Interview - Christine Klein, die Vorsitzende des Vereins Frauenhaus Bergstraße, zur aktuellen Situation während der Corona-Krise Extreme Belastungsprobe für Familien

Von 
Dirk Rosenberger
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Bensheim. Kontaktsperren, häusliche Isolation, ein Leben auf engstem Raum: Wenn der gewalttätige Partner die Wohnung nicht mehr verlässt und das Konfliktpotenzial immer mehr steigt, sitzen Frauen oft in der Falle. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass häusliche Gewalt in Zeiten der Corona-Pandemie zunimmt – und die oft schon vorher überbelegten Frauenhäuser noch mehr ans Limit kommen.

Christine Klein, Vorsitzende des Vereins Frauenhaus Bergstraße. © Funck
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Wir haben über die aktuelle Situation mit Christine Klein gesprochen, der Vorsitzenden des Vereins Frauenhaus Bergstraße.

Eröffnung am 13. Juni 1988

Das Frauenhaus Bergstraße wurde am 13. Juni 1988 mit acht Familienzimmern und einer Maximalzahl von 24 Betten eröffnet.

Im März 2003 wurde es um weitere drei Familienzimmer und acht Betten erweitert.

Insgesamt stehen damit bis heute elf Familienzimmer mit maximal 32 Betten zur Verfügung.

Seit März 2003 ist Christine Klein Vorsitzende des Vereins Frauenhaus Bergstraße. Sie löste damals Ruth Nauheimer ab.

Im vergangenen Jahr gab es Anfragen von 136 Frauen mit 176 Kindern. 40 Frauen und 53 Kindern konnten aufgenommen werden. 96 Frauen und 123 Kinder mussten abgewiesen werden, weil alle Zimmer belegt waren.

2018 war es ähnlich: 107 Frauen mit 127 Kindern konnten im Frauenhaus nicht unterkommen.

Im vergangenen Jahr hatte der Kreistag auf Antrag der Grünen beschlossen, zusätzlich 80 000 Euro für die Beratungsarbeit des Frauenhauses zur Verfügung zu stellen.

Das Geld ist allerdings mit einem Sperrvermerk versehen, der mit einem Beschluss aufgehoben werden kann. Dies ist nach Auskunft von Christine Klein bisher nicht geschehen. dr

Frau Klein, das Frauenhaus Bergstraße hatte bereits lange vor der Corona-Krise damit zu kämpfen, dass mehr Frauen Hilfe benötigten, als es freie Zimmer gab. Wie ist momentan die Lage? Sind die Anfragen weiter nach oben gegangen?

Christine Klein: Bisher haben wir keine gravierenden Veränderungen durch die Corona-Krise wahrgenommen. Aber die Lage kann sich schnell verändern. Die Erfahrungen aus China mit verdreifachten Hilferufen und Spanien mit vermehrten Tötungsdelikten im häuslichen Bereich seit den Einschränkungen durch die Corona-Krise belegen diese Vermutung. Darüber hinaus ist die Möglichkeit für von Gewalt betroffene Frauen zur Kontaktaufnahme bei einer Beratungsstelle oder zum Frauenhaus durch die Anwesenheit des Mannes eingeschränkt oder gar nicht möglich. Die Polizeidirektion Bergstraße berichtete auf unsere telefonische Anfrage von Anfang dieser Woche von keinem signifikanten Anstieg bei häuslicher Gewalt und Hilferufen aus den Familien. Aber das ist natürlich nur eine Momentaufnahme.

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Warum kommt es zu mehr Gewalt an Frauen in Extremsituationen wie einer häuslichen Quarantäne oder bei Ausgangsbeschränkungen?

Klein: Gerade in Krisensituationen ist die Gefahr der ansteigenden Gewalt in Familie und Partnerschaft groß. Isolation und steigende Stressfaktoren können vermehrt zu Gewalt-Eskalationen führen. Aufgrund der massiven Einschränkungen des sozialen Lebens gehen wir von einer absehbaren Zunahme häuslicher Gewalt aus. Denn Leben auf engstem Raum, die Verlegung der Erwerbstätigkeit ins Home Office, die Kinderbetreuung zu Hause, Existenzängste wegen des möglichen Verlusts des Arbeitsplatzes und die gleichzeitige Angst vor dem Coronavirus stellen Familien auf eine extreme Belastungsprobe. Damit können Konflikte in Familien vorprogrammiert sein.

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Wie viele Frauen und Kinder leben momentan im Frauenhaus?

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Klein: Im Moment leben acht Frauen und sieben Kinder in unserem Frauenhaus.

Wie sieht deren Alltag in Zeiten der Corona-Pandemie aus?

Klein: Das ist vergleichbar mit anderen Haushalten und Familien.

Welche Schutzvorkehrungen treffen Sie für die Bewohnerinnen und die Mitarbeiterinnen, um die Gefahr einer Ansteckung zu minimieren?

Klein: Wir gehen davon aus, dass unser Frauenhaus derzeit coronafrei ist. Es wohnen derzeit keine Frauen bei uns, die einem besonderen Risiko unterliegen. Allerdings sind die Wohn- und Arbeitsbedingungen sehr beengt. Unsere Mitarbeiterinnen arbeiten und die Bewohnerinnen mit ihren Kindern wohnen im Frauenhaus auf engstem Raum zusammen. Sie müssen Büros, Beratungsräume, Küchen und Sanitärräume gemeinschaftlich nutzen. Das sind schon unter normalen Zeiten ausgesprochen schwierige Bedingungen. Aufgrund der Corona-Pandemie mit der Infektionsgefahr haben sich diese Bedingungen erheblich verschärft.

Wie versuchen Sie, dem entgegenzuwirken?

Klein: Wir halten die Bewohnerinnen täglich an, die bundesweiten Maßnahmen und die allgemeingültigen Vorsichtsmaßnahmen gegen Ansteckung umzusetzen – wie Husten- und Niesregeln einhalten, regelmäßig 30 Sekunden lang die Hände waschen, auf Händeschütteln verzichten, den Abstand zu erkrankten Personen einhalten und für Sekrete aus den Atemwegen Einwegtücher verwenden. Enger Körperkontakt ist zu vermeiden. Kontaktoberflächen wie Tische oder Türklinken werden regelmäßig mit Haushaltsreiniger gereinigt.

Haushaltsgegenstände wie Geschirr oder Wäsche sollen nicht mit Dritten geteilt werden, ohne diese zuvor wie üblich zu waschen, die Badezimmer und Küchen müssen nach Nutzung gründlich gereinigt werden. Regelmäßige gute Belüftung der Wohn- und Schlafräume gehört ebenso dazu wie Wäsche regelmäßig und gründlich (übliche Waschverfahren) zu waschen und darauf zu verzichten, Hygieneartikel zu teilen.

Und wie sieht es bei den Mitarbeiterinnen aus?

Klein: Die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen haben wir so weit wie möglich entzerrt, besondere Regelungen für die Beratung und Unterstützung der von Gewalt betroffenen Frauen getroffen. Die Mitarbeiterinnen sind angehalten, Personenkontakt zu vermeiden und grundsätzlich nur telefonische Beratungen durchzuführen.

Was raten Sie Frauen, die befürchten, dass es zu Hause zu Konflikten kommen könnte?

Klein: Frauen können sich telefonisch unter 06251/67495 und 01577/ 7569629 oder der E-Mail-Adresse kontakt@frauenberatung-bergstrasse.de an die Beratungs- und Interventionsstelle wenden. Das Frauenhaus ist unter der Telefonnummer 06251/78388 oder der Mail-Adresse kontakt@frauenhaus-bergstrasse.de zu erreichen. Ebenfalls kann die kostenlose Telefonberatung des bundesweiten Hilfetelefons unter 0800/116016 in Anspruch genommen werden, die in 17 verschiedenen Sprachen angeboten wird. Das Hilfetelefon ist Tag und Nacht erreichbar. Und natürlich können sich Frauen wie immer an die Polizei wenden, die auch Wegweisungen gegen den Täter aussprechen kann. Wichtig ist, dass sich die Frauen so früh wie möglich Beratung holen. Es ist ja nicht unser Ziel, ein komplett belegtes Frauenhaus zu haben. Entscheidend ist, präventiv tätig werden zu können.

Können Sie aktuell noch Frauen aufnehmen?

Klein: Durch aktuelle Auszüge haben wir heute drei freie Zimmer in unserem Frauenhaus. Erfahrungsgemäß sind diese schnell belegt. Unser Notbett, das ist eine Couch in einem Ess- und Gemeinschaftsraum, werden wir unter den gegebenen Umständen keinesfalls belegen.

Wie entscheiden Sie, ob und welche Frauen bei Ihnen einziehen?

Klein: Wir müssen in Betracht ziehen, die Belegung aus Gründen möglicher Risikofälle und wegen der Infektionsgefahr zu entzerren und gegebenenfalls auch Zimmer frei zu lassen. Das werden wir aber immer im Einzelfall entsprechend der jeweils aktuellen Situation entscheiden müssen.

Sie haben sich im vergangenen Jahr dafür eingesetzt, mehr finanzielle Unterstützung zu erhalten, um die Beratung ausbauen zu können – hatten Sie damit denn Erfolg?

Klein: Bisher sind wir bezüglich einer finanziellen Unterstützung für die Beratungs- und Interventionsstelle leer ausgegangen. Der Sperrvermerk für die im Kreistag beschlossenen 80 000 Euro aus dem Kreishaushalt soll, so die Information aus dem Landratsamt, für die kommenden Jahre bestehen bleiben. Wir fühlen uns im Stich gelassen.

Redaktion