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Aktion

Erschöpft, aber glücklich: Gunter Lutzi beendet in Bensheim seine besondere Mission

Von 
Thomas Tritsch
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Gunter Lutzi hat es geschafft: Auf seiner dreiwöchigen Wanderschaft durch Hessen hat er 25 Hospize besucht – und traf am Wochenende wieder in Bensheim ein. Dort wurde er begeistert empfangen. © Neu

Bensheim. Ein Mann, drei Wochen und 801 Kilometer: Und am Ende waren es sogar 25 statt 23 Hospize, die Gunter Lutzi in ganz Hessen besucht hat. Weil die Liste zunächst unvollständig war und unterwegs komplettiert wurde, ging es spontan noch nach Kassel und Hanau.

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Großes Medienecho für den Hospizlauf

„Diese Aktion hat viel bewegt“, kommentierte Hospizleiterin Sandra Scheffler am Samstag, als Gunter Lutzis Rückkehr im Rahmen eines abgespeckten Sommerfestes im überschaubaren Kreis gefeiert wurde.

Geschäftsführer Michael Braun betonte die wertvolle Öffentlichkeitsarbeit, die der Bibliser mit der Umsetzung seiner Idee für die Hospizarbeit geleistet habe. Das Medienecho spreche für sich. Lutzi stehe beispielhaft für das Engagement der rund 100 Ehrenamtler im Hospiz Bergstraße und darüber hinaus.

Schirmherr der Tour war der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Die Landtagsabgeordnete Birgit Heitland aus Zwingenberg hatte ihn über die Aktion informiert.

Staatsekretär Thomas Metz (Justizministerium) sagte in Bensheim, dass sich eine Gesellschaft auch in deren Umgang mit der letzten Lebensphase eines Menschen messen lassen müsse. Die Reise habe die Hospizbewegung ins Zentrum der Öffentlichkeit gerückt.

„Wir brauchen diese Aufmerksamkeit“, sagte Vereinsvorsitzende Claudia Mayer. Von der Hospiz-Idee würden alle Menschen profitieren.

Für den Vorstand der Hospiz-Stiftung sprach Renate M. Hannemann. Auch Landrat Christian Engelhardt würdigte Lutzis Engagement. Er habe mit seiner Initiative Mut und Empathie bewiesen und die Hospiz-Idee in die Mitte der Bevölkerung gebracht.

Die Eindrücke, die der 64-jährige Bibliser mit nach Hause nimmt, sind in Zahlen nicht zu beziffern. „Ich bin platt, aber es hat sich gelohnt“, so der Mann, der ehrenamtlich im Hospiz Bergstraße arbeitet und am 27. Juni zu einer besonderen Mission aufgebrochen war.

Seither hatte er nach und nach die stationären Hospize im Bundesland angesteuert. Zu Fuß, per Oldtimer, in der Pferdekutsche, auf dem Fahrrad oder im Motorboot. Die letzte Station führte am Samstag von Viernheim nach Bensheim und hinauf an die Kalkgasse. Dort wartete bereits ein großes Empfangskomitee mit Applaus und bunten Luftballons. Auf den finalen 23 Kilometern marschierten unter anderen Landrat Christian Engelhardt und Stadtverordnetenvorsteherin Christine Deppert mit.

Barrieren in den Köpfen abbauen

Es werde wohl noch einige Tage dauern, bis er das alles verdaut habe, so der Aktivist der Hospiz-Bewegung, der für das Thema Sterbebegleitung sensibilisieren und Barrieren in den Köpfen abbauen wollte. Anspruch war aber auch, eine möglichst breite öffentliche und auch mediale Resonanz zu entfachen.

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In dieser Hinsicht war Gunter Lutzi mit seinem kleinen Helfer- und Organisationsteam weit über das Ziel hinausgeschossen. Von Anfang an gab er täglich mehrere Interviews. Presse, Rundfunk und Fernsehen waren an dem Projekt und den Menschen dahinter brennend interessiert. „Genau das wollten wir ja: die Hospiz-Idee nach draußen tragen.“ Gemeinsam mit der Ehrenamtskoordinatorin Anika Frickel hat er die Tour geplant und kommuniziert. Auf Facebook und Instagram berichtete er mehrmals täglich von seinen Erlebnissen, über die er Tagebuch geführt hat. „Ich musste das alles einfach aufschreiben“, erzählt er dem BA.

Die Gedanken über seine Aktion und die Motivation dahinter hatten ihn beim Aufstehen begrüßt und durch die Nacht begleitet. Hinzu kamen die Begegnungen mit den Menschen vor Ort, die er rückblickend gar nicht qualitativ oder emotional einordnen möchte: „Wenn ich eine Sache herausstelle, werte ich die anderen zu Unrecht ab.“

Farbe hat er bekommen im Gesicht. Die wenigen Wehwehchen von unterwegs sind längst vergessen. Vor allem die ersten vier Tage seien körperlich wie mental eine Herausforderung gewesen. Ohne die Rückendeckung von Anika Frickel hätte er das nicht geschafft, sagt er. Als er sie vor dem Bensheimer Hospiz am Samstag umarmt, sagt er ihr ins Ohr: „Wir waren ein gutes Team.“ Kurze Pause. „Wir sind ein gutes Team.“

Unterwegs war er nicht nur für das Hospiz Bergstraße, sondern für eine Idee. Jedes Haus für sich sei einzigartig und strahle im Sinne der Hospiz-Bewegung Behaglichkeit und Liebe aus. An jedem Ort habe er Gastfreundschaft und Interesse erfahren. Lutzi hat dort geschlafen, wohin Menschen zum Sterben kommen. Und dort, wo sich Angehörige ihrer Trauer stellen. Tod und Abschied hatten ihn auf seiner Reise ständig begleitet. Aber auch Zuversicht und Empathie seien ihm täglich in unterschiedlichen Ausprägungen begegnet.

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Im Hospiz in Erbach hat er nicht nur mit den Ehrenamtlichen der Odenwälder Hospiz-Initiative gesprochen, sondern auch einen Mann getroffen, der sich mit dem nahenden Ende seines Lebens in einer schriftlichen Abhandlung auseinandergesetzt hat. Dies habe ihn ebenso tief bewegt wie die zahlreichen Hospiz-Gäste, die er unterwegs kennengelernt hat und von denen jeder und jede sich auf eigene Art und Weise dem Tod stelle. „Es sind meistens die leisen Menschen, die uns etwas zu sagen haben.“

Prominente als Begleitung

Wenn er gewandert ist, war er stets voll in der Gegenwart. Alleine war er selten. Etliche Menschen haben ihn auf Teilstücken begleitet. Darunter Prominente wie der Comedian Martin Schneider, der Moderator Werner Reinke und der Fußballer Sebastian Rode. Aber auch Politiker, Medienvertreter und Bürgermeister. Für ihn selbst war die Hessen-Tour eine Ausnahmesituation. Aber eine positiv besetzte.

Mit seiner Wanderung wollte er die Tatsache der menschlichen Endlichkeit aus der Tabuzone befreien. Aber auch das Wissen über Hospize, über ihre Aufgaben, die besondere Atmosphäre und ihre innere Organisation sei in der breiten Bevölkerung eher gering.

Seit 2006 ist Gunter Lutzi ehrenamtlicher Hospizhelfer. Seit fünf Jahren arbeitet er im Hospiz Bergstraße. Regelmäßig erfüllt er Sterbenden letzte Wünsche. Das ist eines seiner größten Anliegen. Keine millionenschweren Träume. Meistens kleine Dinge. Ein bestimmtes Essen, ein Tag in der Natur oder ein Besuch der ehemaligen Stammkneipe. Am Ende des Lebens verschieben sich die Prioritäten. Für solche Dinge lohnten sich die Blasen an den Füßen, sagt er. Die Presse nannte sein Projekt eine „Verbeugung vor der Hospizarbeit“.

Weniger Spenden durch Corona

Über Darmstadt und Wiesbaden ging es bis hoch nach Kassel und über Fulda und Offenbach wieder Richtung Süden. Für ein Thema, das ihn bewegt. Und deshalb hat er sich bewegt. Zu Lande, zu Wasser, und beinahe auch in der Luft. „Corona hat unsere Transferplanung erschwert“, so Anika Frickel.

Die Pandemie hat aber auch die Hospizarbeit schwer getroffen. Weil viele Aktionen abgesagt werden mussten, sei auch das Spendenaufkommen vielerorts spürbar eingebrochen. Das Problem dabei ist, dass die Häuser zwar von den Krankenkassen unterstützt werden, aber nach wie vor einen Eigenanteil an den zuschussfähigen Kosten in Höhe von fünf Prozent des tagesbezogenen Bedarfssatzes selbst aufbringen müssen.

Über das Spendenaufkommen im Kontext der Tour konnte der Hospiz-Verein am Wochenende noch keine Auskünfte erteilen. „Wir müssen zunächst bilanzieren, was im Zuge der Aktion an jedem einzelnen Standort passiert ist“, so Anika Frickel.

Zurück an der Bergstraße wurde Gunter Lutzi von rund 80 Menschen begrüßt. Darunter Hospiz-Mitarbeiter, Freunde und Vertreter der 25 Häuser, die er unterwegs besucht hat. „Jedes für sich leistet eine einzigartige Arbeit“, so der Hospiz-Wanderer, der allen dankte, die ihn auf seiner Reise unterstützt haben. Jetzt wolle er die gebündelten Eindrücke erst einmal sacken lassen und die Ruhe abseits des Medienrummels genießen. „Das war sicherlich die Tour meines Lebens.“

Freier Autor

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