Kommunalwahl - Die Grünen-Spitzenkandidatin Doris Sterzelmaier im Porträt / Schon als Jugendliche ehrenamtlich engagiert „Die Innenstadt war mein Spielplatz“

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Dirk Rosenberger
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Die Spitzenkandidatin der Grünen, Doris Sterzelmaier, ist in Bensheim nur sehr selten ohne ihr Fahrrad anzutreffen. © Zelinger

Bensheim. Ihr Markenzeichen ist das Fahrrad. Ohne ist Doris Sterzelmaier selten in Bensheim anzutreffen. Die Fraktionschefin und Spitzenkandidatin der Grünen tritt aber nicht aus Imagegründen in die Pedale, sondern aus voller Überzeugung, weshalb sie sich auch seit Jahren für den Ausbau des Radwegenetzes einsetzt.

Leckerer Ausgleich Bekannt ist Doris Sterzelmaier im privaten ...

Leckerer Ausgleich Bekannt ist Doris Sterzelmaier im privaten Umfeld für ihre Marme lade, das Obst dafür reift im heimi schen Garten heran. "Ich habe krea tive Sorten wie Kirsch-Lavendel, Brombeer-Apfel oder Erdbeer- Rha
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Ohnehin genießt klimafreundliches Reisen für die Bensheimerin oberste Priorität. „Das letzte Mal geflogen bin ich 1989“, erzählt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. In den Urlaub geht es mit der Bahn, vor Ort leihen sich sie und ihr Mann Bernd dann Fahrräder, um den Ferienort und die Gegend zu erkunden.

Auch wenn das Ehepaar gerne in die Ferne reist, spielt Bensheim im Leben von Doris Sterzelmaier eine zentrale Rolle. „Ich lebe schon immer hier, weil es mir sehr gut gefällt“, erklärt die Bankkauffrau. Durch ihre Umzüge innerhalb der Stadt habe sie viele Gebiete kennengelernt. Während der Kindheit wohnte sie in der Innenstadt, danach ging es in die Weststadt – und später zusammen mit ihrem Mann ins Meerbachviertel und nach der Geburt des ersten Kindes in die Nähe des Schwimmbads. Seit 1996 lebt die Familie in einem Haus am Rand der östlichen Kappesgärten.

Sie kenne eigentlich alle Ecken Bensheims. „Die Innenstadt war mein Spielplatz, wir haben in der Lauter gespielt, im Winter sind wir dort Schlitten gefahren“, erinnert sie sich. Als Jugendliche sei die Weststadt ihre Heimat gewesen, dort fing auch das umfangreiche ehrenamtliche Engagement der Grünen-Politikerin an – 1979 in der Gemeinde Sankt Laurentius bei der Katholischen Jugend. Sechs Jahre hat sie das große Zeltlager mit mehr als 60 Kindern mitorganisiert, eine Erfahrung, die sie durchaus geprägt habe. „Da kam ein Verständnis dafür auf, wie eine Stadt funktioniert.“

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Über die Katholische Jugend war Doris Sterzelmaier Delegierte im Kreisjugendring, ihre erste politische Aktion war eine Demonstration gegen die Kürzung von Finanzmitteln in der Jugendarbeit des Kreises. Als Jugendliche war sie zudem Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Bensheimer Heimatmuseum, als junge Mutter engagierte sie sich im Familienausschuss der Gemeinde und brachte sich in vielen Aufgabenfeldern ein.

Waldsterben und Atomkraft

Mit den Themen „Atomkraft, nein danke“ und Waldsterben habe sie sich schon in den 1980er Jahren beschäftigt. „Die haben mich auch geprägt.“ Eine weitere politische Aktion sei die Gründung der Bürgerinitiative Schwimmbad in den 1990ern gewesen. Die BI habe mit Erfolg dafür gekämpft, dass das Hallen- und Freibad an der Spessartstraße und die Grünfläche mitten in der Stadt erhalten bleibt.

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Über diese Arbeit kam sie fest zur Kommunalpolitik, war Sprecherin der Grünen Liste im Vorstand, 1997 rückte sie in den Ortsbeirat West nach. 15 Jahre lange hatte sie einen Sitz in dem Gremium. 2006 zog sie für die GLB in die Stadtverordnetenversammlung ein, seit 2010 ist sie Fraktionschefin. 2009 trat sie der Partei Bündnis 90/Die Grünen bei. In den Kreistag rückte Sterzelmaier 2012 nach.

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„Viel Erfahrung, viel gemacht“, fasst sie ihre ehrenamtliche Karriere zusammen, die vor etwas mehr als fünf Jahren um eine weitere Erfahrung bereichert wurde. Als Geflüchtete in Bensheim auf dem Festplatz untergebracht werden mussten, war sie Gründungsmitglied des Vereins „Welcome to Bensheim“ und hat eine Bücher-Spendenaktion ins Leben gerufen. Im Café des Vereins organisierte sie den Dienstplan, seit der Schließung der Einrichtung bringt sie sich im Weltladen in der Fußgängerzone ein. Antrieb und Motivation hat die 55-Jährige trotz vieler Herausforderungen nicht verloren. Dass in Bensheim schon einiges erreicht wurde, jedoch zugleich noch viel zu tun ist, macht sie im Gespräch deutlich. „Die Renaturierung der Flüsse und Bäche ist sehr wichtig. Sie sind grüne Adern in der Innenstadt.“ Positiv hervor hebt sie den Winkelbach, den sie zweimal im Jahr im Rahmen einer Aktion säubert. Gartenstühle und Autoreifen habe sie beim letzten Mal rausgezogen.

„Global denken, lokal handeln“ ist für sie ein Motto für das Wirken vor Ort. Da lag es für sie nahe, sich kommunalpolitisch einzubringen. „Ich will nicht erwarten, dass andere das umsetzen für mich, was ich mir vorstelle.“ Die Grünen geben für sie „die Antworten auf die drängendsten Fragen der Gegenwart und Zukunft“.

Die Partei kämpfe für natürliche Lebensgrundlagen, setze sich für den Atomkraftausstieg ein und habe gesellschaftlich viel erreicht. Das gelte auch für Bensheim. Den Masterplan Klimaschutz, das Förderprogramm für umweltbewusste Bürger, Umstellung auf Öko-Strom in der Verwaltung, die erste Kita in der Region als Passivhaus, Bienenweiden, der Bau des Naturschutzzentrums, Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED, Verzicht auf Glyphosat auf städtischen Flächen, die Baumschutzsatzung und die Ausweisung von 20 Hektar Wald als Naturwald führt Sterzelmaier als einige positive Beispiele an.

Die Radverkehrsschau sei auf ihre Initiative zurückgegangen, seit 2009 wird alle zwei Jahre der Zustand der Radwege überprüft und nach Schwachstellen im Netz geschaut.

„Wir wollen den Klimawandel aufhalten, die Lebensräume und das Artensterben stoppen“, blickt die Spitzenkandidatin nach vorne. Dafür müsse man mehr Verantwortung als bisher übernehmen. Die Stadt können einiges tun, aber man müsse die Bürger mitnehmen und ihnen die Vorhaben erklären – von der Umstellung der Heizung über bessere Isolierungen der Häuser bis hin zum Verbot von Steinvorgärten.

Keine Zersiedlung der Landschaft

Klimaschutz sei eine Querschnittsaufgabe, die bei allen Projekten und Anschaffungen mitgedacht werden muss, nicht nur bei der Anschaffung von Photovoltaikanlagen, deren Anzahl auf städtischen und privaten Gebäuden erhöht werden müsse.

Keine weitere Zersiedlung der Landschaft, sprich keine weiteren Neubaugebiete, steht weit oben auf der Prioritätsliste der Grünen. Wohnraum könne auch ohne Wachsen in der Fläche entstehen, Stichwort intelligente Innenverdichtung. „Wir müssen anerkennen, dass das Wachstum endlich ist“, betonte Sterzelmaier. Den Einsatz für eine attraktive Innenstadt will die Fraktionschefin in den nächsten fünf Jahren fortführen und offene Projekte zu Ende bringen.

„Die Probleme sind mit den Bürgern transparent und nachvollziehbar zu lösen, es müssen Mehrheiten gefunden werden – und dann muss entschieden und umgesetzt werden“, bemerkte die Grünen-Chefin. Wenn es bis zur Umsetzung viele Jahre dauere, werde die Entscheidung wieder in Frage gestellt. Gelingen müsste zeitnah auch die Verkehrswende (weniger Autos, mehr Rad- und Fußverkehr, besserer ÖPNV), zählt sie einen weiteren Punkt auf ihrer Liste auf.

Redaktion