Kunst - Neue Ausstellung mit 22 historischen Daguerreotypien von Wilhelm Debus / Beispiele der frühen Fotografie mit Bezug zu Schönberg Glücksfall für das Bensheimer Museum

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Thomas Tritsch
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Im Museum wurde die Ausstellung „Der Bensheimer Fotoschatz: Frühe Daguerreotypien von Johann Wilhelm Debus“ eröffnet. Unser Bild zeigt Prof. Claude W. Sui (r.), Kurator für Fotografie in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, mit Museumsleiter Christoph Breitwieser. © Funck

Bensheim. „Da könnte man neidisch werden“, betonte Claude W. Sui vom Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum in Bensheim. Anlass war die Eröffnung der neuen Ausstellung mit 22 frühen Daguerreotypien des Darmstädter Vermessers und Amateurfotografen Wilhelm Debus, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Familie in Schönberg ansässig war.

Hintergrund: die Daguerreotypie

Am 19. August 1839 veränderte eine Erfindung die Welt: Die Daguerreotypie gilt als Beginn der Fotografie.

Auf versilberten und polierten Kupferplatten gelang es dem französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre mit einem revolutionären, chemisch-physikalischen Verfahren, die Umwelt naturgetreu abzubilden.

Die erzeugten Bilder sind Unikate, die sich durch einen großen Detailreichtum und eine hohe Plastizität auszeichnen.

Es gibt nur noch wenige Entdeckungen aus der fotografischen Frühzeit. Die Technik war teuer und selten und wurde meist professionell genutzt.

Nur wohlhabende Privatleute konnten sich das Hobby leisten. Wilhelm Debus war einer von ihnen.

Die meisten Daguerreotypien wurden hinter Schutzglas gesichert. Aufgrund ihrer Machart konnten die sogenannten Direktpositive leicht koloriert werden.

Die Gäste der Vernissage im Bensheimer Museum erlebten nicht nur die lichtgeschützten Originale aus Debus’ Nachlass (hinter Klapptüren geschützt), sondern auch ein weiteres Unikat aus dem Jahr 1840 aus dem Besitz von Ina Häusser-Pargeter.

Die Tochter des 2013 verstorbenen Mannheimer Fotografen Robert Häusser, des am höchsten ausgezeichneten deutschen Fotokünstlers des 20. Jahrhunderts, war gemeinsam mit Claude W. Sui zur Ausstellungseröffnung gekommen. Sie hatte eine handkolorierte Daguerreotypie aus England mitgebracht . tr

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Sui bezeichnete die Sammlung, die unter dem Titel „Der Bensheimer Fotoschatz“ bis 19. Januar im Museum am Marktplatz zu sehen ist, als einzigartige Komposition aus historischen Fotografien mit einem unmittelbaren regionalen Bezug. Der Honorarprofessor ist in Mannheim Abteilungsleiter für Kunst und Kulturgeschichte mit besonderen Schwerpunkt auf Fotografie. Seit 2002 leitet er das von ihm gegründete „Forum Internationale Photographie“ als Forschungs- und Ausstellungsinstitut.

In Bensheim lobte er eine „sehr liebevolle und stimmige Ausstellung“, für die der Museumsleiter Christoph Breitwieser verantwortlich zeichnet. Nicht nur, was die gelungene Inszenierung der einzigartigen Werke angeht.

Große Patenschaftsaktion

Breitwieser war vor über zwei Jahren auf die Sammlung aufmerksam geworden, die als eine der größten zusammenhängenden privaten Konvolute eines Amateurfotografen gilt. Um die nötigen 35 000 Euro zusammenzubekommen, die für den Erwerb nötig waren, hatte der Museumsleiter eine Patenschaftsaktion initiiert. Mit Erfolg. Neben privaten Spendern haben sich auch Unternehmen, Vereine und die Stadt selbst beteiligt.

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Nach dem Ankauf wurden die Objekte in den Bestand des Museums aufgenommen. „Ein Glücksfall“, kommentiert Claude W. Sui. Ein wichtiges Stück Kulturgut werde so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und für Bürgermeister Rolf Richter ist es die „bislang größte Aktion bürgerschaftlichen Engagements“ in Bensheim. Zumal das fotografische Erbe Debus’ durch den Bezug zu Schönberg eine besondere Verbundenheit mit der Stadt zeige. Unterstützt wird die Ausstellung durch Leihgaben des Fürstenhauses zu Erbach-Schönberg, von Wilhelm Debus’ Urururenkel Martin Heintze und dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Sie illustrieren die damalige Zeit und erhellen die biografischen Fakten des frühen Fotografen.

Christoph Breitwieser weist darauf hin, dass einige der aus Darmstadt ausgeliehenen Objekte zeitlich dem Wirken des Geometers und Steuerrats zugeordnet werden können. Es dürfte sich also bei dem Heber-Barometer und einem Dreibein-Stativ höchstwahrscheinlich um Arbeitsgeräte handeln, die Debus persönlich benutzt hat.

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Der Foto-Pionier, ein durchaus wohlhabender Sohn von gräflich-erbachischen Verwaltungsangestellten aus Unter-Mossau, offenbart ein frühes Interesse für die Naturwissenschaften, Mathematik und Geometrie. Bereits mit 20 Jahren ist er Geometer 1. Klasse. Er lässt sich nach Mainz und später Bingen versetzen, heiratet und gründet eine Familie. Debus siedelt nach Darmstadt über, wo die zweite Tochter geboren wird. Der frühe Typhus-Tod seiner Gattin Amalie im Jahr 1839 trifft ihn hart.

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1842 beginnt er mit dem Experimentieren der Daguerreotypie, einer frühen Form der Fotografie. Debus zieht in sein Anwesen in Schönberg, die „Villa Debus“, heute Nibelungenstraße 120. Ende der 1850er Jahre lässt er sich eine Erfindung patentieren, die als Debusskop bekannt wird: eine Weiterentwicklung des Kaleidoskops, das damals auch Ornament-Zeichnern als Inspirationsquelle diente. Statt Glas nutzt er polierte Silberplatten, um die Motive schärfer und klarer erscheinen zu lassen. Eines der sehr seltenen Exemplare aus dem Jahr 1860 (Privatbesitz) ist in Bensheim ebenfalls ausgestellt.

Deckenhoher Druck

Eine eindrucksvolle Darstellung von Debus’ Familie ist an prominenter Stelle als deckenhoher Druck zu sehen. Das Familienbildnis „Rat Debus“ stammt aus dem Jahr 1940 – also ein Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau Amalie. Es wurde von Carl Engel gemalt und zeigt das Familienoberhaupt in herrschaftlicher Pose inmitten seiner typischen Arbeitsutensilien (Stativ, Barometer, Fernrohr) neben seinen Töchtern, Schwester, Tante und der Ehefrau.

Die Familienszene spielt sich auf einem Hügel bei Schönberg ab. Im Hintergrund ist die Kirche und ein Blick ins hessische Ried erkennbar.

Die kleinen Daguerreotypien im Mittelteil der Ausstellung, das Herz der Werkschau, sind diffizile Beispiele der frühen Fotografie. Das Besondere: Die Bilder aus den Jahren 1842 bis 1853 zeigen private Szenen, Familienmitglieder und Freunde, aber auch Landadel, Arbeiter und weitere berufsspezifische Motive. Damit überwindet Debus hierarchische Grenzen und jeglichen Standesdünkel der damaligen Zeit.

Entstanden sind die Aufnahmen in seinem Schönberger Landhaus, wo er sich sukzessive ein kleines Fotostudio mit Schiebekasten-Kamera eingerichtet hatte. Der spezielle Charme der Bilder liegt darin, dass die Personen nicht, wie in den Ateliers üblich, aufgrund der langen Belichtungszeit in statischen Posen verharren. Vielmehr sitzen sie meist lässig vor selbst gebauten Kulissen und strahlen somit Originalität, Lebendigkeit und Authentizität aus.

In Deutschland besitzen lediglich die Museen Ludwig in Köln, das Stadtmuseum München und das Grassimuseum Leipzig bedeutende Sammlungen von Daguerreotypien.

Ob sich Bensheim nun zu einem „Wallfahrtsort“ für die Freunde früher Fotokunst entwickeln wird, wie es Claude Sui am Sonntag augenzwinkernd formulierte, bleibt abzuwarten. Aber das Stadtmuseum muss ja nicht gleich zum kulturellen Heiligtum werden: ein wunderbares Erlebnis ist ein Besuch auch ohne Pilgerströme.

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