Unternehmen - Im Stubenwald werden von der Firma Pfaff/KSL hochwertige Mehrweg-Masken hergestellt / Pilotbetrieb soll Selbstversorgung des Landes ermöglichen Schutzmasken aus Bensheim für Hessen

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Thomas Tritsch
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Die Firma Pfaff/KSL Industriesysteme und Maschinen GmbH im Bensheimer Stubenwald ist Pilotbetrieb für die Versorgung von Hessen mit Schutzkleidung. © Neu

Bensheim. Beim Spatenstich für das Neubauprojekt vor gut einem Jahr konnte das der Nähmaschinenbauer Pfaff nicht ahnen, dass er vom Produzenten quasi über Nacht zum Anwender wird: Am Standort im Bensheimer Stubenwald werden vom Tochterunternehmen KSL bereits seit einigen Wochen Gesichtsmasken produziert, die aufgrund der gigantischen Nachfrage seit der Corona-Pandemie zu den wichtigsten Schutztextilien gehören.

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Um dem hohen Bedarf gerecht zu werden, müssten in vielen Ländern lokale Produktionen für die Masken aufgebaut werden, betont Geschäftsführer Michael Kilian. Auf der Basis des gewachsenen Know-hows in der Näh- und Schweißtechnik sowie durch einen massiven Input des derzeit sehr dynamischen Marktes hat sich die Unternehmensgruppe entschlossen, die massenhafte Fertigung von Masken aufzunehmen.

Vollautomatisierte Abläufe: Ziel ist eine Gesichtsmaske pro Sekunde



Laut Geschäftsführer Michael Kilian gehe es um den Aufbau eines nachhaltig und langfristig angelegten Produktionssystems. Der Pilot soll als Referenz für Deutschland auf Bundesebene dienen.

Neben der manuellen beziehungsweise teilautomatischen Fertigung will KSL ein vollautomatisiertes System etablieren, das eine Maske pro Sekunde herstellen kann. „Wir wissen, wie das geht“, kommentiert Guido Jaeger und verweist auf die Spitzenposition von KSL im Bereich der automatisierten Verarbeitung von technischen Textilien, Leder und Verbundwerkstoffen.

Die Hightech-Schmiede des Konzerns baut Spezialanlagen in der textilen Fertigung und hat namhafte Kunden auf der ganzen Welt. In Airbags, Matratzen, Autoteilen, aber auch im Mode- und Möbelbereich sowie der Luft- und Raumfahrt steckt Technik von der Bergstraße. „Durch Krisen wird die Automatisierung befeuert“, so Jaeger. Die aktuelle Pandemie führe wohl dazu, dass digitale Transformationsprozesse, Home-Office-Lösungen und virtuelle Betriebsabläufe noch stärker als Geschäftsmodell anerkannt und in den Unternehmensalltag integriert werden. Auch ein global aktiver Konzern müsse sich um die Bedürfnisse vor Ort kümmern und lokale Lösungen anbieten.

Wenngleich auch Pfaff vom ökonomischen Tiefschlag durch die Coronagefahr betroffen sei, möchte Michael Kilian nicht ausschließen, dass man aus der Krise gestärkt hervorgehen könnte. Für Gesichtsmasken sei eine automatisierte Herstellung geradezu ideal geeignet. Hinzu komme die Tatsache, dass man durch solche Systeme einen personell schlanken Betrieb fahren könne. „Kurzarbeit gibt es bei uns nicht.“

Der Showroom in Kaiserslautern allerdings ist aufgrund ausbleibender Gäste bis auf weiteres geschlossen – aber nicht stillgelegt. In der Halle werden vorübergehend Masken produziert. In den nächsten Wochen werden zwei vollautomatische Produktionsanlagen für die Maskenfertigung an den Standorten Kaiserslautern und Bensheim installiert und zur Produktion gebracht. Bei voller Auslastung könnten auf den beiden Anlagen bis zu drei Millionen Masken pro Monat produziert werden. tr

In Bensheim läuft der Pilotbetrieb, der eine unabhängige Selbstversorgung des Landes Hessen ermöglichen soll. Zum neuen Portfolio gehören spezielle Schutzkleidung sowie Masken für den Einsatz im privaten Bereich, im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen. Das Material kommt zum Großteil von der Firma Freudenberg. Dabei handelt es sich um einen hochwertigen, sehr feinporigen Vliesstoff („non-woven“) mit einer besonderen faserigen Mikrostruktur, der durch seine Homogenität weitaus weniger durchlässig ist als ein herkömmlicher Baumwollstoff. Dadurch könne eine sehr gleichmäßige Filterwirkung erzeugt werden, teilt KSL-Geschäftsführer Guido Jaeger mit. Er spricht von einer Innovation im Bereich der Schutztextilien.

Komplett „Made in Germany“

Die Masken sind komplett „Made in Germany“, bestehen aus Polyester und Polyamid und sind bis zu 25 Mal waschbar. Ein Mehrwegprodukt, mit dem die Versorgung der Menschen während der Krise und darüber hinaus dauerhaft gesichert werden soll.

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Demnächst wird es neben der Standardmaske auch ein Modell mit beschichteter Oberfläche geben: Ein antiviraler Stoff, der Viren und Bakterien abtöten kann. Ebenso wie das Spezialvlies ist auch das antivirale Mittel bereits zugelassen.

Jetzt wartet KSL noch darauf, dass das Komplettprodukt zertifiziert wird. Dafür hofft man auf die Unterstützung des Landes Hessen. Konkret geht es um einen Auftrag und eine Investitionsförderung durch das Wirtschaftsministerium.

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Der Generalsekretär der hessischen CDU, Manfred Pentz, zeigte sich bei seinem Besuch in Bensheim interessiert: „Wir müssen den Nachschub an Schutzkleidung sichern.“ Eine schrittweise Rückkehr zur Normalität werde daran gebunden sein, das neue Hygieneverhalten beizubehalten und in verschiedene Alltagsbereiche zu übertragen. Dazu gehöre auch die Verordnung, im ÖPNV und im Einzelhandel sogenannte Alltagsmasken zu tragen.

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Eine totale Abhängigkeit von Maskenlieferungen aus dem Ausland dürfe es in Zukunft nicht mehr geben, so Pentz weiter. Es müssten daher regionale Produktionen aufgebaut werden, um eine notwendige Unabhängigkeit und Flexibilität zu gewährleisten.

„Wir blicken derzeit noch zuversichtlich in die Zukunft“, sagt auch Siegfried Riedel von der Beratungsfirma ITSM Group, die mit Pfaff die Produktion der Gesichtsmasken in Deutschland seit gut vier Wochen aufbaut und koordiniert. Eine Nische, die viele Aufträge verspricht.

Masken für Schulen und Kitas

Auch, wenn der Markt an Material für Masken derzeit regelrecht leergefegt sei. Es gehe den Partnern dabei um eine nachhaltige Serienproduktion. Auch Schulen und Kitas sollen kostenfrei ausgestattet werden. „Wir müssen Kindern auf spielerische Weise zeigen, wie man damit umgeht“, so Riedel, der betont, dass man in Bensheim technologische Digitalisierung mit den modernen Strukturen einer Industrie 4.0 zusammenbringen möchte.

Der Politiker malt die Lage weniger optimistisch. Manfred Pentz geht davon aus, dass durch die Krise etliche Unternehmen in eine Insolvenz getrieben werden und auf der Strecke bleiben werden. Auch die Arbeitslosenzahlen dürften enorm steigen. „Es wird aber auch Firmen geben, die gestärkt daraus hervorgehen“, so der CDU-Generalsekretär aus Groß-Zimmern.

Die Nachfrage nach den Näh- und Schweißmaschinen von Pfaff boomt, so Michael Kilian. „Wir erwarten einen Schub des gesamten Bereichs Digitalisierung.“ Die Pandemie habe weltweit vorgeführt, wie wichtig die Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten sei.

Produktion im Container

Neben einer großflächigen Abdeckung mit autarken nationalen Produktionsanlagen denkt Guido Jaeger bereits einen Schritt weiter. Eine Variante, wie sie am bisherigen KSL-Standort Lorsch bereits in ähnlicher Weise gebaut wurde: die Produktion im Container. Eine kompakte mobile Lösung, mit der man genau dort fertigen könnte, wo der Bedarf besonders hoch ist. Bislang hat KSL in solchen Boxen Laufschuhe für einen großen Player genäht. Demnächst könnte man in solchen Einheiten auch Mund-Nase-Masken produzieren. Um lokale Engpässe endgültig zu vermeiden.

Firmengeschichte

In den vergangenen 50 Jahren hat KSL eine Spitzenposition im Bereich der automatisierten Verarbeitung von technischen Textilien, Leder und Composites (Verbundwerkstoffe) übernommen.

Das Unternehmen baut Spezialanlagen in der textilen Fertigung und hat namhafte Kunden auf der ganzen Welt. In Airbags, Matratzen, Autoteilen, aber auch im Mode- und Möbelbereich sowie in der Luft- und Raumfahrt steckt beispielsweise Technik aus Lorsch – und aus Bensheim.

Gegründet wurde die Firma als Einmannbetrieb 1964 von Werner Keilmann in Lorsch. 1989 firmierte man zur „KSL Keilmann Sondermaschinenbau GmbH“ um.

Ein Jahr später folgte der Umzug an die heutige Produktionsstätte in der Bensheimer Straße in Lorsch.

2013 übernahm die ShangGong Europe GmbH die Geschäftsanteile von Robert Keilmann, der seit 2009 100 Prozent der Firmenanteile besaß.

Die Verschmelzung mit der Pfaff Industriesysteme und Maschinen GmbH kam zwei Jahre später.

Im Gewerbegebiet Stubenwald in Bensheim entstand ein neues Bürohaus mit Produktionsgebäude. Spatenstich war Anfang 2019. dr

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