Nabu Meerbachtal - Online-Vortrag von Jürgen Schneider führte in die Beobachtungsgebiete der Region

Die heimische Vogelwelt am PC erleben

Von 
Thomas Tritsch
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Zwei Bienenfresser mit Kohldampf – und einer Jungen Feuerlibelle als im Schnabel. Bei einem Online-Vortrag des Nabu Meerbachtal führte Jürgen Schneider in die Beobachtungsgebiete der Region ein. © Schneider

Bensheim. Es war eine facettenreiche und spannende Reise in die Naturlandschaften unserer Region: Ein Trip zu 25 Beobachtungsgebieten zwischen Rhein und Main. Von Rüsselsheim im Norden bis Waghäusel im Süden mit besonderem Blick auf die Bergstraße im Zentrum. Um die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt im Raum Südhessen persönlich zu erfahren, hätte ein Jahr voller Exkursionen wohl kaum genügt. An der Hand von Jürgen Schneider klappt das auch in knapp zwei Stunden.

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Der jüngste Vortrag des Naturschützers und Vogelkundlers war eine Premiere. Zwar hat der Gründer und Vorsitzende der Nabu-Gruppe Meerbachtal Zell/Gronau sein Publikum schon unzählige Male mit detaillierten Fakten und eindrucksvollen Bildern versorgt – doch niemals zuvor in einer Online-Variante.

Keine steife Lehrstunde

Sowohl technisch wie auch inhaltlich war die Nahaufnahme ausgewählter Naturinseln der Region eine gelungene Sache. 64 Teilnehmer hatten sich für den virtuellen Ausflug angemeldet, den der weltreisende Naturfreund eigens für den Bildschirm inszeniert hatte. Keine steife Lehrstunde, sondern ein ebenso locker wie ein kenntnisreicher Spaziergang durch einige der interessantesten Öko-Hot-Spots der Umgebung.

Wer Schneider auch nur ein bisschen kennt, der ahnte, wo diese Tour beginnen würde: im eigenen Garten. Immer wieder weist der Bensheimer auf die Artenvielfalt vor der Haustür hin, die man mit ein wenig Geduld und buchstäblich lebendigem Interesse beobachten kann. Auch wenn die heimischen Stars nur drei Millimeter groß sind wie der Gewöhnliche Glockenblumenrüssler, dessen Lebensraum sich schon im Namen ablesen lässt. Von seiner Wirtspflanze trennt er sich fast nie.

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Aber auch dort, wo Schneiders Team seit über 30 Jahren durch umfangreiche Pflegemaßnahmen die Artenvielfalt erhält, stößt man auf unzählige Feld- und Wiesenbewohner. Auf den Trockenrasenbeständen und Streuobstwiesen im Meerbachtal sowie in den Bachläufen und Teichen erlebt man teils seltene Bienen- und Hummelarten, wie etwa die Langhornbiene, sowie rare Schmetterlinge.

Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist so ein Exemplar, das man mit etwas Glück zu Gesicht bekommt. Für die Pirsch empfiehlt Jürgen Schneider ein gutes Fernglas mit etwa zehnfacher Vergrößerung und einem 40-Millimeter-Objektiv. Am Wasser ist ein 30-facher Zoom sinnvoll, wenn man Vögel und Amphibien aus größerer Distanz beobachten will, ohne sie in ihrem Lebensraum zu stören. Eine der Grundregeln verantwortungsvoller Naturfreunde. „Wenn man das Fernglas umdreht, wird es zu einer Lupe und zeigt faszinierende Details in Nahaufnahme“, so Schneider mit Blick auf die winzige Insektenwelt.

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Vom Meerbachtal ging die digitale Reise zum nahen Bensheimer Hemsberg, wo der Waldkauz über Weinbergs-Traubenhyazinthen segelt und den Bergsträßer Reben (der Nabu-Chef ist Weinfreund) beim Sprießen zuschaut. Manchmal lässt sich dort auch die Zaunammer sehen, die dort seit einigen Jahren wieder zunehmend häufiger brütet, so Schneider, der auch ornithologische Studienreisen veranstaltet.

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Treffpunkt für Zugvögel

Für eine Exkursion ins Naturschutzgebiet Tongruben zwischen Bensheim und Heppenheim muss man in keinen Flieger steigen. Dafür kann man vor Ort und zu jeder Jahreszeit eine vielfältige Vogelwelt erleben. Manchmal landet hier sogar ein Seidenreiher. Im Herbst ist das 90 Hektar große Gebiet ein Treffpunkt für Zugvögel, erklärt Schneider, der dann Richtung Lorscher Weschnitzinsel weiterzog.

In der Wiesenlandschaft leben heute wieder Arten, die sich ab den 50er Jahren durch massive Eingriffe ins Ökosystem für lange Zeit verabschiedet hatten. Darunter die Wiesenralle, die Bekassine und die Sumpfohreule. Das Naturschutz-, Vogelschutz- und FFH-Gebiet im Hessischen Ried gilt als ein wichtiges Trittsteinbiotop für rastende Zugvögel und Lebensraum seltener Wiesenbrüter. In seinem Archiv hat Jürgen Schneider auch Aufnahmen von Rot- und Schwarzmilan, Rebhuhn und Kranichen.

Der Niederwaldsee bei Rodau kann da nicht mithalten: „Ornithologisch weniger interessant“, kommentiert der Experte. Doch wenn im April und Mai der Bärlauch blüht und einen weißen Teppich über den Waldboden legt, kann er seine Begeisterung kaum zügeln. Vom Niederwaldsee zum Niederwalddenkmal bei Rüdesheim ist es nur geografisch ein größerer Schritt. Auch im weinbergsverwöhnten Rheingau kommen Naturfreunde auf ihre Kosten.

In den Steilhängen brüten Gartenrotschwanz, Zippammer und seit etwa zehn Jahren auch die Zaunammer. Das Naturschutzgebiet Eich-Gimbsheimer Altrhein ist das größte seiner Art im Landkreis Alzey-Worms. Dort kann man viele typische Vogelarten des Schilfgebietes hören und sehen. Nach einem kleinen Schlenker ging es in den Biedensand bei Lampertheim, bekannt wegen seiner Kormorane und Graureiher. Aber auch Nachtigall und Weidenmeise sowie vereinzelt der Uhu fühlen sich dort wohl.

Das Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue ist mit rund 2400 Hektar überflutbarer Aue nicht nur das größte Naturschutzgebiet in Hessen, sondern auch eines der größten echten Auen-Naturschutzgebiete Deutschlands. Es kann einen beachtlichen Artenreichtum vorweisen. Der alte Baumbestand und die unregulierte Hochwasserdynamik schaffen Lebensräume für besonders seltene Arten.

Für Insider wie Schneider ein Auwald mit Wildnis-Potenzial, in dem sehr viele besonders gefährdete Arten (Rote-Liste-Arten) vorkommen. Das Gebiet kann auf etwa 60 Kilometern Rad- und Wanderwegen erkundet werden. Ein Startpunkt ist das Umweltbildungszentrum im Nordflügel des Hofguts Gunterhause.

Weitere Vorträge geplant

Für die Teilnehmer des Online-Vortrags hatte der Nabu-Vorsitzende neben einer Fülle an Motiven etliche Tipps und Empfehlungen parat. Auch für fachlich weniger versierte Gäste, die am Donnerstag zur Freude von Vorstandsmitglied Werner Hombeuel sehr zahlreich vertreten waren, war die Veranstaltung ein barrierefreier Einstieg in die Tier- und Pflanzenwelt der Region. Weitere Vorträge dieser Art sind geplant. Dennoch ist der Nabu-Meerbachtal weiterhin auch draußen unterwegs. „Wir sind auch während der Pandemie sehr aktiv“, so Jürgen Schneider.

Dabei habe sich die Bildung von Patenschaften für Einzelprojekte gut bewährt. Unter anderem wurden Teiche gereinigt, Nistkästen erfasst und weitere aufgehängt. Auch die Winterfütterung gehört zum Aufgabenbereich der Nabu-Gruppe, die 1986 gegründet wurde und sich mit gut 160 Mitgliedern derzeit um zehn Hektar vertragliche Pflegeflächen kümmert.

Im Auftrag von Stadt Bensheim, Hessen Forst und anderen Verbänden werden 23 Hektar Wiesen regelmäßig gemäht. Ein freigelegter Wanderweg durch die Trockenrasen ermöglicht eine problemlose Besichtigung der Fläche, ohne die Naturflächen zu zerstören.

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