die Bensheimer Firma. Als studierter Mathematiker und ehemaliger Mitarbeiter der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA/ESOC) in Darmstadt hat er einen engen Bezug zu naturwissenschaftlichen Themen. Der Bergsträßer Bundestagsabgeordnete teilte beim Besuch von HTV mit, dass die Bundesregierung für den Erhalt und den Ausbau von technologischer Souveränität in Deutschland und Europa bis 2024 nochmals 400 Millionen Euro zur Verfügung stelle. Durch die Förderung soll die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden. Neben den großen Konzernen soll auch der Mittelstand von der Förderung profitieren.

HTV beschäftigt aktuell 150 Mitarbeiter am Stammsitz Bensheim, wo die Firma 2009 ein Spezialgebäude zur Langzeitkonservierung elektronischer Bauteile gebaut hatte. Dort sind derzeit Einlagerungen von bis zu 50 Jahren möglich, so der Technische Leiter Holger Krumme. Die Expansion im Gewerbegebiet Stubenwald war ein weiterer Schritt in der Biografie des Unternehmens, das von Edbill Grote und Thilo Tröller als Test- und Programmierzentrum gegründet und zu einer auch geografisch verästelten Firmengruppe ausgebaut wurde.

2006 kam die MAF GmbH für die Montage und Verpackung mikroelektronischer Schaltkreise in Frankfurt/Oder hinzu. 2015 wurde die GigaSysTec GmbH in Bocholt (DECT Funklösungen) gegründet. Unter dem Label der auf IT-Sicherheit spezialisierten Tochter HTV Cyperion GmbH haben die Bensheimer Erfinder Ende 2019 nach sechs Jahren Entwicklungszeit ein kompaktes Multi-Computersystem vorgestellt, das im Gegensatz zu gängigen Modellen über ein hardwarebasiertes Hochsicherheitskonzept verfügt und durch drei baulich getrennte Ebenen mit verschiedenen Sicherheitsstufen eine maximale Datensicherheit bieten soll.

Ein weiteres Geschäftsfeld ist die Analyse geplanter Sollbruchstellen in Konsumgütern. HTV hat ein freiwilliges Prüfzeichen eingeführt, das Verbrauchern versichert, dass ein Gerät ohne eingebautes Ablaufdatum hergestellt wurde.

Der Umsatz der Gruppe bewegt sich im dreistelligen Millionenbereich. Zu den Kunden gehören namhafte Konzerne wie Bosch, Siemens und Daimler. Heute ist HTV eigenen Angaben zufolge der weltweit drittgrößte Spezialist im Bereich der Bauteilprogrammierung.

Freier Autor