Innenstadt - Bürgernetzwerk und Einzelhandel positionieren sich gegen eine mögliche Auslagerung der Verwaltung / Riesenchance nicht verbauen Kritik an Umzugsidee der Sparkasse

Von 
Dirk Rosenberger
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Das Kundenberatungscenter der Sparkasse in der Innenstadt wird abgerissen. Bürgernetzwerk und Kaufleute plädieren dafür, dass das Geldinstitut danach die Verwaltung nicht in einen Neubau an den Berliner Ring auslagert, sondern die Arbeitsplätze für alle Mitarbeiter im Zentrum belässt. © Funck

Bensheim. Die Gedankenspiele der Sparkasse Bensheim, am Berliner Ring für die Verwaltung neuzubauen, hat die Kaufmannschaft in Alarmbereitschaft versetzt. „Wir machen uns ziemlich Sorgen“, erklärte Nina Mahr (Modehaus Winkler) im Gespräch mit dieser Zeitung.

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Branchenübergreifend haben sich die Einzelhändler nun an das Bürgernetzwerk gewandt und um Unterstützung gebeten. Man brauche nicht mehr über die Belebung am Marktplatz sprechen, wenn sich die Sparkasse zum Großteil aus der Innenstadt zurückziehe, so Mahr. Sie und ihre Kollegen beklagen nach eigenen Angaben ohnehin schon Frequenzrückgänge, seit das Ärztehaus am Berliner Ring eröffnet wurde und Mediziner aus dem Zentrum dorthin abgewandert sind.

Seitdem fehle in der Innenstadt ein Versorgungszentrum. „Und jede Oma muss mit dem Taxi an den Berliner Ring fahren, wenn sie zum Arzt muss, mal überspitzt formuliert“, meinte die Geschäftsfrau. Im Gegenzug würden dann in der Fußgängerzone keine Besorgungen mehr gemacht. Deshalb dürfe die Sparkasse nicht auch noch wegfallen.

„Sargnagel für die Innenstadt“

„Ein Rückzug in wesentlichen Funktionen wäre ein Sargnagel für die Innenstadt“, findet auch Bürgernetzwerk-Initiator Karl-Heinz Schlitt. Die Option, im Zentrum eine Geschäftsstelle zu belassen und den Rest an den Berliner Ring auszulagern, hält die Initiative für wenig zielführend – vorsichtig formuliert.

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Stattdessen müssten die Verantwortlichen die „Riesenchance“ erkennen, die sich städtebaulich auftue. Schlitt sieht das Geldinstitut sogar in der Pflicht, sich in diese Richtung zu bewegen. Die Sparkasse sei eine Anstalt des öffentlichen Rechts in der Trägerschaft der Kommunen. Sie habe die Verpflichtung, für die Entwicklung von Bensheim einen positiven Beitrag zu leisten.

Das Bürgernetzwerk möchte deshalb eine Gesprächsrunde mit allen relevanten Akteuren initiieren, um einer „fatalen Entwicklung“ vorbeugen zu können. Die Entscheidung über die Varianten dürfe nicht in einem internen Bauausschuss getroffen werden. „Man kann die Krise der Sparkasse durchaus als Chance sehen. Dafür muss aber miteinander im Sinne einer positiven Innenstadtentwicklung gesprochen werden – und das schnell“, erklärte Bürgernetzwerk-Initiator Hans-Peter Meister. Das Gesamtkonzept müsse im Blick behalten werden, es dürfe nicht wieder nur versucht werden, an einem Rad zu drehen.

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Für die Netzwerker müssen die Überlegungen deshalb viel weiter und ganzheitlicher gefasst werden – ohnehin eine zentrale Forderung der Initiative, die seit ihrer Gründung vor eineinhalb Jahren einen Masterplan für die Innenstadt als zwingend notwendig ansieht. Karl-Heinz Schlitt bringt deshalb auch das Familienzentrum – bekanntlich ebenfalls dringend auf Raumsuche – ins Spiel. Es müsse ein Ziel sein, das Angebot des Vereins in der Innenstadt zu sichern und unter Umständen zu erweitern.

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„Für den Gesamtkomplex Neumarkt und Sparkassengebäude wäre dies eine Überlegung wert, wie man alles unter einen Hut bringen könnte.“ Bei einer Gesprächsrunde am 18. März will man Bürgermeister Rolf Richter, zugleich Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse, um eine Stellungnahme bitten. „Wenn ein Umzug an den Berliner Ring wirklich eine Option ist, dann zeigt man damit, dass wir in den vergangenen Monaten zwar viel erzählt haben, aber nichts davon verstanden wurde“, kritisierte Architekt Sanjin Maracic. Ihm wie auch seinen Mitstreitern geht es aber nicht darum, mögliche Fehler und Fehleinschätzungen der Vergangenheit anzuprangern. Vielmehr müsse man nach vorne schauen. Für das Bestandsgrundstück der Sparkasse und das Neumarkt-Center gelte es nun, neue Ideen aufzunehmen, gute Lösungen zu finden und letztlich „Probleme zu lösen, die bisher unlösbar schienen“.

An die Verantwortung des Kreditinstituts appellierte auch Tatjana Steinbrenner (Kaufhaus Ganz). „Die Sparkasse muss ein klares Bekenntnis zur Innenstadt abgeben.“ Schließlich gehe es nicht nur um die Kunden, sondern auch um die Mitarbeiter, die in der Innenstadt für Belebung und Umsatz sorgen. Darauf wies Ottmar Meissner vom Bürgernetzwerk hin. „Die Mittagspausen sind wichtig für uns, das sind starke Zeiten“, bestätigte Tatjana Steinbrenner.

Nicht die „billigste Variante“

Für die Aktivisten ist im Schulterschluss mit dem Einzelhandel klar: Die Sparkasse dürfe nicht auf die „billigste aller Varianten“ abzielen, bei einer so zukunftsweisenden Entscheidung müsse die Bürgergesellschaft gehört und eingebunden werden. In der Pflicht sehen sie dabei auch Bürgermeister Rolf Richter.

Die Sparkasse hatte – wie berichtet – angekündigt, spätestens im Mai festlegen zu wollen, wie es mit den Neubauplänen weitergeht. Fest steht, dass das bisherige Kundenberatungszentrum abgerissen werden soll. Als Alternativen kommen für den Vorstand ein Neubau an Ort und Stelle sowie eine Verlagerung der Verwaltung und Beratungsleistungen in einen Neubau am Berliner Ring infrage.

In der Innenstadt will man in diesem Fall mit einer Geschäftsstelle Präsenz zeigen, die im Neumarkt-Center unterkommen könnte.

Redaktion