Persönlich: Dr. Christel Sponagel-Göbel erinnert sich "Mein Freund Wilhelm Ringelband"

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Bensheim. Wilhelm Ringelband war für mich ein Freund. Aber keiner, mit dem ich jemals zum Stammtisch gegangen wäre. Mit ihm ging ich seit meiner Schulzeit Ende der 60er Jahre bis zu seinem Tod 1981 regelmäßig ins Theater.

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Zwei Satelliten, die auf der gleichen Theaterfrequenz gesendet haben und darüber zu Freunden wurden. Auf der gleichen? Sicher nicht. Dazu war der Wissensunterschied über Theater zwischen uns so ungleich wie Ostsee und Atlantik.

Wilhelm Ringelband war seit Jahren chronisch krank, als ich ihn kennenlernte. Doch kein Nierenstein, keine Herzattacke oder seine Diabetes verhinderten, dass er regelmäßig TheaterAufführungen besuchte. Wegen seiner verschiedenen Krankheiten durfte er selbst nicht Auto fahren. Dazu engagierte er Schüler wie mich, Studenten, Bekannte und Freunde. Interessante Inszenierungen aus der ersten oder zumindest aus einer der vorderen Reihen, auch spannende Interviews, die er mit Schauspielern und Regisseuren des Theaters und auch des Films führte, miterleben zu dürfen, war einer der vielen Vorteile, die wir dadurch hatten.

Anregende Gespräche

Ein anderer waren die angeregten Gespräche über das zeitgenössische Theater. Oder über zurückliegende Inszenierungen, die er seinem Gedächtnis abrief und beschrieb.

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Er war für uns Teenager wegen seiner profunden Kenntnisse ein fördernder Gesprächspartner in lebhaften Diskussionen über gelungene oder weniger gelungene Inszenierungen, hörte uns umgekehrt auch mit ernsthaften Interesse zu und wollte genau wissen, was wir mit dem Blick eines Jugendlichen aufgenommen hatten.

Bekanntlich war die Theaterszene Ende der 60er und in den 70ern stark in Bewegung. Unzählige, dafür Beispiel gebende Aufführungen in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Mainz, Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg, selbst in Karlsruhe, Kaiserslautern oder Saarbrücken habe ich durch Wilhelm Ringelband gesehen und miterlebt.

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Von besonderer Bedeutung dabei wurde für mich ein Gastspiel des Stuttgarter Staatstheaters, das eine "Iphigenie"-Aufführung in Frankfurt zeigte. Als Kirsten Dene als Iphigenie in einem Arbeitskittel und Thoas wie ein verliebter Gockel auf die Bühne kamen, war ich von dieser Art der Klassiker-Interpretation so gefesselt, dass ich von da an die Arbeiten des Regisseurs Claus Peymann mit so großem Interesse verfolgte, dass ich mich später sogar dazu entschloss, über ihn zu promovieren.

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Als Bensheimer Schüler und Studenten eine Kleinkunstbühne gründeten, begleitete er sie nicht nur journalistisch, sondern auch motivierend durch Gespräche. Genauso schrieb er auch ab 1974 über die Gründung und den Aufbau der Heppenheimer Festspiele Rezensionen oder Schauspielerporträts und brachte so seinen Lesern in nicht nur lokalen, sondern in mehr als 30 überregionalen, bis nach Österreich und die Schweiz reichenden Zeitungen nahe, was sich hier etablierte und entwickelte.

Theater war für Ringelband Lebensinhalt. So sehr, dass er selbst bei Krankenhausaufenthalten nicht auf den Theaterbesuch verzichtete. Wir holten ihn am Hospitaleingang ab, fuhren ihn ins Theater und brachten ihn danach wieder in die Klinik zurück.

"Sonst sterbe ich", war seine lapidare Begründung für die ungewöhnliche medizinische Maßnahme.