Museum - Ausstellung mit 37 erstmals gezeigten Zeichnungen von Paul Kleinschmidt Die Theatralik des Augenblicks sensibel im Bild festgehalten

Von 
Thomas Titsch
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Christoph Breitwieser (l.), Leiter des Museums der Stadt Bensheim, im Gespräch mit Kleinschmidt Enkel Jean-Claude Salzmann – er kündigte an, den weiteren künstlerischen Nachlass seines Großvaters der Stadt Bensheim vermachen zu wollen. © Thomas Neu

Bensheim. Der einen Perle folgt sogleich die nächste: Nach der exzellenten Werkschau mit Malereien des Hamburgers Jochen Hein im Forum des Museums zeigt die Stadt Bensheim in der oberen Etage seit Sonntag Tusche- und Bleistiftzeichnungen des 1949 in Bensheim verstorbenen Künstlers Paul Kleinschmidt. Darunter 37 bislang nie gezeigte Arbeiten, die neben einem Dutzend Malereien aus dem Bestand des Museums erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Ein kulturhistorisch wertvoller Schatz, der bei der gut besuchten Vernissage viele geneigte Gäste fand.

Paul Kleinschmidt starb als gebrochener Mann

Paul Kleinschmidt ist einer der wichtigsten bildenden Künstler, die man im Zusammenhang mit der Stadt Bensheim nennen kann. Von 1943 bis zu seinem Tod am 2. August 1949 hat er in der Stadt gelebt. Doch die Umstände seines Aufenthaltes sind kein positives Kapitel in der Biografie des 1883 in Pommern geborenen Malers.

Kleinschmidt wuchs in einem Milieu von Schauspielern und Varieté-Künstlern auf: Seine Eltern unterhielten eine Wanderbühne, bevor der Vater Direktor des Nationaltheaters in Halle wurde. Die Mutter arbeitete als Schauspielerin.

Obwohl die Eltern es gern gesehen hätten, dass der Sohn ihnen auf diesem Weg folgen würde, entschied er sich für ein Kunststudium. Ab 1902 besuchte er die Künstler-Akademie in Berlin und knüpfte immer mehr Freundschaften in die Szene und zu ihren Akteuren. Darunter Seit 1905 lebte Paul Kleinschmidt als freier Maler und Grafiker in Berlin. Der Einberufung 1914 folgte bereits im Folgejahr die Suspendierung vom Frontdienst wegen eines Augenschadens durch eine Gasvergiftung. In den 20er Jahren wurde er vom New Yorker Sammler Erich Cohn unterstützt, der zu seinem wichtigsten Mäzen wurde.

Mit Malverbot belegt

Nach den Berliner Erfolgen und einem Umzug nach Ulm begannen im Jahr 1933 politische Repressionen. Kleinschmidts Werke wurde in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ und in anderen „Schandausstellungen“ gezeigt. 1936 ging er Holland und später nach Südfrankreich. Bei der 1943 verfügten Zwangsrepatriierung durch den deutschen Sicherheitsdienst verschlug es ihn per Zufall „heim ins Reich“ nach Bensheim, wo er als verfemter Künstler aber weiter Malverbot hatte. Sein gesamter Besitz und viele seiner Werke wurden 1945 durch einen Bombenangriff zerstört. Noch kurz vor seinem Tod 1949 besuchen ihn Erich und Helene Cohn in Bensheim.

Paul Kleinschmidt starb als gebrochener Mann. Er wurde in Lörrach beigesetzt. Auf wenige Künstler trifft der Begriff der „Verschollenen Generation“ besser zu. Gebrandmarkt als „entartet“, mit Malverboten belegt und zur Flucht gezwungen, gelang es ihnen meist nicht, nach dem Krieg ihre Karriere wieder neu anzuknüpfen, so dass ihre Namen und ihr Werk seither oft unbekannt sind. Erst die Renaissance der realistischen Malerei hatte wieder den Blick für Kleinschmidts Qualitäten geöffnet. tr

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Anlass der Sonderausstellung im 70. Todesjahr war eine Stiftung aus dem Nachlass des Künstlers durch seinen Enkel Jean-Claude Salzmann, der zur Eröffnung eigens aus der Schweiz an die Bergstraße kam. „Ich freue mich sehr darüber, dass die Stadt Bensheim meinen Großvater auf diese Weise ehrt“, kommentierte er diese gelungene Hommage, die bis zum 20. Oktober zu sehen ist. Vor gut einem Jahr hatte Museumsleiter Christoph Breitwieser mit ihm Kontaktaufgenommen und über die biografischen Verknüpfungen des Künstlers nach Bensheim gesprochen.

„Es gab bereits Dauerleihgaben in Köln, Schweinfurt und Ulm. Aber in Bensheim gab es nichts“, so Salzmann über die räumlichen Verbindungen zum Werk seines Großvaters. Im Museum kündigte er an, auch den weiteren künstlerischen Nachlass der Stadt vermachen zu wollen: „Ich halte nichts von Verkäufen. Bilder müssen gesehen werden.“

Mit diesem hochkarätigen Coup wird das Kunstarchiv Bergstraße weiter ausgebaut. Es hat sich im November 2017 im Museum gegründet mit dem Ziel, hochwertige Arbeiten Bergsträßer Künstler, Bergsträßer Motive und Sammlungen zu vereinen, zu archivieren und wissenschaftlich zu betreuen. Den Grundstock bilden die hausinterne Kollektion und die Kunstsammlung des Kreises Bergstraße. Die Arbeiten aus dem Kleinschmidt-Erbe bilden nach Werken von Leo Grewenig und Franz Frank einen weiteren Meilenstein in der noch jungen Geschichte der Stiftung, wie Bürgermeister Rolf Richter betonte. Richter lobte Breitwieser als Menschen mit „ständig neuen Ideen“.

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Dessen „versöhnliche Begegnung“ mit Salzmann sei ein Segen für alle Beteiligten, sagte der Kunsthistoriker Dr. Tilman Treusch in seiner Einführung in Leben und Werk Kleinschmidts. Auch, wenn die Bensheimer Zeit für den Künstler keine glückliche gewesen war, so verdanke man diese Ausstellung doch einer glücklichen Fügung. Neben den neu hinzugekommenen Werken sind vier farbige Gouachen zu sehen, die ebenso gut zum Thema passen: Unter dem Titel „Tingeltangel Damen“ sind Motive aus Bars, Varietés und Cafés vereint, die üppige Damen in Miedern und Stiefeln zeigen. Weniger glanzvolle denn charismatische Diven des Nachtlebens, die Kleinschmidt aus dem Zirkus- und Theatermilieu seiner Kindheit kannte. Mit einem liebevoll beobachtenden, respektvollen Blick beobachtet er die intimen Momenten hinter der Bühne zwischen den großen Auftritten: beim Nägel lackieren, Umkleiden oder Kartenspielen.

Markant sind die Parallelen zu Max Beckmann, der mit Otto Dix und Paul Kleinschmidt zu den gesellschaftskritischen intellektuellen Künstlern der 1923er und 30er Jahre zählte. Die barocke Monumentalität der Figuren scheint die Leinwand zu sprengen. Wirken seine Ölbilder bisweilen so, als hätte er Schlagsahne in die Farbe beigemischt, so offenbaren auch die Tusche- und Bleistiftzeichnungen die gleiche pralle Vitalität, ungewöhnlichen Perspektiven und gewagten Bildausschnitte – wenn auch in einer feineren darstellerischen Variante. Das Werk Kleinschmidts gründet im Expressionismus und zeichnet sich durch seine eigenwillige Bildgestaltung, malerische Spontaneität und ein Schwelgen in Farben und Sinnlichkeit aus. Tilman Treusch sprach in Bensheim von einem „neusachlichen Barock“.

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Neben der Stofflichkeit der Kostüme und Accessoires der Artistinnen und Tänzerinnen reizte Kleinschmidt primär die Sinnlichkeit des weiblichen Körpers, den er, seinem persönlichen Schönheitsideal entsprechend, stets opulent darstellte. Es verwundere daher nicht, dass sein früher Förderer Julius Meier-Graefe ihn 1932 treffend als „proletarischen Rubens“ bezeichnet habe, wie ihn Treusch in Bensheim zitierte.

Unaufdringliche Distanzlosigkeit

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Die allermeisten Motive im Museum zeigen die typische Theatralik des Augenblicks, die Kleinschmidt so sensibel, treffend und in einer unaufdringlichen Distanzlosigkeit abgebildet hat. Auch die Bilder, die Frauen beim Arztbesuch zeigen – laut Treusch habe der Maler dieses Thema während der späten 40er Jahre in Bensheim für sich entdeckt – offenbaren einen neugierigen, aber stets höflichen Blick in intimste Situationen ohne jede Form von stumpfem Voyeurismus. Die Motive zeigen weniger die Posen als das, was zwischen ihnen liegt: eine verträumte Entspannung, stille Kontemplation oder tiefe Konzentration. Die Frauen scheinen ganz bei sich zu sein und im jeweiligen Moment verankert.

Paul Kleinschmidt war ein Künstler, der zwischen Expressionismus, Realismus und Neuer Sachlichkeit stets ein eigenwilliger Außenseiter geblieben war. Das Museum zeigt die Werke bis zum 20. Oktober. Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der vor Ort erhältlich ist.