Sankt Georg - Zum Aktionstag der Katholischen Frauengemeinschaft predigte Pastoralreferentin Renate Flath in der Stadtkirche Ein starkes Signal für Gleichberechtigung

Von 
Gerlinde Scharf
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Pastoralreferentin Renate Flath predigte als eine von zwölf Frauen bundesweit am Sonntag in der Stadtkirche Sankt Georg. Anlass war eine Aktion der Katholischen Frauengemeinschaft. © Funck

Bensheim. Das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Frauen ist seit jeher angespannt. Zwar sind es überwiegend Frauen, die ehrenamtlich in der Bildungs-, Projekt- und Jugendarbeit tätig sind, die freiwillig als Gruppenleiterinnen und Katechetinnen ihren Dienst versehen und bei Pfarrfesten an der Kuchentheke stehen – und die trotzdem in den Gottesdiensten nur eine untergeordnete Rolle spielen.

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Frauen, die predigen, die zu den Gläubigen sprechen, sie ermutigen und die Botschaft Gottes verkünden, sind nach wie vor unerwünscht. Gleichberechtigung ist in der Katholischen Kirche noch immer nahezu ein Fremdwort. Das Predigtverbot für Frauen ist Realität.

Gedenktag der Heiligen Junia

Am Gedenktag der Heiligen Junia startete die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) deshalb einen bis dato einmaligen bundesweiten Predigerinnentag, um ihrer Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit eine Stimme zu verleihen. „12 Frauen, 12 Orte, 12 Predigten“, so warb der Frauenverband für die Aktion.

Eine der zwölf Frauen war Renate Flath aus Heppenheim. Die Pastoralreferentin im Bistum Mainz hielt ihre Predigt am Sonntag während der Eucharistiefeier und in der Wortgottesfeier in der Kirche Sankt Georg in Bensheim. Wegen der geltenden Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie war die Zahl der Kirchenbesucher bewusst überschaubar gehalten.

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Flath, die ruhig und sicher wirkte und über das ganze Gesicht strahlte, hinterließ bei den Zuhörern einen tiefen Eindruck. Und die 59-Jährige widerstand der Versuchung, eine „Kampfrede für mehr Frauen in der Katholischen Kirche“ zu halten. Zwar forderte auch sie die „volle Gleichberechtigung“ und das Recht für Laien und Frauen, in der Heiligen Messe predigen zu dürfen („es ist höchste Zeit“), legte ihren Fokus aber bewusst auf die Auslegung des Wortes Gottes aus weiblicher Sicht. Sie wolle die christliche Botschaft aus Sicht der Frauen auf den Glauben und das Evangelium verkünden, so die Predigerin.

Flath ging ebenso wie zuvor bereits Pfarrer Thomas Catta kurz darauf ein, warum ausgerechnet der Gedenktag der Heiligen Junia der perfekte Anlass ist, ein Zeichen für eine geschlechtergerechte Kirche zu setzen. Schließlich war die Apostelin Junia bis zum Jahr 2016 so gut wie unbekannt, und das obwohl Paulus sie in seinem Römerbrief ausdrücklich als eine „herausragende Apostelin“ beschrieb.

Fehler in der Bibelübersetzung

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In einer Bibelübersetzung aus dem 13. Jahrhundert war dann allerdings lediglich die Rede vom Apostel Junias. Ob diese Verwechslung auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen ist oder ob aus der Apostelin bewusst und mit Absicht ein Mann gemacht wurde, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Fest steht dennoch, dass die Katholische Kirche trotz der vor vier Jahren erfolgten Korrektor und Richtigstellung in der Bibel in Sachen Gleichberechtigung nicht wirklich vorangekommen ist.

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Dass die Apostelin Junia ebenso wie ihr Ehemann ihren Glauben verkündet haben, für ihr unerschütterliches Bekenntnis mit Gefängnis bestraft wurden und nach ihrer Flucht nach Rom weiter unbeirrt mit Geist und Kraft die Worte Jesu predigten, soll „auch uns ermutigen, stärken und trösten“, so Renate Flath: „Die Apostelin Junia hat vor 2000 Jahren von ihrem Glauben an den Auferstandenen Zeugnis gegeben. Ich wünsche mir, dass Frauen das heute in ihrer Nachfolge laut und deutlich vor der Versammlung der Gemeinde tun können.“

Als Mutmacher-Botschaft, die bis heute Bestand hat, interpretierte die Pastoralreferentin die Abschiedsworte Jesu beim letzten Abendmahl, „Ich lasse Euch nicht als Waisen zurück“, aus dem Johannes-Evangelium. In Corona-Zeiten sei die Angst vor dem Verlassenwerden und dem Alleinsein besonders groß. Ein Gefühl von „Abstand“ habe sich eingeschlichen.

Mutmacherin und Trösterin

Der Verzicht auf Familienfeierlichkeiten, der Erstkommunionfeier, auf ein Wiedersehen mit Freunden und das gemeinsame Osterfest habe Spuren hinterlassen – auch nach der Lockerung der Regeln und ersten vorsichtigen Kontaktaufnahmen.

Als Trost und „starke Vorstellung“, die durchaus „zu hoch für uns ist“, bezeichnete Flath die Evangeliums-Botschaft, dass „Jesu in Gott lebt und wir alle mit Jesus zusammen in Gott leben. Vielleicht braucht es ein ganzes Leben, um diese Worte zu verstehen“.

Selbstbewusst und selbstverständlich machte die Predigerin ihre Zuhörer mit dem Begriff „Geisteskraft“ vertraut. Nach Vorstellung der Katholischen Frauengemeinschaft handele es sich um eine weibliche Namensschöpfung.

„Die Geisteskraft“ sei gleichzeitig Mutmacherin, Trösterin, Freundin und große Schwester: „Sie ist zärtlich, beharrlich, sanft und stark, einfühlsam und unerschrocken und schenkt Zuversicht und einen langen Atem.“

Freie Autorenschaft Seit vielen Jahren "im Geschäft", zunächst als Redakteurin beim "Darmstädter Echo", dann als freie Mitarbeiterin beim Bergsträßer Anzeiger und Südhessen Morgen. Spezialgebiet: Gerichtsreportagen; ansonsten alles was in einer Lokalredaktion anfällt: Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Porträts. Mich interessieren Menschen und wie sie "ticken", woher sie kommen, was sie erreiche haben - oder auch nicht-, wohin sie wollen, ihre Vorlieben, Erfolge, Misserfolge, Wünschte etc.