Interview - John Watts über das neue Album von Fischer-Z, Punk und Politik / Am 31. Oktober Konzert im Rex „Man braucht keine grünen Haare, um Punk zu sein“

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Thomas Tritsch
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Bensheim. Die Band Fischer-Z stellt am 13. September ihr neues Album „Swimming in Thunderstorms“ vor. Mit der gleichnamigen Tournee durch zwölf deutsche Städte im Oktober und November haben die Briten einiges zu feiern: Vor genau 40 Jahren ereignete sich mit dem Album „Word Salad“ der internationale Durchbruch. Doch nur zwei Jahre später löste Mastermind John Watts die Band wieder auf.

John Watts gastiert mit seiner Band Fischer-Z am 31. Oktober im Bensheimer Musiktheater Rex. © Fischer-Z
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Nach einer mäßigen Solokarriere startete er 1987 eine komplett umbesetzte Reaktivierung von Fischer-Z, die bei den deutschen Fans schon immer einen Stein im Brett hatte. „Angeblich in Deutschland ziemlich berühmt“, stand einst unter einer Konzertankündigung im Londoner Stadtmagazin „Time Out“.

Ruf als Multimedia-Künstler

In seiner erfolgreichen Karriere hat der Rockmusiker 20 Alben veröffentlicht. Im Studio spielten Watts mit Peter Gabriel und Steve Cropper, als Live-Support waren Fischer-Z unter anderem mit The Police, Bob Marley, James Brown und Dire Straits unterwegs. In den letzten Jahren hat sich der musikalisch vielseitige John Watts außerdem einen Ruf als Multimedia-Künstler zugelegt, schreibt auch Theaterstücke und Gedichte.

In der aktuellen Besetzung spielt Watts (Gesang, Gitarre) mit Sin Banovic (Schlagzeug), David Purdye (Bass), Adrian Rhodes am Keyboard und Marian Menge an der zweiten Gitarre. Auf Tour will Watts neben neuen Songs auch Klassiker wie „Marliese“, „Berlin“, Cruise Missiles“ oder „The Worker“ zu gehör kommen, wie der Künstler im Gespräch mit dem Bergsträßer Anzeiger betont.

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Am 31. Oktober gastiert die Band im Musiktheater Rex in Bensheim. Wir erreichen John Watts (64) im Londoner Trubel irgendwo auf dem Weg zwischen U-Bahn und Flughafen. Erster Eindruck: miese Verbindung, cooler Typ.

Was war die Inspiration für das neue Album „Swimming in Thunderstorms“?

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John Watts: „Der Titel ist eine Metapher für die Welt und was in ihr passiert – politisch, sozial und gesellschaftlich. Die Erde ist gegenwärtig in einem gefährlichen Zustand. Ähnlich gefährlich, wie wenn man bei einem Gewitter baden geht.“

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Sie waren immer ein aufmerksamer Beobachter von politischen Entwicklungen und dem menschlichen Verhalten. Hat sich beides während der letzten Jahre verändert?

Watts: „Wir erleben gerade einen Abschwung der Demokratie in einigen westeuropäischen Staaten. Die Politik ist allgemein weniger leidenschaftlich, weniger mitfühlend geworden. Alles ist heute mehr von Geld und Lügen geprägt. Das ist schon etwas deprimierend.“

Schauen wir auf Charaktere wie Donald Trump und Boris Johnson: Sind Politiker heute gefährlicher als vor 30 oder 40 Jahren? Oder sind es eher deren Helfer und Wähler, die man fürchten muss?

Watts: „Beides. Das Internet hat viel verändert. Die Menschen können heute ihre Haltung live binnen Sekunden der ganzen Welt mitteilen. Das ist nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch, weil die Politik sich in diesem Kontext allzu leicht von Un- oder Halbwahrheiten beeinflussen lässt. Die Gefahr liegt meines Erachtens nicht in denen, die diese digitalen Medien nutzen – sei es auch zu ihrem Vorteil. Es ist das Medium selbst, das die Menschen und eine Gesellschaft enorm manipulieren kann. Eigentlich leben wir gerade im Jahr 1984. Literarisch gesehen.“

Hat die Kunst eine Verpflichtung, diese Verhältnisse zu kommentieren?

Watts: „Als Künstler konfrontiert man die Leute grundsätzlich mit eigenen Ansichten. Zumindest sollte man das. Es gibt aber keine Pflicht, politische Entwicklungen zu kommentieren, denke ich. Doch man sollte schon seinen wahrhaftigen, klaren Blick auf die Welt mitteilen. Das habe ich immer gemacht.“

Sehen Sie sich als Punk?

Watts: „Nein! Ich sehe mich als Künstler, der den Status Quo nicht akzeptiert. Deshalb bin ich wahrscheinlich der Grundhaltung des Punk durchaus nah, die sich ja auch nie mit dem Zustand ihrer jeweiligen Zeit zufrieden gegeben hat. Man muss seine Haare nicht grün färben, um Punk zu sein. Aber meine Einstellung zu Kunst und Musik ist schon etwas Punk, das kann sein.“

War es schwierig, die Punk-Ära auf der Bühne zu überleben?

Watts: „Oh nein. Als Kind war ich Rugby-Spieler.“

Sie werden von ihrem Sohn gemanagt. Inwiefern hat sich das Musikbusiness verändert gegenüber den 70er und 80er Jahren?

Watts: „Live-Shows sind wichtiger geworden als Alben. Und auch das Internet gibt allzu häufig den Takt vor. Man erreicht schneller mehr Menschen. Das ist schon ein Vorteil.“

Gibt es eine spezielle Beziehung zu Deutschland? Anfang der 80er war Fischer-Z hier enorm berühmt.

Watts: „Ich habe mich in meiner Musik schon früh mit europäischer und auch speziell mit deutscher Politik auseinandergesetzt. Außerdem hatte ich als Kind eine Nanny aus Deutschland, die nach mir gesehen hat. Ich nannte sie Aunty Vera.“

Auf dem neuen Album gibt es den Song „The Islamic American“ über das Thema Flüchtlinge. Wie kam es zu dem Titel?

Watts: „Der Song erzählt die wahre Geschichte von Migranten, die in die USA gingen. Zwar hat es ihnen dort nicht gefallen, doch weil ihr Kind dort geboren wurde, sind sie geblieben. Aber die Amerikaner mochten sie nicht. Ziemlich blöde Situation.“

Es gibt den Song „World Go Round“ von Fischer-Z. In diesem Sinne: Kann Musik dabei helfen, dass sich die Welt weiter dreht?

Watts: „Na ja, sie kann n die Menschen glücklicher machen. Das ist doch schon eine ganze Menge, oder?“

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