Weintreff

Online-Weinprobe aus dem Fasskeller

Von 
Thomas Tritsch
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Weinfrühling online: Charlotte Freiberger und Oliver Schröbel präsentierten am Freitagabend bei der digitalen Verkostung im Fasskeller der Winzergenossenschaft neun Bergsträßer Weine. © Funck

Bensheim. Weintreff und Weinlagenwanderung sind ausgefallen. Zum zweiten Mal in Folge. Doch diesmal haben die Freunde Bergsträßer Tropfen die Möglichkeit, sich die Spezialitäten der Hessischen Bergstraße zuhause einzuverleiben.

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Zweite Probe am 14. Mai Das Weinpaket für die Probe am 14. Mai ...

Zweite Probe am 14. Mai Das Weinpaket für die Probe am 14. Mai gibt es für 87 Euro inklusive Versand über den Verkehrsverein Bensheim, für zehn Euro weniger auch direkt bei den Weingütern oder in ausgewählten Verkaufsstel len. tr

Dafür haben der Weinbauverband und der Verkehrsverein Bensheim zwei Online-Proben konzipiert, die insgesamt 18 Weine umfassen. Zusammen bieten sie einen aromatischen Querschnitt der aktuellen regionalen Weinszene, die sich momentan sowohl im Weinberg wie auch im Keller besonders dynamisch präsentiert.

Kurz: Es ist einiges in Bewegung im kleinsten deutschen Anbaugebiet, wie man bei Teil eins am Freitagabend feststellen konnte. Aus berufenen Mündern, nämlich jenen der Winzer persönlich, schwappten gehaltvolle Informationen zu den jeweiligen Weinen und über die internen Entwicklungen in den Betrieben.

Kulinarische Tipps

Jeder Weinmacher war online zugeschaltet und hatte das, was man für eine gelungene Probe am zweitwichtigsten braucht: Zeit zum Sprechen. Ausgarniert wurde die gut eineinhalbstündige Verkostung von kleinen kulinarischen Tipps und kurzen Einspielvideos.

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Und auch die Moderation geriet pointiert, straff und entspannt: Die Heppenheimer Winzerin Charlotte Freiberger, Deutsche Weinprinzessin 2017/18, und Oliver Schröbel, Geschäftsführer der Odenwälder Winzergenossenschaft Vinum Autmundis, hatten die Dramaturgie voll im Griff und räumten den Weingütern den meisten Raum ein.

Beide waren nicht nur tagesaktuell (und negativ) auf SARS-CoV-2 getestet, sondern auch bester Laune trotz eines Pandemie-bedingt eher nüchternen Weinjahrs 2020, dass sich auch in den nächsten Wochen eher von seiner flauen Seite zeigt: Die meisten der terminierten Veranstaltungen im „Bergsträßer Weinfrühling 2.1“ sind abgesagt oder wackeln bedenklich. Aufgrund der aktuellen Situation empfehlen die Organisatoren unbedingt eine Kontaktaufnahme mit dem jeweiligen Veranstalter.

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Gesendet wurde am Freitag ab halb sieben live aus dem Fasskeller der Bergsträßer Winzergenossenschaft. Acht Weine sind jeweils paarweise geflossen. Der finale Rotling vom Gronauer Weingut Volker Dingeldey war der einzige Solist – und auch der einzige feinherbe Wein des Abends. Mit ihrer durchweg trockenen Auswahl haben die Macher den Freunden von einigermaßen durchgegorenen oder wenigstens mit Restzucker knausernden Weinen einen echten Gefallen getan.

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Auf Rotweine wurde ganz verzichtet, was den Proben (die nächste steigt am 14. Mai) eine recht klare Linie gibt. Ebenso erfreulich war die Abwesenheit jeglicher Wein-Folklore, was das Schlürfen am Bildschirm zu einer sehr informativen, konzentrierten und auch würdigen Chose gemacht hat. Süffig war das digitale Schlucken trotzdem.

Gleich zum Start waren die Frischlinge an der Reihe – vielleicht weil die „Jungen“ zeitig ins Bett müssen? Wohl kaum, denn beim Weingut Kühnert aus Alsbach wie auch bei Schloss Schönberg mit Sitz in Auerbach handelt es sich um erwachsene Leute, die wissen, was sie tun. Seit bald zehn Jahren schon bewirtschaften Anja und Sebastian Kühnert als Quereinsteiger ohne landwirtschaftlichen Hintergrund einen Weinberg im Alsbacher Schöntal. Weitere Rebflächen kamen sukzessive dazu. Darunter ein Wingert von Heinz Aßmus, der selbigen 2017 an die Kühnerts weiter und dem Silvaner so seinen Namen gegeben hat. Der „Heinz Unikat“ aus dem Jahrgang 2018 wächst auf sandigem Löss und springt ziemlich sortentypisch aus dem Glas.

Ebenso extraktreich und füllig zeigt sich der Grauburgunder Gutswein von Schloss Schönberg. Auf 13 Hektar Rebfläche haben Rabea Trautmann und Julien Meissner vor allem die Burgundersorten im Auge. „Unsere Weine entstehen vor allem im Weinberg, nicht im Keller“, sagt Meissner vor der Webcam. Der spontan vergorene Basiswein hat nur knapp drei Gramm Restzucker, wuchert nicht mit banaler Primärfrucht und brauche etwas Zeit, um seinen Charakter zu betonen, so der Winzer. Seit Herbst 2019 baut der Betrieb seine Weine in Auerbach aus, wo ein junges Team neue Interpretationen der Hessischen Bergstraße ins Anbaugebiet einspeist.

Gleich um die Ecke sitzt seit über zehn Jahren ein Kollege in einem roten Türmchen. „Der Bereich am Berliner Ring wird ja langsam zu einem lokalen Wein-Mekka“, kommentiert Hanno Rothweiler in Anspielung auf Betrieb Nummer drei, der dort demnächst zuziehen könnte: das Weingut der Stadt Bensheim unter der neuen Regie von Michael und Sebastian Jäger.

Doch zunächst bleibt die Nase in Rothweilers 2000er Auxerrois: ein weniger verbreitetes Mitglied der Burgunderfamilie mit zarter Frucht und milder Säure. Mit dem Wein verbindet den Chef ebenso viel wie mit seinem Ehrenfelser, dem Syrah oder dem Primitivo. „Wir gelten als Sortenfreaks“, so Hanno Rothweiler, der den Wein auf einer früheren Silvaner-Parzelle gepflanzt hat. Seine Lehre hatte er vor 40 Jahren im Weingut Seitz begonnen. Heute gehört er längst zu den Promis im Anbaugebiet.

Ökologischer Anbau

Im anderen Glas toste zeitgleich ein Riesling aus Zwingenberg. Die Winzergemeinschaft Feligreno erzeugt seit 2001 in der steilen Lage Alte Burg Weine nach zertifiziert ökologischem Anbau. Ab 2019 kamen einige Stöcke in der Einzellage Seeheimer Mundklingen hinzu, berichtet Jannik Jährling, der noch recht neu im Team ist. Der mineralische Bio-Bergsträßer ist ein gefälliger Einstiegswein mit leichter Restsüße und relativ moderater Säure, der schön zum nächsten Pärchen übergeleitet hat: Der Basis-Riesling vom Weingut Mohr traf sich mit einem Roten Riesling von Jäger. Ein Ur-Bensheimer Flirt aus dem letzten Jahrgang.

Für das traditionelle Familienweingut Mohr war Geschäftsführer Martin Simon zugeschaltet. Im Juli 2020 hatte am Griesel ein Besitzerwechsel stattgefunden. Simons schöne Beschreibung der spezifischen Weinaromen als „Zitrus-Aprikosen-Situation“ wird man wohl nie wieder vergessen. Jägers Roter Riesling aus einer kühlen Nische am Hemsberg kam als idealer Sparringspartner hinzu. Beide Betriebe sind seit einiger Zeit auch personell verbandelt: Sebastian Jäger hat die letzte Lese bei Mohr begleitet – und Julien Meissner von Schloss Schönberg wiederum hat das Önologen-Team ergänzt.

Die finale Paarung spiegelte die Nord-Süd-Achse Zwingenberg-Heppenheim. Johannes Bürkle (das Weingut Simon-Bürkle wird heuer 30 Jahre alt) präsentierte einen Muskateller aus der Lage Zwingenberger Steingeröll und erläuterte, dass bereits der Geschmack der Trauben stark an die spätere Wein-Aromatik erinnere. Für den charakteristischen Bukettwein werden ausschließlich kerngesunde Beeren genutzt, die nach dem Pressen zwei bis drei Tage auf der Maische stehen, wobei sich viele Aromen aus der Beerenhaut lösen, so der Winzer.

Lust auf die Fortsetzung

Oliver Schröbel hatte einen Cabernet Blanc ausgesucht. Eine pilzwiderstandsfähige Neuzüchtung („Piwi“), die etwas an Sauvignon Blanc erinnert. Die Rebfläche dieser Sorte befindet sich zurzeit in der Umstellungsphase zum Biowein und wird voraussichtlich ab dem Jahrgang 2021 unter der Bezeichnung Bio laufen, so der Hobbykoch aus Groß-Umstadt. Der knapp 80 Hektar umfassende Bereich um Umstadt und Roßdorf ist als „Odenwälder Weininsel“ dem Anbaugebiet angegliedert.

Mit Volker Dingeldeys lachsfarbenem Rotling aus Dornfelder und Müller-Thurgau ging die erste Online-Probe anlässlich des Weinfrühlings zu Ende. Einen Gruß ins Netz schickte auch die amtierende Gebietsweinkönigin Heike Knapp aus Heppenheim. Über die Chat-Funktion konnten die Teilnehmer zu Hause mit den Winzern interagieren und Fragen stellen. Auch ein paar Blitz-Umfragen waren integriert. Unterm Strich eine kurzweilige und sehr informative Verkostung, die bereits Lust auf die nächste Folge gemacht hat.

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