Rührendes Liebespfand

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Als Liebespfand dürfte eine unbekannte Schöpferin dieses Faltschnittblatt in der Biedermeierzeit angefertigt haben. Wie es ins Museum kam, ist nicht bekannt. © Funck

Keine Frage, dieses Objekt ist nicht von einem ausgebildeten Künstler oder Handwerker hergestellt worden. Zu ungelenk sind – bei aller Sorgfalt und liebevollen Ausarbeitung – die Buchstaben und Verzierungen gebildet und zu alltäglich erscheint auch das Material dieses aus Papier ausgeschnittenen Artefakts, das seit 1909 dem Museum gehört und dort im Biedermeierzimmer als „Liebesbrief“ ausgestellt ist.

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Umso berührender ist der private Charakter des mit mehreren schlicht gereimten Zweizeilern bedeckten Blattes. „Ewig lieb ich dich allein / dies Herz soll dir ein Zeugnis sein“ oder „In meinem Herzen steht geschrieben / dass ich dich allein soll lieben“ heißt es da. Aber auch „Zwei liebende Herzen / theilen geduldig ihre Schmerzen“ und „Ich leide, dulde und trage / und füge mich in meine Lage“.

Die Verse voller Herzensglück, Treueschwüre und Liebesleid beschwören das in der Biedermeierzeit zum Ideal erhobene häusliche Glück. Bescheidenheit und Einfachheit, nicht Pathos und Überhöhung prägen den Ton. Das Blatt mit einem Durchmesser von etwa 36 Zentimetern entstand in einer Technik, die heute noch bei kindlichen Bastelarbeiten beliebt ist: Ein quadratisches Blatt Papier wird mehrfach so gefaltet, dass die Achse jeweils durch den Mittelpunkt verläuft.

Das entstandene Dreieck wird an den Rändern so beschnitten, dass sich nach dem Auseinanderfalten eine regelmäßige Kreisform ergibt. Im vorliegenden Fall wurden vorher noch ein Kronenmotiv, eine Herzform, das Wort Liebe und mehrere Verzierungen mit einer Nadel durch alle Lagen gleichzeitig gestochen und später farbig mit dem Pinsel nachgezogen und mit weiteren Motiven ergänzt. Möglicherweise ist diese Technik in Zusammenhang mit der zur Goethezeit beliebten Technik des Scherenschnitts zu sehen, bei der Porträts und Szenen als Silhouetten geschnitten wurden, ebenfalls aus Papier.

Wie ein Ziertaschentuch

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Das Ergebnis erinnert an ein mit Spitzen dekoriertes Ziertaschentuch. Dazu passt, dass zur Zeit des Biedermeier das Taschentuch in den bürgerlichen Kreisen zum romantischen Liebessymbol wurde, das – gern auch mit Parfüm getränkt – von Damen als Liebespfand verschenkt wurde.

Als Liebespfand wird man auch unser Museumsobjekt ansehen müssen. Unmissverständlich steht es sogar im Zentrum geschrieben: „Nimm dies kleine Angedenken, das ich dir zum Unterpfand; Nimm es an von meinen Händen, und denke stets an dieses Pfand.“ Mit Rührung bemerkt der aufmerksame Betrachter noch heute die dünnen Hilfslinien, die die Schreiberin gezogen hatte, um die Buchstaben sauber in einer geraden Zeile anordnen zu können.

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Zu diesem alten Liebespfand sind keine Namen überliefert und auch nicht die Umstände, unter denen dieses ganz private Stück ins Museum kam. Wir wissen nicht, was aus der jungen Liebe wurde.

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Das Liebespfand hat jedenfalls überdauert. Vielleicht hat es ja seinen Empfänger nie erreicht? Doch die Tatsache, dass es über die Zeiten auf uns gekommen ist, spricht mit größerer Wahrscheinlichkeit davon, dass es der Empfänger als kostbare Erinnerung sein Leben lang aufbewahrt hat.