Freundschaftskreis Klodzko - Vortrag über die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk / Im nächsten Jahr Lesung in Bensheim Schriftstellerin und sanfte Rebellin

Von 
Jeanette Spielmann
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Interessante Einblick in das Leben und die Arbeit von Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk (Bild rechts) gaben beim Treffen der deutsch-polnischen Freundschaftskreises Krystyna Goetz (l.) und Vereinsmitglied Rembert Boese. © Spielmann

Bensheim. Als in diesem Jahr die Preisträger für die Literaturnobelpreise 2018 und 2019 bekanntgegeben wurden, war die Freude beim deutsch-polnischen Freundschaftskreis Bensheim – Klodzko/Glatz sehr groß. Denn die mit dem Literaturpreis 2018 ausgezeichnete Olga Tokarczuk lebt nur wenige Kilometer von der polnischen Partnerstadt entfernt in Nowa Ruda/Neurode.

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Fast automatisch ergab sich in den örtlichen Literatur- und den deutsch-polnischen Kreisen die Idee, die Nobelpreisträgerin zu einer Lesung nach Bensheim einzuladen. Rembert Boese vom Freundschaftskreis wurde aktiv, ebenso Ehrenbürgermeister Georg Stolle und Ingeborg Deichmann von der Bensheimer Bücherstube. Die Einladung steht, und die Bereitschaft, nach Bensheim zu kommen, liegt von Olga Tokarczuk ebenfalls vor, lediglich der Termin ist noch festzulegen. Das wird aber voraussichtlich erst im kommenden Jahr möglich sein.

„Großes Glück für Bensheim“

Um etwas über die polnische Schriftstellerin zu erfahren, mussten die Mitglieder und Gäste des deutsch-polnischen Freundschaftskreises aber nicht so lange warten. Beim jüngsten Vereinstreffen im Hotel Felix war Krystyna Goetz zu Gast, die einen interessanten Einblick in das Leben von Olga Tokarczuk als Schriftstellerin und als „sanfte Rebellin“ gab.

Der Kontakt war über Rembert Boese aus Hirschberg entstanden, der selbst 1944 in Glatz geboren, den geografischen Bezug der Nobelpreisträgerin zu Klodzko/Glatz erläuterte und mit Fotografien von Tomasz Gmerek ergänzte.

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Referentin Krystyna Goetz aus Kassel ist sowohl privat als auch beruflich mit Polen verbunden. Im Oppelner Land aufgewachsen, siedelte sie noch vor dem Abitur mit ihrer Familie nach Rheinland-Pfalz um. Nach ihrem Pädagogik-Studium in Marburg arbeitete sie an der Europaschule in Kassel und hat hier Aussiedler-Kindern das Abitur in Polnisch abgenommen. In den 1990er Jahren baute sie in Warschau und Krakau den Deutschunterricht in Polen aus und hat später das Deutsche Sprachdiplom in Krakau entwickelt.

Heute engagiert sich Krystyna Goetz als Vorstandsmitglied in der Europa-Union Kassel und im Deutsch-Polnischen Bürgerforum Kassel, das sie mitbegründet hat. Ihr Anliegen ist es, ein differenziertes, offenes Polenbild zu vermitteln.

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Sie bezeichnete es als „großes Glück für Bensheim“, Olga Tokarczuk zu bekommen. Sie selbst habe es zunächst nicht glauben wollen, als im Oktober die Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben wurden. Aber auch in Polen sei darüber berichtet worden und „von Danzig bis Lemberg“ habe man sich sehr gefreut. Mit bemerkenswerter Auswirkung in Breslau, wo die Schriftstellerin viele Jahre gewohnt hat und deren Ehrenbürgerin sie ist. So gewährte der Oberbürgermeister jedem Bürger, der ein Buch von Olga Tokarczuk besitzt, eine Woche lang freie Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Breslau.

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Krystyna Goetz sieht die Schriftstellerin als „leidenschaftliche Demokratin, Europäerin und Grüne“. Die Parlamentswahlen in Polen während ihrer Leserreise in Deutschland lösten bei ihr Freude über den Einzug der kleinen Parteien wie den Grünen aus. Nicht freuen konnte sie sich aber über die Sitzverteilung im polnischen Parlament.

Olga Tokarczuk wurde 1962 in Polen bei Zielona Góra geboren. Ihr Vater war Leiter der Stadtbibliothek, ihre Mutter Kolumnistin. Sie wuchs als Einzelkind auf, fand die Welt in den Büchern verlockend und hatte sich das Lesen selbst beigebracht. Nach dem Abitur studierte sie Klinische Psychologie und arbeitete als Therapeutin. Die Arbeit mit psychisch Kranken empfand sie als sehr anstrengend. Sie fühlte sich ausgebrannt, gab die Psychologie auf und reiste als Rucksacktouristin durch die Welt.

Zuerst schrieb sie für sich, um zur Ruhe zu kommen, veröffentlichte verschiedene Texte in Periodika und Fachzeitschriften. Ihr erstes Buch (Städte in Spiegeln), eine Gedichtsammlung, erschien 1989. Bis heute hat sie 17 Bücher veröffentlicht, die laut Krystyna Goetz aber keine Romane im üblichen Sinne seien, sondern vielmehr Essays und Erzählungen.

„Olga Tokarczuk kann Realität interpretieren“, sagt die Referentin, und das funktioniere offenbar besonders gut mit Psychologie. Diese unkonventionelle Arbeitsweise hatte auch das Nobelpreiskomitee hervorgehoben und lobte die „erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform“ repräsentiere. Auch in der Literatur gehe Olga Tokarczuk neue Wege und löse Gattungen auf. „Jedes Buch hat eine andere Architektur“, so Krystyna Goetz.

Zuletzt erschienen ist ihr fast 1200 Seiten starkes Werk „Die Jakobsbücher“, das einem literarischen Gemälde polnisch-jüdischer Geschichte gleicht.

Die „sanfte Rebellin“ zeigt sich bei Olga Tokarczuk darin, ihre Meinung couragiert zu äußern, ohne dabei aggressiv oder aufgeregt zu sein. Um politisch-gesellschaftliche Fragen geht es auch bei den von ihr 2015 ins Leben gerufenen Literaturfestivals, die im schlesischen Eulengebirge, vor allem in den Städten Nowa Ruda (Neuroda), Walbrzych (Waldenburg) und Klodzko (Glatz), aber auch im benachbarten Tschechien stattfinden. „Sie ist es wert, gelesen zu werden“, so das abschließende Fazit von Krystyna Goetz.

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