Marktplatz - Steinbildhauer Robert Dzida hat die im Herbst zerstörte Figur restauriert Der „Sommer“ kehrt in den Brunnen zurück

Von 
Dirk Rosenberger
Lesedauer: 

Bensheim. Der Sankt-Georgs-Brunnen auf dem Marktplatz ist endlich wieder komplett. Nachdem im Herbst eine der vier Figuren von Unbekannten mit roher Gewalt von ihrem Sockel geschlagen und zerstört wurde, thront der steinerne Junge, der den Sommer symbolisiert, nun wieder in voller Pracht an Ort und Stelle.

Die im Herbst von Unbekannten zerstörte Marktplatzbrunnenfigur steht wieder auf ihrem Sockel. Sie wurde von einem Steinmetz restauriert. © Neu
AdUnit urban-intext1

Mit der Restaurierung wurde der Bensheimer Steinbildhauer Robert Dzida beauftragt. „Die Figur war in zwölf, dreizehn Einzelteile zerbrochen, besonders der Kopf war ziemlich zerbröselt. Viele Stücke waren nicht mehr auffindbar“, erklärte der Fachmann im Gespräch mit dieser Zeitung. Aus Steinmasse modellierte er das sommerliche Abbild. Die Schwierigkeit dabei: „Von den Füßen bis zum Torso musste alles im ersten Anlauf passen. Es hätte keinen zweiten Versuch gegeben.“

100 Arbeitsstunden investierte er in das Vorhaben, „eine schöne Beschäftigung über die Wintermonate“. Bis der Sommer allerdings wieder Einzug im Brunnen halten konnten, vergingen noch ein paar Wochen. Der Sockel musste ebenfalls erneuert werden. Seit dieser Woche kann man die Figur nun wieder in erstklassiger Form bewundern. „Es ist ein tolles Gefühl, sie jetzt dort wieder stehen zu sehen“, meinte Dzida, für den es das erste Mal war, dass er einen solchen Auftrag umgesetzt hat. Die Gesamtkosten belaufen sich laut Verwaltung auf 4000 Euro. Die im Herbst gestellte Strafanzeige wurde im Januar eingestellt. „Der oder die Täter konnten nicht ermittelt werden“, hieß es dazu am Freitag von der städtischen Pressestelle.

Der Marktbrunnen war über Jahrhunderte hinweg der wichtigste Bensheimer Brunnen – und ist auch heute noch prägend für das Stadtbild. Schon in der fränkischen Siedlung Basinsheim, vor mehr als 1250 Jahren erstmals urkundlich im Lorscher Codex erwähnt, dürfte es an dieser zentralen Stelle eine erste Brunnenanlage in Form eines einfachen Ziehbrunnens gegeben haben. Einige Jahrhunderte später, nach der Stadtgründung, stiegen die Bedürfnisse und Ansprüche der Bürger – und die ersten sogenannten Laufbrunnen wurden angelegt.

Quelle in der Kalkgasse

AdUnit urban-intext2

Von einer Quelle in der Kalkgasse, die damals außerhalb der Bensheimer Stadtmauern lag, wurde vermutlich im 14. Jahrhundert das Wasser durch Holzröhren zum Marktplatz geleitet. So entstand dort neben dem Ziehbrunnen ein erster Laufbrunnen. In einer Urkunde des städtischen Archivs ist erstmals im Jahr 1487 von einem „neuen Brunnen“ die Rede, der auf eine ältere Anlage schließen lässt. Es dürfte ein einfacher bäuerlicher Brunnen mit Trog gewesen sein.

Der erste steinerne Brunnen auf dem Marktplatz wurde im 16. Jahrhundert erbaut. Im Jahr 1528 wurde Stadtbaumeister Krafft vom Rate mit dieser Aufgabe betraut. 80 Jahre später setzte eine klirrende Kälte dem Brunnen zu: In seiner Chronik von 1608 berichtet der Reichenbacher Pfarrer Walther, dass „der Bronnen auf dem Markt zu Bensheim von der Kält zersprungen und hernach eine Zeitlang nicht gelauffen“ ist. Nicht nur die Brunnensäule war beschädigt, offenbar musste auch ein neues steinernes Becken angefertigt werden. Übrigens wurde der Marktbrunnen in der damaligen Zeit nicht nur zum Wasserholen genutzt. Das große Becken bot sich hervorragend an, um die Wäsche auszuspülen oder Schweine zu waschen. Der weiche Sandstein des Beckenrands verleitete die Männer dazu, hier ihre Äxte und Beile zu schleifen. All das wurde im Jahr 1671 verboten. Auch „unsaubere Zuber“ durften nicht mehr verwendet werden, wie es in einem Ratsprotokoll heißt.

AdUnit urban-intext3

Im Jahr 1836 wurde der Marktbrunnen erneuert – und sein Standort verlegt. Bisher hatte sich die Anlage an der Nordseite des Marktplatzes befunden. Jetzt sollte ein repräsentativerer Brunnen in der Mitte des Platzes her. Die klassizistische Säule war – nach dem damaligen Geschmack – von einer Glasglocke oder Laterne gekrönt. Kurioserweise fiel diese bei einem Erdbeben am 10. Februar 1871 herunter und zerbrach.

AdUnit urban-intext4

Ein Ersatz musste her – und eine ältere Idee wurde wieder aufgenommen: den Brunnen mit einer Figur des Heiligen Georg zu krönen. Die Säule wurde ausgetauscht, so dass der Brunnen 1895 erneut eine neue Gestalt erhielt: Es ist der Marktbrunnen, so wie wir ihn heute kennen.

An den Ecken der untersten Säule stehen vier Figuren, die die vier Jahreszeiten darstellen. Die Ausgussrohre mit Wasserspeiern wurden von Wilhelm Euler gestiftet. In den mittleren Sockel sind drei figürliche Darstellungen von Ackerbau, Handwerk und Gerechtigkeit eingearbeitet. Die vierte Seite trägt das hessische Wappen.

Auf der Spitze der Säule thront die überlebensgroße Figur des Heiligen Georg, angefertigt von einem Bildhauer aus Speyer. Sie zeigt den Stadt- und Kirchenpatron als Drachentöter. Das Schmuckstück ist seit jeher ein beliebtes Fotomotiv, in jüngster Zeit vor allem deshalb, weil man im Hintergrund die Stadtkirche Sankt Georg in voller Pracht zu Gesicht und vor die Linse bekommt – Stichwort Schorschblick. Und daran wird sich wenig ändern. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man die Debatte um die Zukunft des Marktplatzes verfolgt.

Redaktion