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AKG - Englisch Theater AG inszeniert existenziellen Trip mit philosophischer Note / Wer bekommt die Seele von Charlie Cox?

Irre Schussfahrt zwischen Leben und Tod

Von 
Thomas Tritsch
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Die Englisch Theater AG des AKG führte das Stück „Running With Scissors“ von Michael McKeever auf der Bühne im Schulgarten auf – das Szenenbild zeigt Sarah Beyer als Gevatter Tod (l.) und Paul Berg als Charlie. © Neu

Bensheim. „Ich kann jetzt nicht sterben. Ich habe doch noch gar nicht gelebt“, sagt der todkranke Charlie Cox, als seine Biografie eine entscheidende Wendung erfährt. Mit einer fatalen Diagnose flieht er Richtung Nirgendwo. In der Wüste kollidiert er mit seinem Schicksal und erlebt eine finale Schussfahrt zwischen Leben, Liebe und Abschied.

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Mit bemerkenswerter Leichtigkeit strickt Autor Michael McKeever aus einem ernsten Thema eine frische und leichtfüßige Komödie mit klar gezeichneten Charakteren und viel Sinn für komische Situationen.

Beschwingt und lebensbejahend

Die Englisch Theater AG des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums (AKG) bleibt in ihrer jüngsten Produktion nah an der Vorlage und inszeniert mit „Running With Scissors“ ein originelles, modernes Drama, das bei aller inhaltlichen Schwere nie seine beschwingte und lebensbejahende Natur verliert. Lange haben die fünf Darsteller und ihr Regisseur Florian Krumb auf eine Premiere hin geprobt, deren Termin aufgrund der Pandemie immer wieder ernsthaft gewackelt hat.

Am Montagabend war es soweit: Im kleinen Garten im südöstlichen Bereich des Schulgeländes an der Wilhelmstraße erlebte das Publikum eine kurzweilige Story und souveräne Spieler vor schöner Altbaukulisse. Die kleine Terrasse des Schulgebäudes wird zur Bühne für eine philosophische Forschungsreise in die Tiefen der menschlichen Existenz, die in McKeevers Stück als abgelegenes Hotel in Erscheinung tritt. Unterwegs zu einer höheren Macht begegnet Charlie zunächst der skurrilen Wally, seinem ganz persönlichen Sensenmann. Ein schräger Typ, sarkastisch und ungeduldig, allwissend und genervt von der Verzögerungshaltung ihres widerspenstigen Opfers.

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„Die Zeit ist gegen Dich, Charlie, die Party ist aus. Akzeptiere das bitte“ sagt der schwarze Punk mit dem Totenkopf auf dem Metal-Shirt augenrollend, während er neugierig in den Werken der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross stöbert.

In einem trostlosen Motel begegnen sie nach einem Motorschaden der herzensguten Nell. Und die Liebe, die bekanntlich immer blind ist, fordert ihr Recht – und Wally zum Duell. Sterben oder Verlieben, das sind die beiden Optionen. Wer kriegt die Seele des orientierungslosen Charlie, der mitten im Leben plötzlich mit ziemlich wuchtigen Fragen konfrontiert ist? Statt selbst zu schreiben, ist er nur ein mittelmäßiger Lektor geworden. Er weiß, wie man Geschichten erzählt, doch an seiner eigenen droht er nun zu scheitern. Und auf die große Liebe seines Lebens wartet er noch immer.

Aufgemischt wird die Szenerie vom eifersüchtigen Desperado Travis Dunn, ein Cowboy mit Besitzansprüchen, und der wasserstoffblonden Kiki Love, die – wie der Name schon trommelt – die personifizierte Liebe verkörpert. Zwischen seinen krankheitsbedingten Krampfanfällen muss sich Charlie entscheiden, welcher schicksalhaften Kraft er sich anschließen will. Und es wäre keine leichte amerikanische Komödie, wenn am Ende nicht das Herz gewinnen würde.

Das Ensemble spielt leidenschaftlich und konzentriert. Sprachlich wie darstellerisch hatte die Premiere keine nennenswerten Schwächen zu bieten. Dass die Truppe die kleinen dramaturgischen Makel der Vorlage vital überspielt, verdient einen Extraapplaus. Charlies kurzzeitiger Flirt mit Suizid als schnellem Ausweg und das kaskadenhafte Auftauchen abgedroschener Phrasen (das Leben sei zu kurz oder eben „nicht fair“) werden flott abgehakt. Stattdessen konzentriert sich die Handlung auf die innere Zerrissenheit der Hauptfigur und dessen bisweilen verzweifelter Suche nach dem Guten, Wahren und Wichtigen.

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Geistreiches Schlussduell

Paul Berg spielt den zweifelnden und verzweifelten Charlie, der durch die Nervenerkrankung ALS bereits vom Tod gezeichnet ist, aber viel lieber mit der Witwe Nell über alle Berge will. Lana Hechler verleiht der Hotelchefin viel Wärme und Aufrichtigkeit, aber auch psychologische Tiefe und biografische Narben. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Kiki (Flavia Kersten) forciert diese Entwicklung. Das ist ihr Job. Sie ist nett zu allen, aber ein ernstzunehmender Gegner für Gevatter Tod, den Sarah Beyer als abgenervten Freak und privaten Sidekick Charlies überzeugend auf die Freilichtbühne bringt. Ein zynischer Todesengel, der sich mit seinem göttlichen Gegenpart ein geistreiches Schlussduell liefert. Und Nicolle Weber gibt den coolen und latent aggressiven Travis, der eine Autowerkstatt betreibt und hofft, dass mit dem reparierten Karren auch der lästige Nebenbuhler wieder von der Bildfläche verschwinden wird.

Was macht das Leben aus? Und wie möchte ich es leben? Michael McKeevers Stück beantwortet existenzielle Fragen im Stil eines populärwissenschaftlichen Lebenshilfe-Ratgebers für daseinsgeplagte Stadtneurotiker. Doch zwischen den Zeilen tauchen auch gehaltvollere Aspekte auf: Es geht um den Sinn des Lebens, um Wahrheit und Moral, um Fatalismus und Zukunftsglaube.

Charlie Cox ist ein Modell für den modernen Menschen und dessen ewigem Streben nach dem, worüber sich Philosophen seit Jahrtausenden den Kopf zerbrechen. Die überraschend simple Antwort fällt bei Michael McKeever nicht anders aus: Lieben und geliebt werden. Na, das hätte man ja auch gleich haben können. Aber eben ohne 90 Minuten wunderbares Schultheater.

AKG-Schulleiterin Nicola Wölbern dankte dem gesamten Ensemble vor und hinter den Kulissen für die Ausdauer und künstlerische Umsetzung des Stücks. Sie hoffe, dass die Aufführung den Beginn des wiederauflebenden kulturellen Lebens an der Schule markiere. Langer Beifall für Crew und Technik.

Freier Autor

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