Kultur und Corona - Der Maler Hans Borchert thematisiert die Begrenzung, ohne selbst an ihr zu leiden Ein Bewegungskünstler auf neuen Pfaden

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Thomas Tritsch
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Zu seinem Malereiprojekt „WinterZauber“ hat Hans Borchert ein Video produziert – hier ein Screenshot aus dem knapp dreiminütigen Film. © Borchert

Bensheim. „Eine ernsthafte Existenz als Maler bedeutet in gewisser Weise auch selbst gewählte Isolation.“ Schöpferisches Alleinsein als Voraussetzung für Produktivität. Psychische Widerstandskraft in kritischen Phasen gehört für Hans Borchert zum Lebenswerkzeug.

Die Olympischen Spiele in München als prägendes Ereignis

Hans Borchert, Jahrgang 1951, war nach seinem Studienabschluss in Grafik und Illustration ab 1978 Meisterschüler bei Professor Roland Dörfler in Braunschweig. Figur und Bewegung wurden früh zu seinem Kraftfeld.

Prägend für den jungen Studenten waren die Olympischen Spiele 1972 in München. Die Hochzeit von Architektur, Design, Tanz, Musik und Sport hatte ihn nachhaltig beeindruckt. Ein Fest der Ästhetik. Und für Borchert eine zentrale Erfahrung. Es folgen Stipendien und Lehraufträge. 1983 zieht er mit seiner Familie an die Bergstraße. Zunächst nach Auerbach.

Er selbst hat sich jeglichem Schubladendenken immer erfolgreich entzogen. Hans Borchert kennt die Turbulenzen des unsteten Künstlerlebens seit 1970. Die Freiheit des Freiberuflers genießt er bis heute. Trotz aller Widrigkeiten, die damit bisweilen einhergehen können. „Die innere Haltung zum Werk verändert sich“, hat der Maler einmal gesagt. „Im günstigsten Fall wird man mit ihm versöhnt.“ Seine jüngeren Arbeiten spiegeln diese wechselvolle Bindung in gewisser Weise. Borchert experimentiert mit Skizzen und Video-Stills, eignet sich die entsprechende Software an. Kein stieres Pauken von seelenloser Elektronik, vielmehr ein heuristisches Stöbern in neuen Sphären. Ein Spielen mit dem Fundus. Das „Leiden am Projekt“ stellt sich auch hier an. Für Hans Borchert ein positives Zeichen. Entdecken bedeutet Leben. Ein Verschieben von Grenzen.

Auch das Jahr 2020 hat eine solche Dynamik verursacht. Für viele Kollegen sei die Pandemie eine existenzielle Bedrohung. „Zur Kunst gehört die Ausstellung, die Vernissage, das Gefühl“, so Borchert. Diese Art von Gesellschaftsspiel pausiert gerade. Der Markt hat sich verlagert.

Der Kultur werde derzeit zu wenig Aufmerksamkeit zuteil, befürchtet Borchert. In der Gewichtung der Branchen erkennt er eine Schieflage, die das Genre vor eine immense Herausforderung stellt. Doch der Zwang zu künstlerischen Produktivität befeuere auch den kreativen Flow. Sein bedeutet Tun.

Für Hans Borchert ein Naturgesetz. Und vielleicht trifft ja tatsächlich das ein, was er sich als Erkenntnis der Krise insgeheim erhofft: Dass die Kunst ihr muffiges Odeur als austauschbares Hochglanzprodukt und provokante Pose verliert und wieder stärker Position bezieht jenseits billiger Effekte. Dass wieder eine echte und harte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit stattfindet anstatt in vordergründigem Blendertum selbstgefällig um sich selbst zu kreisen. Das Schlimmste, was passieren kann: „Wenn sich die Kunst angesichts der Umstände verlassen fühlt“, so der Maler, der weiterhin seinen Rückzugsraum genießt. Einsamkeit als Versuch, mit sich selbst zusammen zu sein. Vor, während und nach Corona. tr

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Nicht erst seit Corona. Er verfüge über Resilienz – sei also in der Lage, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen, so der Maler in seinem Fehlheimer Atelier, wo er sich immer wieder mit seinem Werk auseinandersetzt und konsequenter Reflexion ausliefert. Wenn ihm wirklich etwas fehle, sagt er nach längerer Pause, dann der Austausch mit anderen: Die lustvollen Kollisionen eines unberechenbaren Gesprächsverlaufs.

Als im Januar 2020 die ersten Nachrichten aus Wuhan in Europa strandeten, wusste er: Diese Welle tost um die Welt. Hans Borchert hat die Pandemie erwartet und – entgegen seiner ersten Selbsteinschätzung – auch künstlerisch verarbeitet. Eine direkte visuelle Umsetzung stand aber nie zur Diskussion: „Ich bin ja kein Karikaturist oder Comicillustrator, der Dinge ganz konkret zeigt und kommentiert.“ Das wäre nicht seine Sprache.

Stattdessen hat er in seinem persönlichen Bild-Vokabular unterschiedliche menschliche Reaktionsvarianten in spontanen Skizzen dargestellt, die dem Betrachter Raum für eigene Assoziations-Ketten bieten: Die Stadtflucht in eine verklärte Natur, die offensive Ignoranz des freundlichen Clowns, der Covid-19 den Mittelfinger zeigt, oder der in häuslicher Isolation eingeklemmte Mensch, dessen biologisch-natürliche Dynamik in architektonischer Starre verkümmert.

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Die zeichnerische „Bildbefragung“ aus dem Frühjahr 2020 war eine der frühen Reaktionen auf die Folgen des Virus. Perspektivische Freiheiten, auch im Denken, haben Borchert schon immer interessiert. Umso unwahrscheinlicher war es, dass sich der Maler in oberflächlicher Manier mit einem schnöden Krisen-Szenario aus der Isolation zu Wort melden würde.

Bekennender „Bilderfresser“

Der bekennende „Bilderfresser“ verspürte weder Antrieb noch Lust, dem Elend auf der Leinwand eine effekthascherische Bühne zu geben. Vielmehr hat ihn das allgegenwärtige Motiv der Begrenzung interessiert und die Art und Weise, wie der Mensch mit der dominanten Zähmung seiner Freiheit umzugehen pflegt. Auch er selbst habe vor der Pandemie allergrößten Respekt. Als persönliche Bedrohung empfindet er sie nicht.

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Mit seiner Frau Karin lebt er seit 1968 zusammen. Seit 1976 ist das Paar verheiratet. Man genüge sich selbst, sagt der Künstler, der eher zurückgezogen lebt. Soziale Ängste ergeben sich durch Corona nicht. Auch der eingeschränkte Bewegungsradius führe keineswegs zu klaustrophobischen Symptomen. Kurz: Man hält es aus und – hoffentlich bei bester Gesundheit – auch durch. Demütig ja, depressiv: nein.

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Aus künstlerischer Perspektive gestaltet sich die Gegenwart etwas vertrackter. Die bildende Kunst erlebe im Vergleich zur darstellenden durchaus mediale Beschränkungen, so Hans Borchert. Denn während Tanz, Theater, Musik und Performance längst neue Resonanzräume entdeckt haben, in denen sie sich ihrem Publikum mitteilen können, stellen Video-Streams und Online-Shows bislang für Maler, Bildhauer und Grafiker (noch) keine Alternative dar.

Digitales Medium öffnet Räume

Doch für den passionierten Filmfreak Borchert, der die Möglichkeiten der digitalen Medien seit langem wegen ihrer kreativen Freiheiten schätzt, haben sich seit Frühjahr gerade in dieser Nische neue Pfade erschlossen: Vier Monate lang hat er ein Malprojekt ins Video-Format übertragen. „Eine völlig neue Erfahrung, Malerei und Zeichnungen von mir selbst in fließende Bewegungen zu transferieren.“ Spielerisch hat er für „WinterZauber“ einzelne alpine Sequenzen – wie etwa einen Snowboardfahrer – gleichsam defragmentiert und in szenischer Dynamik neu inszeniert. So hat er den statischen Motiven eine bewegliche Komponente abgetrotzt, die auf dem Bildschirm eine reizvolle visuelle Ästhetik erzeugt.

Das digitale Medium öffnet Räume und schafft ohne qualitative Verluste völlig neue Blickwinkel und Rezeptionsmöglichkeiten. Borchert ist seinem Sujet treu geblieben und hat es dennoch auf eine andere Ebene gehoben. Tanz und Körperspannung, Muskelkraft und kinetische Energien sind seit Jahrzehnten sein bevorzugtes Genre. Wiederholt hatte er im Auftrag des Nationalen Olympischen Komitees und des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) gearbeitet.

Der Maler und Grafiker hat fast sein ganzes Künstlerleben lang die Figur in der Bewegung beobachtet und auf das Papier gebracht. Für ihn sind Sportler Bewegungskünstler – in einer leicht veränderten Betonung ließe sich der Begriff auch auf ihn selbst anwenden.

Borchert hat die Flüchtigkeit des Augenblicks und das Spiel der Kräfte am lebenden Objekt studiert und künstlerisch perfektioniert. Vorlagen braucht es längst nicht mehr. Nach unzähligen anatomischen Studien hat er die Abläufe in seinem Kopf gespeichert.

Gerade durch diese unbemühte Virtuosität vermitteln seine Werke oft etwas Leichtfüßiges und Tänzerisches, was mit Blick auf seine Biografie keineswegs verwundert: Schon als Kunststudent in Wuppertal hatte er in den Siebzigern Gelegenheit, Pina Bauschs Tanztheater mit dem Skizzenblock zu begleiten. Dabei hat er gelernt, dass er sich „vom Geschehen lösen“ musste, um es zeichnen zu können.

In diesem Spezialbereich hat er als freier Künstler seine Nische gefunden. Und einen Broterwerb. Für die „Hall of Fame“ der Deutschen Sporthilfe hat er individuelle Porträts unzähliger Top-Athleten angefertigt. Darunter Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer, Max Schmeling, Katharina Witt, Rosi Mittermaier und Uwe Seeler. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit der IOC Trophy 2014 „Sport and Art“ ausgezeichnet.

Info: Das Video „WinterZauber“ auf YouTube: https://bit.ly/3ipN04y

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