Interview - Bürgermeisterin Christine Klein spricht über die ersten vier Wochen ihrer Amtszeit und die Schwierigkeiten durch die Corona-Beschränkungen Ein Amtsantritt im Ausnahmezustand

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Dirk Rosenberger
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Christine Klein ist seit Mitte Dezember als neue Bensheimer Bürgermeisterin im Amt. Zwei Tage nach der Übergabe der Geschäfte trat der verschärfte Lockdown in Kraft. © Funck

Bensheim. Aus dem Ruhestand ins Rathaus – für viele wäre das ein ziemlicher großer Schritt. Die neue Bensheimer Bürgermeisterin Christine Klein befand sich zwar bis zum 14. Dezember offiziell in Rente, dank ihres vielfältigen ehrenamtlichen Engagements war die 65-Jährige aber weit davon entfernt, zu Hause die Füße hochzulegen und komplett zu entschleunigen.

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Trotzdem war und ist ihr Start als Verwaltungschefin ein besonderer, der den aktuellen Rahmenbedingungen geschuldet ist. Zwei Tage, nachdem sie von ihrem Vorgänger Rolf Richter die Geschäfte übernahm, ging Deutschland kurz vor Weihnachten wegen der Corona-Pandemie in einen schärferen Lockdown.

Hinzu kam, dass ihr nach dem Wahlerfolg Mitte November nur rund vier Wochen blieben, um sich auf die neue Aufgabe vorzubereiten. In normalen Zeiten hat man im Schnitt ein halbes Jahr „Eingewöhnung“, bevor es in die Vollen geht.

„Zum Glück habe ich die Fähigkeit, mich relativ schnell in neue Sachverhalte einzuarbeiten“, betont Christine Klein im Interview mit dieser Zeitung, in dem es nicht nur, aber auch um die Herausforderungen durch die Corona-Krise geht.

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Frau Klein, Sie sind etwas mehr als einen Monat im Amt. Was hat Sie bisher positiv überrascht, über was mussten Sie sich ärgern?

Christine Klein: Geärgert habe ich mich noch nicht – höchstens über die Technik hier (lacht). Dafür können aber die Mitarbeiter nichts. Das ist einfach dem Gebäudezustand geschuldet. Damit müssen wir uns in Zukunft im Zuge der Digitalisierung beschäftigen. In diesem Bereich gibt es viel zu tun. Aber das betrifft nicht nur mich, das betrifft alle hier. Ansonsten fühle ich mich total wohl. Ich habe überhaupt kein fremdes Gefühl, sondern das Gefühl, als würde ich schon immer hier herkommen.

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Wie sind Sie von den Mitarbeitern in der Verwaltung aufgenommen worden?

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Klein: Sie sind freundlich, offen und zugewandt, unterstützen mich und stehen mir mit Rat und Tat zur Seite. Das ist sehr angenehm. Mein erster Eindruck ist, dass sehr gute Arbeit geleistet wird mit einem hohen Engagement. Was bedauerlich ist und war, ist der aktuellen Situation geschuldet. Es war geplant, dass ich durch das ganze Haus gehe und die Außenstellen und Eigenbetriebe besuche. Das haben wir nun nicht umsetzen können. Es war mir allerdings ein inneres Bedürfnis, am 4. Januar durch die Stockwerke zu gehen und allen, die da waren, ein gutes neues Jahr zu wünschen. Mir fehlt der persönliche Kontakt, das ist nicht durch Videokonferenzen zu ersetzen.

Planen Sie im Rathaus organisatorische Änderungen, wie etwa eine neue Aufteilung der Dezernate?

Klein: Bisher nicht, weil ich mir zunächst ein Bild machen möchte. Ich mache mich im Moment im Haus sachlich und fachlich schlau und lasse mir Zeit. Im März kommt dann die Kommunalwahl, danach werden wir dann genauer hinschauen. Das mache ich in Zusammenarbeit mit meinem engeren Team, werde es dann aber auch mit der Dezernentin und den Dezernenten besprechen. Das wird kein Alleingang sein, gleichwohl entscheide ich es dann am Schluss.

Können Sie schon sagen, wo Sie persönlich Schwerpunkte setzen wollen?

Klein: Was ich in meinem Wahlkampf betont habe: Bürgerbeteiligung und Transparenz. Bei der Bürgerbeteiligung sind wir zurzeit dabei zu recherchieren, welche Möglichkeiten, Formate und Erfahrungswerte es in anderen Städten gibt. Das analysieren wir jetzt genau. Mein Ziel ist es tatsächlich, sehr breit aufgestellt zu sein, so dass niederschwellig alle Menschen, egal welchen Alters, sich beteiligen können – nicht nur über Präsenzveranstaltungen, sondern beispielsweise auch digital. Mehr Bürgerbeteiligung ist nicht nur in Bensheim gewollt, darauf wird mittlerweile bundesweit ein viel größerer Wert gelegt. Die Bürger fordern das zurecht ein. Transparenz ist für mich außerdem ein großes Thema. Einerseits in die Öffentlichkeit bringen, was im Rathaus geleistet wird, andererseits die Bürger und die Fraktionen möglichst früh einbinden. Auch das setzen wir schon um. Mit den Fraktionsvorsitzenden gab es am Dienstag einen ersten Termin.

Was muss aus Ihrer Sicht in diesem Jahr in Bensheim an Projekten auf jeden Fall umgesetzt werden?

Klein: Unser Haushalt muss erst genehmigt sein, um neue Projekte angehen zu können. Der Haushalt präsentiert sich nicht so, dass wir aus dem Vollen schöpfen können. Wir müssen entscheiden – und da sind wir noch nicht so weit –, was an Neuem angepackt werden kann. Solange wir keinen Haushalt haben, können wir nur die Pflichtaufgaben umsetzen und die Projekte, die schon am laufen sind. Es wäre auch unrealistisch zu sagen, was ich alles gerne machen würde, wenn wir kein Geld dafür haben und die haushalterischen Voraussetzungen es unmöglich machen.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Corona-Maßnahmen? Muss noch mehr getan werden, um die Fallzahlen zu drücken?

Klein: Das ist eine schwierige Frage und ich bin letztlich froh, dass ich solche Entscheidungen, wie sie im Bund und im Land getroffen werden müssen, nicht treffen muss. Die Infektionszahlen müssen runter, ganz klar. Welche Maßnahmen am Ende zu diesem Ziel führen und welche unnötig sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Für uns ist es auf kommunaler Ebene zum Beispiel besonders für die Geschäfte schwierig. Wenn bis Ostern geschlossen werden würde, hätte das immense Auswirkungen auf die Stadt. Das ist eine solche Durststrecke, dass es einige Einzelhändler nur schwer überstehen würden.

Haben Sie die Befürchtung, dass die Pandemie der ohnehin etwas schwächelnden Innenstadt den Todesstoß versetzen könnte?

Klein: So negativ muss man nicht sein, aber es wird trotzdem Auswirkungen haben. Wir haben jetzt schon Leerstände, das ist ein bekanntes Thema. Unser Stadtmarketing soll mit dem Neustart des Vereins auf neue Füße gestellt werden. Die Vorbereitungen laufen, um gemeinsam mit allen Beteiligten unsere Innenstadt zukunftsfähig zu machen. Das ist nicht nur eine Bensheimer Problematik, insgesamt werden sich die Innenstädte komplett verändern. Vieles hängt mit guten Ideen und Innovationen zusammen, aber natürlich braucht man immer ein bisschen Geld.

Es gab Forderungen von Bürgermeistern, die Kommunalwahl am 14. März wegen der Pandemie zu verschieben. Würden Sie einen solchen Vorschlag unterstützen?

Klein: Mit der Bürgermeisterwahl haben wir grundsätzlich gute Erfahrungen gemacht. Wir haben ein Hygienekonzept, die Briefwahlbeteiligung war sehr hoch, im Bürgerbüro hat alles gut funktioniert. Wenn ich aber auf der einen Seite den Bürgern so vieles abverlange, ist es aus meiner Sicht schwer vermittelbar, in Wahllokale zu gehen und zu suggerieren, dass es für die Politik eine Ausnahme gibt.

Wie beeinflussen die aktuellen Corona-Beschränkungen Ihre Arbeit?

Klein: Es sind sehr besondere Bedingungen, unter denen ich in meine Amtszeit gestartet bin. Der persönliche Kontakt zu den Bürgern fehlt sehr, alles fällt weg. Wenn ich in der Innenstadt unterwegs bin, kommt es zwar zu Gesprächen mit Bürgern, aber schon sehr reduziert. Unter normalen Umständen wäre das natürlich anders abgelaufen. So konnten wir aber den traditionellen Neujahrsempfang nur digital abhalten, die Versammlungen der Vereine oder der Feuerwehr fallen aus, die klassischen Antrittsbesuche gab es nicht. Das sind sonst Termine, bei denen man sich austauscht, sich präsentieren kann als neue Bürgermeisterin. Aber diese Zeiten werden wiederkommen – und dann werde ich das alles nachholen.

Redaktion