Wahlkampf - Videoaktion für die Sanierung der Fachwerkbauten am Marktplatz/ „Mutige Entscheidungen“ gefordert Die Grünen wollen dem Verfall der Häuser nicht länger zusehen

Von 
Jeanette Spielmann
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Mit einer digital in den sozialen Medien übertragenen „Kundgebung“ machten die Bensheimer Grünen - im Bild Moritz Müller – am Wochenende auf den schlechten Zustand der Fachwerkhäuser am Marktplatz aufmerksam. © Zelinger

Bensheim. Im Band „Kulturdenkmäler in Hessen“ des Landesamtes für Denkmalpflege werden die Häuser 2 und 3 am Bensheimer Marktplatz als „Kulturdenkmal aus geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen und wissenschaftlichen Gründen“ bezeichnet. Auch sei der „auffällige Fachwerkbau (Haus 2) prägender Teil der historischen Marktplatzbebauung und wertvolles Dokument Bensheimer Stadtgeschichte“.

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Schaut man sich allerdings den aktuellen Zustand der Fachwerkhäuser an, so weckt dieser den Eindruck, dass Denkmalschutz sowohl dem Eigentümer als auch der Behörde ziemlich egal sind, denn seit Jahren tut sich hier trotz massiver Kritik nichts. Auch die Bensheimer Kommunalpolitik war bisher erfolglos, denn die Häuser – insbesondere das Haus 3 – verfallen zusehends.

Aus dem Denkmalbuch

Im Denkmalbuch des Landes Hessen werden die Häuser Marktplatz 2 und 3 ausführlich beschrieben. Zum Haus Marktplatz 2 heißt es:

„Dreigeschossiger Fachwerkbau der Zeit um 1600, dessen Erdgeschoss im späten 19. Jahrhundert erneuert und als einheitliche Ladenfront mit hölzernen Schaufensterumrahmungen in Neu-Renaissanceformen gestaltet wurde.

Das Haus ist wahrscheinlich vom Mainzer Domschaffner Hans Scholl erbaut worden.

Von diesem ging es noch im 17. Jahrhundert an die Apothekerfamilie Wackenberger, dann an den Krämer Claudi Butong.

Im 19. Jahrhundert erwarb Stadtschultheis und Posthalter Jakob Werle das Gebäude, dann ging es an den Metzger Voß, der es 1890 an die Familie Heinrich Lang verkaufte.“

Zum Gebäude Marktplatz 3 ist zu lesen:

„Schlichtes Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Marktplatz/ Klostergasse. Erdgeschoss massiv erneuert, mit einem plumpen Ladenvorbau, die beiden Obergeschosse in einem stark überarbeiteten Fachwerk des 16. Jahrhunderts.

Das Haus könnte von dem Zimmermann Joachim Faust errichtet worden sein. Es wechselte häufig seine Besitzer und diente auch Bensheimer Bürgermeistern als Wohnsitz.

Als platzbildprägender Eckbau auch von städtebaulicher Bedeutung.“ js

Die letzte kommunalpolitische Aktivität war im Oktober ein Antrag der Grünen in der Stadtverordnetenversammlung, ein Instandsetzungsgebot durchzusetzen, nachdem vor knapp zwei Jahren die Verhandlungen der Stadt zum Ankauf der Häuser durch die MEGB gescheitert waren. Der Antrag der Grünen fand jedoch keine Mehrheit im Parlament.

Jetzt hoffen die Grünen auf die Kommunalwahl, die nächste Stadtverordnetenversammlung werde nach Auffassung von Moritz Müller dem Verfall der Häuser nicht länger zusehen. Der auf Platz 2 der Bewerberliste der Grünen stehende Kommunalpolitiker machte am Samstag ebenso wie Spitzenkandidatin Doris Sterzelmaier im Rahmen einer digital in den sozialen Medien übertragenen Kundgebung auf dem Marktplatz auf die aktuelle Situation aufmerksam.

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Bleibt zu hoffen, dass die Häuser länger durchhalten als das auf einem kleinen Tisch aufgebaute Kartenhaus, das schon dem kleinsten Windstoß nicht standhielt. Dennoch war die Aktion ein wirkungsvoller Hingucker, als das Kartenhaus am Ende der Ausführungen von Doris Sterzelmaier gänzlich zusammenbrach.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Wolfram Fendler, gab die Spitzenkandidatin der Grünen eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse. Sie verwies auf Bensheim als attraktive Stadt mit einer schönen Altstadt, was nach dem Willen der Grünen auch so bleiben soll. Anders als bei der in den 70er Jahren begonnenen erfolgreichen Altstadtsanierung seien die inzwischen siebenjährigen Bemühungen um die Fachwerkhäuser am Marktplatz bisher erfolglos geblieben.

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2014 sei die Problematik im Ortsbeirat Mitte thematisiert worden, 2015 habe die Stadtverordnetenversammlung die Denkmalbehörde einstimmig aufgefordert, aktiv zu werden. Doch sowohl Gespräche als auch Verhandlungen blieben erfolglos. Die Kaufverhandlungen der Stadt scheiterten an den Preisvorstellungen des Eigentümers.

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Nachdem die Verwaltung deutlich machte, dass sie auf den Erlass des Instandhaltungsgebotes verzichten will, um im Fall einer Klage nicht gegeneinander ausgespielt zu werden, blieb auch der entsprechende Antrag der Grünen im Stadtparlament erfolglos. Stattdessen soll weiterhin der Denkmalschutz versuchen, eine Lösung in der verfahrenen Situation zu finden.

Zu Wort kam außerdem Tim Oberkirch, der vor über einem Jahr die Socialmedia-Initiative „Historische Mitte Bensheim“ gegründet hatte und an alle Beteiligten appellierte, sich wieder an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden. Es handle sich bei den Gebäuden „nicht um irgendwelche Häuser“, sondern um Häuser, die seit über 400 Jahren an dieser Stelle das historische Gedächtnis der Stadt seien.

„Beleben statt schließen“

Die Belebung und Sanierung der Häuser und deren Bedeutung für die Innenstadt insgesamt thematisierte Moritz Müller. „Wenn wir wollen, dass Bensheim pulsiert, muss auch dessen Herz schlagen“, sprach er sich für eine zukunftsfähige Fußgängerzone aus, die Handel und Wohnen vereine. Das Zentrum der Stadt werde auch durch die Menschen belebt, die hier wohnen. Regionalität und Handel allein reiche dafür nicht aus, sprach sich Moritz für innovative Ideen und eine „Willkommenskultur für junge Unternehmen“ aus. Durch Patisserie, Ledermanufaktur oder ähnliche Branchen könnten junge Unternehmer gestützt werden, indem ihnen leerstehende Gewerbe-Immobilien für eine bestimmte Zeit zur Verfügung gestellt werden. Die Stadt könnte als Zwischennutzer unter dem Motto „Beleben statt schließen“ auftreten.

Die Kultur mache ebenso die Identität einer Stadt aus und die sei mit dem Museum und dem alten Haus am Markt immer am Marktplatz verankert gewesen, sprach Moritz Müller von notwendigen „mutigen Entscheidungen“, mit denen sich Bensheim von anderen Orten abheben könne.

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