Pandemie - Anhaltend viele Covid-Patienten im Heilig-Geist-Hospital / Interne Strukturen wurden an aktuelle Situation angepasst Chefarzt hofft auf Entspannung Ende Februar

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Thomas Tritsch
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Bensheim. Die Lage auf den Intensivstationen ist trotz leicht sinkender Corona-Fallzahlen weiterhin angespannt. Auch im Kreis Bergstraße. Denn in den Krankenhäusern wird die positive Entwicklung beim Infektionsgeschehen erst mit einiger Verzögerung spürbar.

Impfbereitschaft nicht aufs Spiel setzen

Auf den politischen Kurs zur Bewältigung der Pandemie angesprochen, äußert sich der Dr. Marius Contzen, Chefarzt im Heilig-Geist-Hospital in Bensheim, betont differenziert. Es sei nicht abzustreiten, dass Deutschland in puncto Impfungen anderen Ländern hinterherlaufe.

Die Entscheidung gegen eine Notfallzulassung für Impfstoffe hält er dennoch für richtig. Nicht nur aus rechtlichen und forensischen Gründen: „Das ist auch prospektiv von großer Bedeutung, weil sich ein vollständig geprüfter und zugelassener Stoff positiv auf die Impfbereitschaft der Bevölkerung auswirken wird“, ist der Mediziner überzeugt.

Die Eröffnung des Bergsträßer Impfzentrums in Bensheim am heutigen Dienstag (9.) sei ein wichtiger Schritt zur Überwindung der Herausforderungen – in der Hoffnung, dass bald auch genügend Impfdosen zur Verfügung stehen und die freigegebenen Stoffe auch gegen die mutierten Viren schützen.

Licht am Ende des Tunnels

Die Einrichtung selbst sei hervorragend organisiert, so Dr. Marius Contzen. Einige seiner Mitarbeiter wurden dort bereits immunisiert. Durch groß angelegte Impfungen sehe man nun ein Licht am Ende des Tunnels. Hinzu komme der jahreszeitliche Faktor: Auch im vergangenen Jahr habe sich gezeigt, dass sich die Situation in Richtung Sommer deutlich verbessert habe. tr

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Das bestätigt auch Dr. Marius Contzen, Chefarzt für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin am Bensheimer Heilig-Geist-Hospital: „Wir rechnen damit, dass wir etwa Ende Februar eine Entspannung hinsichtlich der Covid-19-Patienten erleben werden.“ Allerdings nur dann, wenn die Inzidenz nicht wieder ansteigen wird.

Die aktuelle Situation: Eine hohe intensivmedizinische Auslastung mischt sich mit der Zuversicht auf wachsende Impfangebote und eine allgemeine Verbesserung der Lage mit Beginn der warmen Jahreszeit.

Momentan dauerbelegt sind die drei Intensivbetten, die für jene Corona-Patienten reserviert sind, die eine komplexe Therapie benötigen. Hinzu kommen weitere Plätze für die normale Versorgung von Menschen mit positiver Testung oder typischen Symptomen.

Aktuell 25 Corona-Patienten

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Die konkreten Zahlen zeigen, wie dringend die Kapazitäten benötigt werden: Insgesamt versorgt die Klinik derzeit etwa 25 Personen, die infiziert oder erkrankt sind. Das sind mehr als in den Wochen zuvor – und rund 20 Prozent der Gesamtkapazitäten der Klinik. Im Hessischen Krankenhausplan ist per Quote geregelt, wie viele stationäre Behandlungsplätze für Corona-Patienten vor Ort jeweils bereitzuhalten sind.

Um genügend Luft nach oben zu haben, wurde dafür eine separate, isolierte Station geschaffen. „Wir wollen vermeiden, dass sich andere Patienten oder Mitarbeiter anstecken“, so Contzen, der momentan auf einige seiner 13 Stationskollegen verzichten muss, die sich infiziert haben und in Quarantäne sind. Die Beschäftigten sind seit knapp einem Jahr schwer gefordert, müssen nicht nur beruflich mit der Pandemie umgehen, sondern den Lockdown auch noch zuhause im Privaten bewältigen. „Das geht an die Substanz“, so der Mediziner, der vor seinem Wechsel nach Bensheim unter anderem als OP-Leiter am Mannheimer Universitätsklinikum (UMM) tätig war. Seit Juli 2016 gehört das HGH zur Artemed Klinikgruppe. Bereits im März letzten Jahres hatte das Haus die Kapazitäten für die Aufnahme und die normal- und intensivmedizinische Versorgung von Corona-Patienten erweitert und die internen Strukturen auf die neue Situation abgestimmt. Abstands- und Hygienekonzepte wurden verschärft, Dienstpläne umgebaut, ganze Teams neu koordiniert. Seit einigen Wochen herrscht wieder absolutes Besuchsverbot.

Triage ist bislang kein Thema

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Ausnahmen gibt es nur für Eltern eines minderjährigen Kindes oder Besucher von Personen, die im Rahmen der spezialisierten Palliativversorgung behandelt werden - wo es also zuvorderst um eine Linderung der Krankheitssymptome und um spezielle Schmerztherapien geht. Besuche müssen jedoch im Vorfeld mit der jeweiligen Station abgestimmt werden.

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Die zuletzt häufiger öffentlich diskutierte Frage einer Triage (einer Priorisierung von Behandlungen) bei steigenden Fallzahlen von Intensivpatienten ist am HGH bislang kein Thema. Von solchen Entscheidungen sei man seit Beginn der Pandemie glücklicherweise verschont geblieben, so Contzen: „Wir mussten bis jetzt noch keinem Patienten ein Beatmungsgerät verwehren.“

Er rät allerdings grundsätzlich dazu, dass sich Patienten und Angehörige über das Thema frühzeitig Gedanken machen. Konkret: Man sollte sich die Frage stellen, ob man im Falle einer schweren Erkrankung eine Intensivmedizinische Behandlung in Anspruch nehmen möchte oder nicht. Das nimmt den Ärzten unter Umständen eine schwierige Entscheidung ab. Contzen verweist darauf, dass es ein wichtiges Ziel des Lockdowns sei, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, so dass sich die Frage einer Triage im Idealfall überhaupt nicht stelle.

Im Heilig-Geist-Hospital gelten zunächst weiterhin höchste Vorsichtsmaßnahmen. Grundsätzlich gibt es keinen Einlass ohne vorherige Testung. Neben Schnelltests- kommen nun auch PCR-Labortests zum Einsatz. „Wir haben unsere Strategie hier nochmals intensiviert“, so Contzen, der die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern in der Umgebung lobt, etwa mit dem Heppenheimer Kreiskrankenhaus. Die Versorgung von Covid-Patienten wird über eine Stabsstelle im Klinikum Darmstadt je nach lokalen Kapazitäten koordiniert.

Um in den kommenden Monaten auf mögliche Engpässe vorbereitet zu sein, wird das HGH seine im November eingerichteten Differenzierungsräume beibehalten. Die Patientenzimmer in einem Container waren zunächst als Vorsichtsmaßnahme eingerichtet worden, damit sich die Wege von Covid- und Nicht-Covid-Patienten auch im Bereich der Notfallmedizin nicht kreuzen. So habe man das Ansteckungsrisiko auf ein Minimum reduzieren können, berichtet der Chefarzt.

Strikte Test-Regelung

Trotz der strikten Test-Regelung bleiben die Räume als „Überlaufbecken“ bestehen, um sie im Falle konzentrierter Patienten-Wellen als Puffer nutzen zu können. Auch bei der Ausstattung mit der nötigen Schutzausrüstung gibt es im HGH keinen Engpass. Die Versorgung durch das Land Hessen funktioniere reibungslos.

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