Digitaler Neujahrsempfang - Bensheimer Grüne starten in den Kommunalwahlkampf / Vorsatz für 2021: Raus aus der Unverbindlichkeit Grüne: Perspektiven fürs Zentrum nötig

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Thomas Tritsch
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Beim digitalen Neujahrsempfang der Grünen ging es auch um Perspektiven für die Innenstadt. Experten, die an der Gesprächsrunde teilnahmen, forderten erneut einen Masterplan und die schnelle Umsetzung von Projekten. © Neu

Bensheim. Machen statt reden: So lautet die Bilanz des digitalen Neujahrsempfangs der Bensheimer Grünen. Für den Vorstand gleichermaßen auch eine Art Vorsatz für das laufende Jahr: man wolle ein gutes Ergebnis erzielen und Dinge aktiv mitgestalten, so die Partei mit Blick auf die Kommunalwahlen am 14. März.

Gesucht wird eine dauerhafte Lösung für das Familienzentrum

Die Topthemen für die Bensheimer Grünen im Kommunalwahlkampf sind: Klima- und Naturschutz, eine Mobilitäts- und Verkehrswende, eine nachhaltige Stadtentwicklung, die Kulturförderung und eine soziale Teilhabe für alle. Ergänzt wird das Programm durch die Themen globale Gerechtigkeit und den Umbau der Wirtschaft weg von fossilen Industrien.

Im Bereich Familienpolitik sollen neue und bestehende Angebote unter freier wie städtischer Trägerschaft kombiniert werden. Zudem wollen die Grünen eine Vernetzung der Hilfseinrichtungen wie Erziehungsberatungsstelle, Familienzentrum, Mehrgenerationenhaus und Frauenhaus forcieren. Eine dauerhafte Lösung der Standortfrage des Familienzentrums in der Innenstadt ist im Programm ausdrücklich formuliert.

Seit 2016 ist Katharina Naegele Geschäftsleiterin des Familienzentrums. Im Oktober hat das Team einen Teil seines Angebots in die Räume des ehemaligen Bürohauses Werner in der Fußgängerzone verlagert. Erklärtes Ziel ist ein einziger, größerer Standort in der Innenstadt. Die Diplom-Sozialpädagogin betonte die Unterstützung seitens der Stadt Bensheim.

Die Einrichtung sei so in der Lage, die hohe pädagogische Qualität des Angebots in den kommenden Jahren zu gewährleisten. Als Träger ist das Zentrum auch für zwei Schulkindbetreuungen in Bensheim und Lorsch zuständig. Die allgemeine Situation für Kinder und Familien in Bensheim bezeichnet Naegele als positiv.

Mehr personelle Unterstützung wünscht sie sich für die Kinderbetreuung im familiären, häuslichen Rahmen. Gerade für Kinder unter drei Jahren sei eine Betreuung durch Tageseltern oft angenehmer als in einer großen Krippeneinrichtung.

Bis zu fünf Kinder können zu Hause, in angemieteten Räumen oder in der Wohnung der Kindesfamilie betreut werden. Das Familienzentrum vermittelt Kontakte in Bensheim, Lorsch, Einhausen, Lautertal und Zwingenberg sowie in einigen Ried-Kommunen. tr

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Kinderbetreuung, Stadtentwicklung und Naturschutz waren die Themen, die sich die Grünen bei ihrem jüngsten Online-Format auf die Fahnen geschrieben hatten. Statt langer Grußworte wolle man lokale Experten zu Wort kommen lassen, sagte der Stadtverordnete Moritz Müller, der gemeinsam mit Doris Sterzelmaier das Spitzenduo bildet.

Im Dialog wurden städtische Baustellen erörtert und Schnittpunkte zum aktuellen Wahlprogramm angerissen. „Deine Wünsche für Bensheim“ lautete der Titel der Diskussion, die von der Vorsitzenden Susanne Reichert eröffnet wurde.

„Innenstädte verändern sich“

Die Zukunft der lokalen Mitte war dabei eine der zentralen Fragen. „Notwendige Maßnahmen wurden in Bensheim immer wieder verzögert“, kritisierte Harald Heußer vom Bürgernetzwerk. Der Diplom-Ingenieur und Architekt ist Leiter des Heidelberger Hochbauamts. Er bemängelt, dass man bei der Entwicklung der Innenstadt über Jahre hinweg nur wenige Meter vorangekommen sei. „Letztlich ist nur zwischen Bürgerwehrbrunnen und Marktplatz etwas passiert.“

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Sein Kollege Sanjin Maracic sieht das genauso. Auch er ist Diplom-Ingenieur und Architekt mit eigenem Büro in Bensheim. In seiner Heimatstadt würden gute Ideen durch politische Spielchen zunichtegemacht und dabei wertvolle Zeit verschleudert. „Innenstädte verändern sich“, so Maracic.

Aus den ehemals reinen Einkaufsmeilen werden individuelle Orte mit facettenreichem Angebot. „Sie bilden das Gedächtnis einer Stadt.“ Auch in Bensheim, wo man jetzt zeitnah Perspektiven entwickeln müsse, um die Attraktivität des Zentrums wiederherzustellen. Das gehe aber nur, wenn Stadt, Bürger und Eigentümer an einem Strang zögen.

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Der Architekt verwies auf die vom Magistrat im Sommer 2003 gestartete Zukunftswerkstatt für die Bensheimer Innenstadt. 2017 wurde das „rote Sofa“ mit viel Symbolik in die Fußgängerzone gestellt. Ein Platz für Bürger, die darauf ihre Ideen und Vorstellungen zur Innenstadt loswerden und Verbesserungsvorschläge äußern konnten. Maracic schlägt vor, die gesammelten Werke in ein homogenes Konzept zu pressen und daraus einen Masterplan zu entwerfen, den man dann sukzessive abarbeiten könnte. „Wir wollen eine sachbezogene Diskussion und eine Vernetzung einzelner Akteure.“

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Harald Heußer plädiert für einen Wechsel in der politischen Kultur. „Wir müssen raus aus der Unverbindlichkeit, die auch den Wahlkampf beherrscht hat.“ Statt konkrete Ideen pragmatisch umzusetzen, werde seit Jahren zu viel blockiert. „Es gibt zu viele von diesen Hilfskämmerern, die ihre Verweigerungshaltung in die Öffentlichkeit tragen“, kritisierte er. Heußer hält es für dringend geboten, diesen Stimmen nicht die „Lufthoheit über die Meinungsbildung“ zu überlassen.

In der Debatte um die Marktplatz-Gebäude 2 und 3 sieht der Experte durchaus Handlungsspielraum. Bei der Frage nach der Zukunft der denkmalgeschützten Fachwerkhäuser seien der Stadt keineswegs die Hände gebunden. Der Eigentümer habe nicht das Recht, die Objekte verfallen zu lassen. Man könne in der Sache aktiv werden. „Alles andere sind Ausreden.“

Auch die Stadtverordnetenkandidatin und Historikerin Laura Herr, ein noch junges Gesicht bei den Grünen, hält es für wichtig, diese und andere drängende Themen in den kommenden fünf Jahren anzugehen. Bei elementaren Weichenstellungen dürfe man nicht die Chance verpassen, die Richtung vorzugeben.

Das gelte auch für den Komplex Naturschutz und Klimawandel, ergänzte Doris Sterzelmaier. Unter anderem müssten trennende Grünflächen zu anderen Orten und zwischen den Ortsteilen erhalten werden. Nur so könne die Vernetzung der Lebensräume für Wildpflanzen und -tiere erhalten und damit ein Beitrag zum Schutz der Biodiversität geleistet werden. Die Grünen lehnen eine Südstadt zwischen B 3, Bahnlinie und Kleingartenanlage ausdrücklich ab. Das Wachstum von Siedlungsflächen und Gewerbegebieten müsse begrenzt werden.

Gerhard Eppler sieht das genauso. Der Nabu-Landesvorsitzende beurteilt das Regionale Entwicklungskonzept für Südhessen äußerst kritisch. Das Papier definiert den Bedarf an zusätzlichen Wohneinheiten sowie Flächen für Gewerbegebiete und Logistikansiedlungen bis 2030 und ist inhaltlich richtungsweisend für den Regionalen Flächennutzungsplan. Eine Kulisse, die mit einer nachhaltigen Stadtentwicklung wenig zu tun habe, so Eppler. Den Wohnbedarf könne man auch durch eine intelligente Innenverdichtung bedienen, indem beispielsweise Gebäude in die Höhe erweitert werden oder auf Bestandsflächen neu gebaut wird. „Wir müssen den Flächenverbrauch von der wirtschaftlichen Entwicklung entkoppeln. Und das funktioniert auch.“

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