Gedenktag - Bensheimer Goethe-Gymnasium will mit Stolpersteinen an Opfer der Nazi-Herrschaft erinnern / Wohnhaus in Bürstadt Herta und Alice Sondheimer gelang die Flucht nach Amerika

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Die Todesanzeige gehört zu den Dokumenten, die es zur Familie Sondheimer noch gibt. Die drei Stolpersteine rechts erinnern an die Familie Mehrl. © privat/Nix

Bensheim/Bürstadt. Eine ganze Reihe an Stolpersteinen erinnern an Bürstädter Familien, die Opfer der Nationalsozialisten geworden sind.Es sollen noch weitere Steine dazu kommen. Der Anstoß kam diesmal aus Bensheim. Das Goethe-Gymnasium will an alle seine Schüler erinnern, die in dieser Zeit verfolgt worden sind. Dazu gehören Hertha und Alice Sondheimer. Die Schwestern wohnten mit ihren Eltern Adolf und Clementine in Bürstadt. Der Vater kam 1933 ums Leben, die Töchter konnten sich mit der Mutter in die USA retten.

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Florian Schreiber, Geschichtslehrer am Goethe-Gymnasium, hat für das Projekt den Kontakt zu Burkhard Vetter aufgenommen. Der Bürstädter Unternehmer und FDP-Politiker hatte schon mehrmals Gunter Demnig eingeladen. Der Künstler ist darauf spezialisiert, die messingglänzenden Stolpersteine vor den früheren Wohnhäusern jüdischer Familien zu verlegen. Passanten sollen darüber nur im übertragenen Sinne stolpern. Vielleicht aber kurz innehalten. Und darüber nachdenken, was sich an dieser Stelle abgespielt haben könnte.

Für die neuen Stolpersteine wird vor dem früheren Wohnhaus der Familie Sondheimer in der Mainstraße 10 ein Stückchen Gehweg herausgebrochen, damit die Steine ebenerdig verlegt werden können. In der glänzenden Oberfläche sind Namen und Daten der Eltern und der beiden Töchter nachzulesen.

Burkhard Vetter beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Schicksal jüdischer Familien in Bürstadt. Auch mit den Sondheimers hat er sich ausgiebig beschäftigt. Lehrer Schreiber und einige Goethe-Schüler, aber auch der Bürstädter Holger Eberle haben ihm bei seinen Nachforschungen geholfen.

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Vor allem Eberle konnte etliche Dokumente ausfindig machen wie Anträge für Reisepässe oder Einreise-Bewilligungen in die USA. Aber auch mehrere Todesanzeigen hat er entdeckt. Von Adolf Sondheimer, der im KZ Osthofen inhaftiert war und kurze Zeit nach seiner Freilassung starb. Und auch von den drei Frauen der Familie, die in den Vereinigten Staaten ein stattliches Alter erreichten. Die Große, Alice „Liesel“ Sondheimer, starb 1983, ein halbes Jahr nach ihrem 81. Geburtstag. Herta wurde 72, ihre Mutter Clementine sogar 89 Jahre alt.

Was die Familie in Bürstadt erlebt hat, kann Vetter nur erahnen. Die Sondheimers betrieben schon Ende des 19. Jahrhunderts eine Art Landhandel, verkauften Mehl, Kartoffeln und Futtermittel, alles in dem Gebäude in der Mainstraße 10, dass mittlerweile abgerissen worden ist. Vetter erinnert sich noch gut an das kleine Gebäude, in dem die Familie gewohnt und gearbeitet hat. Heute wird das Gelände neben der Post als Parkplatz genutzt. Adolf Sondheimer kam im Jahr 1881 zur Welt. Seine Eltern David und Elise wurden auf dem jüdischen Friedhof in Alsbach bestattet. Von den Grabsteinen gibt es noch Bilder, allerdings in schlechter Qualität.

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Als Soldat zog Adolf 1915 in den Ersten Weltkrieg. Mit der Machtergreifung der Nazis waren auch Juden in Bürstadt immer schlimmeren Repressalien ausgesetzt. 1933 wurde Adolf Sondheimer ins KZ Osthofen eingewiesen. Nach Wochen wurde er wieder entlassen, im Alter von 52 Jahren starb er dann im Wormser Krankenhaus. „Die Quellen sind unterschiedlich, es ist nicht ganz klar, ob Misshandlungen oder eine chronische Krankheit die Ursache waren“, berichtet Vetter. Er selbst glaubt allerdings eher daran, dass die Misshandlungen am Tod Sondheimers Schuld waren.

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Zu Beginn der Machtergreifung sei Osthofen eher ein Umerziehungs- als ein Vernichtungslager gewesen. Auch schwule und lesbische Menschen oder politisch Verfolgte seien dort inhaftiert gewesen. „Die Überlebenden wurden oft wieder nach Hause entlassen“, berichtet der Hobbyhistoriker. So auch der Bürstädter Familienvater, dessen Leben nur wenige Wochen danach zu Ende war.

Neustart in den USA

Nur Monate später verließen seine Witwe und die Töchter Haus und Heimatstadt. Alice wanderte 1934 nach New Jersey aus. 1937 zog sie weiter nach Brooklyn, New York, wo sie 1942 Irving Lilie heiratete. Hertha zog 1935 zunächst mit Mutter Clementine nach Bensheim um. „Viele jüdische Familien flüchteten sich in größere Städte, wo es anonymer zuging“, weiß Vetter. Zwei Jahre später reisten Mutter und Tochter nach Argentinien, 1941 ging es weiter in die USA. Ein Jahr später heiratete Hertha in New York. Im gleichen Jahr, 1942, starb ihre Tante Melanie im KZ Auschwitz.