Radverkehr - ADFC-Mitglieder üben Kritik an der Entscheidung, dass am Ritterplatz kein Schutzstreifen markiert werden soll „Der Überholabstand zu Radfahrern wird selten eingehalten“

Von 
red
Lesedauer: 

Bensheim. Am Ritterplatz kann – wie berichtet – laut Hessen Mobil und der Bergsträßer Straßenverkehrsbehörde kein Schutzstreifen für Radfahrer eingerichtet werden. Auch eine Radpiktogrammspur wird abgelehnt. Auf diese Nachricht reagieren nun zwei Mitglieder des ADFC und üben deutliche Kritik.

AdUnit urban-intext1

„Die getroffene Entscheidung, gerade an einer Stelle höchster Gefährdung auf Schutzstreifen zu verzichten und die dazu herangezogenen Argumente lösen größtes Unverständnis aus“, schreibt Klaus Lemmes, Beisitzer beim ADFC Bensheim/Bergstraße und Ansprechpartner für Bensheimer Verkehrspolitik. Da helfe auch der Hinweis der Straßenverkehrsbehörde des Kreises nicht weiter, dass auf innerörtlichen Straßen „grundsätzlich mit Fahrradfahrenden zu rechnen“ sei und der vorgeschriebene Überholabstand für Kraftfahrzeuge von 1,50 Meter die Sicherheit der Radfahrenden erhöhe.

„Radverkehr auf der Fahrbahn gilt gerade auf stark befahrenen Straßen als problematisch. Wenn es zur Sicherheit beitrüge, dass auf solchen Straßen grundsätzlich mit Radfahrenden zu rechen sei, könnten wir auf den weniger befahrenen Straßen auf die bestehenden Radstreifen getrost verzichten“, argumentiert Lemmes. Wer als Alltagsradler am Straßenverkehr teilnehme, mache gerade bei solch hoher Kfz-Dichte immer wieder die Erfahrung, dass der vorgeschriebene Überholabstand nicht eingehalten werde und trotz Gegenverkehrs riskante Überholmanöver vollzogen würden.

Im April 2020 sei in der Straßenverkehrsordnung erstmals festgelegt worden, wie ein ausreichender Seitenabstand zu bemessen ist, nachdem die 1,50 Meter schon längst gängige Rechtsprechung waren, so Lemmes weiter. Da der Mindestabstand auch beim Überholen an Schutzstreifen gilt, könne nicht behauptet werden, der Abstand erhöhe die Sicherheit mehr als Schutzstreifen. „Beides zusammen führt zu verbesserter Sicherheit“, ist Lemmes überzeugt.

AdUnit urban-intext2

Auch die Rechnung, wonach die erforderliche Mindestbreite der Fahrbahn für die Markierung von Schutzstreifen acht Meter beträgt, geht laut Lemmes nicht auf, denn die Empfehlung für Radverkehrsanlagen (ERA), die als Grundlage für die Planung gelte, gebe dazu eine Mindestbreite von 7,50 Meter vor – also die in dem Bereich bestehende Fahrbahnbreite. Selbstverständlich gelte zudem, wie an anderen Stellen auch, dass es keine Parkplätze am Fahrbahnrand geben kann, wenn der fließende Verkehr nicht sicher daran vorbeigeführt werden kann. Der Hinweis, dass Schutzstreifen in diesem Bereich „mehr als fragwürdig” seien, weil nun ein absolutes Halteverbot gilt, klingt für Klaus Lemmes absurd. Solle doch dadurch das gefährliche Ausweichen der Radelnden in den dichten Verkehr der Fahrbahn vermieden werden.

Für die Verkehrswende sei eine andere Aufteilung der Verkehrsflächen hin zu mehr Platz zum Radfahren unerlässlich, findet Lemmes – „wovon in den hier getroffenen Entscheidungen nichts zu erkennen ist“. Bei der anstehenden Erneuerung der beiden Richtungsfahrbahnen der B3/B47 zwischen Schwanheimer Straße und Ritterplatz wäre es ein großes Versäumnis, wenn diese Gelegenheit nicht für die Schaffung verbesserter Bedingungen für den Radverkehr genutzt würde, so Lemmes. „Um tatsächlich die Verkehrswende voranzubringen, könnte bei dieser Gelegenheit die rechte Fahrbahn für Radfahrer und ÖPNV reserviert werden, wie es von den Grünen beantragt wurde.“

Neue Regel oft nicht bekannt

AdUnit urban-intext3

Auch ADFC-Mitglied Ulrich Villringer aus Lorsch hat sich zu diesem Thema zu Wort gemeldet. Rein rechtlich gesehen habe es wohl seine Richtigkeit, wenn Hessen Mobil erklärt, dass an Bundesstraßen keine Rad-Piktogramme angebracht werden. Und dass das Straßenprofil am Ritterplatz zu knapp bemessen ist, um einen Schutzstreifen aufzubringen, hält er für durchaus einleuchtend. Rein rechtlich gesehen, habe es auch seine Richtigkeit, wenn Hessen Mobil darauf hinweist, dass seit 2020 ein Überholabstand von 1,50 Metern gilt.

AdUnit urban-intext4

„Allein, wer tagtäglich mit dem Fahrrad unterwegs ist, weiß, dass dieser Überholabstand selten eingehalten wird. Viele Autofahrer kennen die neue Regelung nicht – und wenn sie sie kennen, so halten sie sich doch nur selten daran.“ Aus rein psychologischer Sicht wäre es laut Villringer für Radfahrer im Abschnitt zwischen Hochstraße und Ritterplatz ein starkes Signal und ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsgewinn, wenn die Stadt dort Fahrrad-Piktogramme aufbringen würde.

Dass Hessen Mobil gegen eine solche Maßnahme rechtliche Schritte einleiten würde, kann sich der Lorscher nicht vorstellen. „Der finanzielle Aspekt, dass diese Piktogramme häufig erneuert werden müssten, darf im Hinblick auf das Sicherheitsgefühl der Radfahrer ernstlich keine Rolle spielen“, betont Ulrich Villringer abschließend. red