Mehr als nur der Schorschblick

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So viel steht schon jetzt fest: Der Blick auf Sankt Georg am Marktplatz soll künftig nicht mehr durch ein mehrstöckiges Gebäude verdeckt werden. © Neu

Das Haus am Markt ist Geschichte, lang lebe der Schorschblick. So ähnlich kann man die Stimmungslage nach dem Abriss der sanierungsbedürftigen 70er-Jahre-Immobilie im vergangenen Sommer beschreiben. Die Geschichte ist hinreichend bekannt und mehrfach dokumentiert. Bürgermeister Rolf Richter beerdigte im Alleingang seine eigentlich als alternativlos angesehenen Planungen zur Belebung des Marktplatzes durch einen dreigeschossigen Neubau.

Serie: 20 Fragen an 2020

In der Serie „20 Fragen an 2020“ analysieren Redakteure dieser Zeitung die Fragen, die auf der Titelseite der Silvesterausgabe gestellt wurden.

Vom 2. bis zum 25. Januar erscheint täglich ein Artikel im Rahmen der Serie.

Sie finden die Analysen in allen Ressorts der Zeitung.

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Kommunalpolitisch und städtebaulich hinterließ die Entscheidung – vom Rathauschef als Empfehlung getarnt, vom Magistrat und einer Mehrheit der Stadtverordneten befürwortet – einen Trümmerhaufen. Der auf dem Marktplatz wurde bis auf ein paar mittlerweile eingezäunte Überreste beseitigt. Die ohnehin brüchige Koalition aus CDU, GLB und BfB rüttelte es gewaltig durch, ob das Bündnis bis zur Kommunalwahl 2021 hält, bleibt abzuwarten.

Die Bensheimer interessierte das nur am Rande. In aller Munde war plötzlich der freie Blick auf die Stadtkirche Sankt Georg. So wunderte es wenig, dass ein zentrales Ergebnis des Dialogprozesses, den das Bürgernetzwerk im Herbst und Winter zusammen mit der Stadt initiiert hatte, der Wunsch nach einer möglichst unverbauten Sicht auf das Gotteshaus war.

Weil der Anblick allein aber kaum für die als notwendig erachtete Belebung des Marktplatzes sorgen wird, bedarf es dennoch eines Neubaus vor allem für Gastronomie. Der wiederum darf aber auf keinen Fall die Kirche erneut in den Schatten stellen. Alles in allem eine komplizierte Gemengelage, die zunächst in einen städtebaulichen Wettbewerb münden wird. Berücksichtigt werden dort die meisten Punkte, die beim Dialogprozess mehrheitsfähig waren – wie eben der „maximale Schorschblick“ von der Hauptstraße aus, ein begehbares Dach als gern gesehene Option, die Einbindung des Glatzer Platzes und die Gesamtbetrachtung des Marktplatzes.

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Bei der Debatte um ein Haus am Markt 2.0 soll und darf es mitnichten nur um die Frage gehen, ob am oberen Marktplatz wieder ein Gebäude vor die Kirche gestellt wird. Ein möglicher Neubau (der wie berichtet nicht bei allen auf Zustimmung stößt) muss integriert sein in ein schlüssiges Konzept, eine konkrete Vorstellung, wie der Marktplatz entwickelt werden und aussehen soll, was zu Belebung beitragen könnte. Es ist ein großes Rad, das dafür bereits gedreht wurde und weiterhin gedreht werden muss.

Der nächste Schritt ist deshalb auch ein spannender und womöglich wegweisender zugleich: Der städtebauliche Wettbewerb soll Ideen liefern, wie sich Stadt- und Landschaftsplaner sowie Architekten den zentralen Bereich der Innenstadt künftig vorstellen. Für die Bensheimer bedeutet das: Es gibt nach monatelangen Diskussionen endlich Visualisierungen, Entwürfe, etwas Greifbares. Was davon tatsächlich umgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt – zumal der finanzielle Aspekt eines solchen Vorhabens bisher bewusst ausgeblendet wurde und naturgemäß viele Fragen offen sind.

Ergebnisse erst im Herbst

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Die zeitliche Taktung hatte zuletzt die Erste Stadträtin Nicole Rauber-Jung bei der Bürgerversammlung kurz vor Weihnachten umrissen. Gesetzt ist eine Verwaltungsvorlage für die Stadtverordnetenversammlung am 12. Februar.

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Danach kann die Ausschreibung für den Wettbewerb auf den Weg gebracht werden. Die Baudezernentin rechnet mit der Präsentation von ausgereiften Ergebnissen allerdings erst im Herbst, mit einem Planungsbeschluss – vorsichtig geschätzt – Ende dieses Jahres.

Dass Sorgfalt vor Eile an dieser Stelle geht, liegt auch deshalb nahe, weil nach der umfangreichen Bürgerbeteiligung die Bürger nach wie vor mitgenommen werden wollen. Gelingt es nicht, die sich äußernde Mehrheit von den Planungen zu überzeugen, bekommt man ähnliche verbale Scharmützel und aufgeregte Auseinandersetzungen wie im Sommer 2019.

Wie es am Ende weitergeht, hängt zurzeit von vielen Faktoren ab. Im Idealfall weiß man in einem Jahr schon, wie der von Bürgermeister Rolf Richter titulierte „Marktplatz der Zukunft“ aussehen wird – inklusive Neubau und Gastronomie sowie Entwürfen für das gesamte Areal. Auf der anderen Seite könnte man im Januar 2021 genauso weit sein wie im Januar 2020 – nur mit ein paar schönen Zeichnungen und Modellen in der Schubladen, aber keiner Idee, wie man die Lücke füllen und den Trümmerhaufen konstruktiv beseitigen soll.

Der Verlauf der vergangenen Monate gibt bislang Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit mit Großprojekten in der Innenstadt lehrt aber zugleich, besser verhalten zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Wie man es dreht und wendet: Der Marktplatz wird die Bensheimer noch über Jahre hinaus beschäftigen.

Und selbst wenn eines schönen Tages ein Neubau steht, Restaurants oder Bistros doch für Belebung sorgen, neue Aufenthaltsorte ohne Konsumzwang geschaffen wurden und man Winzerfest und Weihnachtsmarkt ohne Abstriche feiern kann, wird es Stimmen geben, die hinterfragen, ob der Aufwand für den Ertrag gerechtfertigt war. Aber solche Debatten gehören seit jeher zu Bensheim wie Kirchberghäuschen und Mittelbrücke.