Bergspitzen mit Türmen und Burgen

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Nicht nur in der Ebene ist das Bild der Bergstraße vom Menschen geprägt. Auch die Silhouette der Bergkette hat er mit seinen kleinen, selbstbewussten Gipfelbauwerken verändert. © Bambach

Hebt man den Blick einmal von den Hängen auf die Gipfel unserer Berglandschaft, dann ist fast jeder Gipfel von einem Bauwerk bekrönt. So selbstverständlich wie die Kirschen auf den Sahnetupfen einer Torte sitzen bei uns die Türme auf den Bergen – und ihre ungewöhnliche Dichte kommt dem Hiesigen ganz normal vor.

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Doch waren die Bergspitzen natürlich über die meiste Zeit unbebaut – und aus geologischer Sicht fingen die Menschen erst in allerjüngster Zeit an, sich an ihnen auszuleben. Den Anfang machten im 13. Jahrhundert die Erbauer des Auerbacher Schlosses. Die Grafen von Katzenelnbogen wählten die Spitze des auch „kleiner Malchen“ genannten Auerbergs, um eine uneinnehmbare Festungsanlage zur Sicherung des Wegezolls entlang der Bergstraße zu erbauen. Von den beiden hohen Türmen aus konnte man prima ins Umland spähen, doch nicht um des Genusses willen, sondern rein strategisch.

Neues Sehvergnügen

Erst ein gutes halbes Jahrtausend später bekam der benachbarte große Malchen (oder Melibokus) erstmals einen Turm. Er wurde auf Befehl des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt als einer der ersten reinen Aussichtstürme in Deutschland überhaupt erbaut – im 18. Jahrhundert, das auch das erste Jahrhundert war, in dem Menschen in nennenswertem Umfang die Gipfel der Hochgebirge bestiegen.

Wie berichtet wird, suchte der Landgraf im Rahmen eines sommerlichen Hoflagers 1772 in seinem Jagdschloss in Bickenbach den Standort auf dem Melibokus selbst aus. Umgehend begannen die Arbeiten mit Material aus regionalen Steinbrüchen. 200 Arbeiter sorgten dafür, dass der Turm schon im Oktober so gut wie fertig war –: und gleich wieder einstürzte. Vielleicht war das eine Folge der Tatsache, dass es sich um einen ganz neuen Bautyp handelte? Mit fachlichem Rat eines Baumeisters aus Bessungen begann der erneute Aufbau: Der Turm wurde 21 Meter hoch und im Dezember fertig.

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In einer Inschrift über dem Eingang widmete Ludwig IX. das Bauwerk nicht nur seinem eigenen Ruhm, sondern auch dem Melibokus, der damals auch Katten-, Chatten- oder Cattenberg genannt und offenbar als Ursprungsort der Hessen angesehen wurde (zumindest vom Hause Hessen-Darmstadt): „Dis Denckmal, Cattenberg Du/Ursprung aller tapfern Hessen/Hast du der Gegenwart, Des/Neunten Ludwigs beizumessen/Der wie dein erstes Volck gedacht/und dencken wird, das Helden/Muth und Ruhm, Der Fürsten/gröste Zierd. Bickenbach, d. 10. Juli 1772/-/Angefangen/ den 16. October/geendigt den/12. December 1772.“

Der neue Turm wurde bald ein beliebtes Ausflugsziel. So schwärmte 1776 der Dichter Matthias Claudius („Der Mond ist aufgegangen“) in einem Brief: „So eine Bergstraße gibts wohl kaum noch einmal in Deutschland und so eine Aussicht vom Moelibocus auch wohl kaum noch einmal“. Der Turm hielt dann mehr als 170 Jahre und bekam in den Jahren vor seinem Ende doch noch eine militärische Funktion als Flugsicherungspunkt. Am 27. März 1945 wurde er durch die deutsche Wehrmacht angesichts herannahender US-amerikanischer Truppen zerstört.

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1961 gründete sich ein Melibokusturmverein mit dem Ziel, den Aussichtsturm wieder herzustellen. Maßgebliche Mitglieder: die Städte Bensheim und Zwingenberg sowie die Gemeinde Alsbach-Hähnlein, samt Verkehrsvereinen und einige Firmen und Privatpersonen. Die Bauarbeiten an der Anlage begannen im November 1965 und wurden im August 1966 beendet, dauerten also deutlich länger als beim Original. Doch brauchte man für die Montage des eigentlichen, nun sogar einen Meter höheren neuen Turms aus fertig gelieferten Betonringen nur zwei Tage. An die Stelle des landgräflichen Bauherrn waren die Vertreter einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft getreten. Und während man dem alten Turm noch die Verwandtschaft mit trutziger Wehrarchitektur ansah, spricht der neue – inzwischen auch schon mehr als 50 Jahre alte – Turm eine rein funktionalistische Formensprache.

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Attraktive Blickpunkte

Ebenfalls das Haus Hessen-Darmstadt, nämlich Landgraf Ludwig X. und seine Frau Luise verantworteten den zeitlich auf den ersten Melibokusturm folgenden Aussichtspunkt, etwas weiter südlich gelegen: das Teehaus am Auerbacher Altarberg. Zwischen 1790 und 1795 errichtet, wurde es 1918 abgetragen. An gleicher Stelle leuchtet heute eine weiß angestrichene Schutzhütte bis weit ins Ried hinein. Die Inszenierung von damals kommt aber bis heute zum Tragen: Zwischen dem Geäst der in gleichmäßigem Abstand gepflanzten Bäume schaut man in die Rheinebene wie durch die glaslosen Fenster einer gotischen Ruine.

Nicht nur der Adel schätzte die Fernsicht: Wenige Jahrzehnte später fassten Vertreter der Bensheimer Bürgerschaft, ein Komitee von örtlichen Honoratioren um Bürgermeister Traupel und Kreisbaumeister Mittermayr, den Plan zu einem „Häuschen“ auf dem Kirchberg. Schon die ersten Pläne zeigen allerdings, wenn auch in kleinem Maßstab, die Architektur eines klassizistischen Tempels – und einen Turm, der allerdings nie zur Ausführung kam. Der Kirchberg wurde mit dem wohl 1849 fertiggestellten Häuschen inzwischen zum Bensheimer Ausflugsziel schlechthin. Hier zeigt sich auch beispielhaft der doppelte Charakter der die Berge bekrönenden Bauwerke: Von dort aus kann man den Blick weit schweifen lassen, zugleich werden die Gebäude aber auch als Blick- und Orientierungspunkte von der Ebene aus angesehen (und -geleuchtet).

Im 19. Jahrhundert kam es deutschlandweit zu einem regelrechten Boom in puncto Aussichtsturmbau, der mit einer Flut von Kaiser-Wilhelm-Türmen und noch mehr Bismarck-Türmen (ab 1890 entstanden 240 davon) gegen Ende des Jahrhunderts seinen absoluten Höhepunkt hatte. Auch in Bensheim entstammen zwei Aussichtstürme diesem Hype.

Boom der Bismarcktürme

Der 19 Meter hohe Bismarckturm auf dem Hemsberg wurde 1899 bis 1902 auf Anregung zweier einflussreicher Bensheimer Bürger, Postdirektor a.D. Ernst Hallwachs und Kommerzienrat Wilhelm Euler, nach Plänen von Heinrich Metzendorf für den „Odenwaldclub Sektion Bensheim“ errichtet. Im Gegensatz zu den klassizistischen Formen des Kirchberghäuschens hat der Hemsbergturm eher die Form einer mittelalterlichen Warte.

Ein Bronzemedaillon im Inneren steht für die Widmung an Bismarck, der seit seiner Entlassung als Kanzler – und noch stärker nach seinem Tod 1890 – eine beispiellose Verehrung erfuhr. Nicht nur Türme wurden ihm zu Ehren erbaut, sondern auch Säulen und andere Ehrenmale, es wurden Plätze und Straßen bis hin zu einem Heringsrezept nach Bismarck benannt.

Sehr ähnlich wie dieser Hemsbergturm sieht der ebenfalls von Heinrich Metzendorf geplante, zwölf Meter hohe Luginsland auf dem Hohberg aus. 1910 fertiggestellt, ist er der jüngste gebaute Bensheimer Aussichtspunkt. Er gehörte zum privaten Baßmannpark, wo der Textilfabrikant Wilhelm Valckenberg ihn am höchsten Punkt seines Anwesens errichten ließ. Der Name „Luginsland“ steht auf einem an der Südwand eingemauerten Sandstein.

Alle genannten Aussichtspunkte können nur zu Fuß erreicht werden. Das ist nicht nur in Bensheim so, sondern fast schon ein Erkennungsmerkmal von Aussichtstürmen deutschlandweit.

Fast immer gibt es auch eine zumindest gelegentliche Bewirtung – eine Labung für Seele und Leib also nach einem schweißtreibenden Anstieg.