Kommunalpolitik - Michael Sassen hat das Wahlprogramm der Grünen in eine Erzählung übersetzt Bensheim 2025 – eine positive Utopie

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Thomas Tritsch
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Unter dem Titel „Komm, ich zeig’ dir meine Stadt“ hat sich Michael Sassen über eine grüne Zukunft Bensheims Gedanken gemacht. © Neu

Bensheim. Irgendwann im Sommer 2025. In Bensheim rollen Elektroautos mit Tempo 30 durch eine üppig begrünte Stadt mit einer florierenden Geschäftswelt und einem gastronomisch wie kulturell belebten Marktplatz. Es gibt saubere Luft und bezahlbaren Wohnraum für alle.

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Der Flächenverbrauch ist gestoppt, einzelne Quartiere wachsen behutsam am Standort weiter. Die Artenvielfalt steigt genauso wie die Lebensqualität des Einzelnen in einer menschenfreundlichen Willkommens- und verantwortungsbewussten Erinnerungskultur. Unter mit reichlich Photovoltaik bedeckten Dächern sitzen Menschen in digital gesteuerten Wohnungen und arbeiten im Homeoffice, was wiederum den durch das Tempolimit ohnehin entspannten Straßenverkehr zusätzlich entlastet. Man genießt regionale Bio-Produkte und politische Teilhabe in einer offenen und bunten Bürgergesellschaft, die von ökologischer Landwirtschaft und innovativen Start-ups umrahmt ist.

Eine positive Utopie. Entworfen von Michael Sassen. Weil er das aktuelle Wahlprogramm der Bensheimer Grünen zwar „inhaltlich fantastisch“, aber dramaturgisch wenig fesselnd findet, hat er daraus eine Story gebaut. Um die Sachthemen unterhaltsamer und plastischer in die Öffentlichkeit zu bringen, hat sich der Wahl-Bensheimer, der seit 2018 hier lebt, eine kurzweilige Handlung ausgedacht. Laut Sassen eine Reise, die zeigen soll, dass Kommunalpolitik Spaß machen kann und es sich lohnt, dabei mitzumischen.

Grünen-Mitglied ist er erst seit letzten November. Der gebürtige Rheinländer war über seine Mitarbeit in der Bürgerinitiative in die Politik gekommen, die Tempo 30 an der Friedhofstraße fordert. Sassen, geboren 1979, betont, dass er weder Schriftsteller noch Politiker sei. Nach seinem Naturwissenschafts-Studium hat er in der Krebsforschung gearbeitet, bevor er sich als Unternehmensberater und Interimsmanager im Bereich Banking und Digitalisierung selbstständig gemacht hat.

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Im Gespräch mit dem BA betont er, dass seine 75-seitige Erzählung weder einen besonderen literarischen Anspruch einfordert noch kommerziell vermarktet werden soll. „Es ging mir einfach um ein neues Format, wie man politische Inhalte spannend und unterhaltsam vermitteln kann.“ Nach seinen Recherchen habe es so etwas bislang nicht gegeben.

„Politik sollte auch Spaß machen“

Ausgelöst wurde die Idee für „Komm, ich zeig‘ dir meine Stadt“ (Untertitel: „Ein Blick in die grüne Zukunft Bensheims“) im Rahmen der Fraktionsgespräche zum anstehenden Kommunalwahlkampf. Sassen fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass ein aufwendig erstelltes Programm auf 23 DIN-A-4-Seiten am Ende nur von einigen wenigen gelesen wird. „Politik sollte Spaß machen, und das tut sie auch. Gerade auf kommunaler Ebene.“

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Umso ärgerlicher sei es dann, wenn viele Menschen kein Interesse daran zeigten und sich das in einer mickrigen Wahlbeteiligung von weit unter 50 Prozent (in der letzten Bürgermeister-Stichwahl) niederschlage. Demokratie lebe aber nicht nur von Einbindung, sondern vor allem auch von Interesse, so der 41-Jährige, der bejaht, dass seine Geschichte auch autobiografische Züge trägt.

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Der Protagonist ist Familienvater, fährt E-Auto und sitzt in der Stadtverordnetenversammlung – in die Michael Sassen nach dem 14. März auch einziehen will. Bei den Bensheimer Grünen steht er auf Listenplatz 12. In seiner Story will er „mit einem Augenzwinkern“ zeigen, wie Politik sein kann und wie aus einer politischen Vision gelebte Normalität werden kann.

Es sei bedauerlich, lässt er seine Hauptfigur sagen, dass viele visionäre Ideen erst mit erheblicher Zeitverzögerung als bedeutend und richtig erkannt werden. Auch bei Themen wie Atomausstieg, Klimawandel, Artenschutz und ökologischer Landwirtschaft habe man teilweise erst Jahrzehnte später deren Relevanz erkannt und danach gehandelt.

Doch allzu bierernst kommt die Geschichte nicht daher: Bei seinem regelmäßigen Besuch im Döner-Grill kollidiert Frank mit dem lebendig gewordenen Wahlprogramm seiner Partei. Ein kleines grünes Männchen, das rein äußerlich wie das populäre Konzept eines Außerirdischen wirkt, mischt sich frech in sein Leben ein – und schlägt ihn bisweilen mit seinen eigenen Waffen: Als der Bensheimer den Fremdling zunächst auf Distanz halten will, argumentiert dieser mit politischen Ansprüchen wie Integration und kultureller Vielfalt. „Du hast mich jetzt erstmal an der Backe!“

Frank spürt, dass er den neugierigen Grünen nicht mehr so schnell loswerden wird. Gemeinsam ziehen sie durch Bensheim 2025 und erleben live, was sich in den vergangenen fünf Jahren alles verändert hat. Natürlich nur zum Guten. Schließlich geht es um ein Wahlprogramm.

Die Story zeigt, wie die Stadt aussehen könnte, wenn alle guten Wünsche und parteipolitischen Forderungen der Grünen in Erfüllung gingen.

„Wer Visionen hat, braucht keinen Arzt“, titelt ein Kapitel in Umkehrung eines Zitats von Helmut Schmidt, in dem es um unternehmerischen Weitblick geht. Mit viel Lokalkolorit, Witz und zahlreichen Anspielungen auf reale Entwicklungen und hiesige Wirtschaftsakteure fantasiert sich Michael Sassen in ein mögliches Szenario hinein, in dem aus einem nüchternen Wahlprogramm ein vieldimensionaler Mikrokosmos wird.

Zur größten Herausforderung in dieser politischen Dramatisierung wurde das Thema Erinnerungskultur. Sassen hat dies gelöst, in dem er das Duo eine Zeitzeugin besuchen lässt, die von der Nazizeit berichtet und für ein aktives Gedenken an die Vergangenheit in kritischer Auseinandersetzung plädiert.

Der Autor hat die Story innerhalb von zwei Wochen aufgeschrieben. Er hofft, dass es sich dabei um das erste Wahlprogramm handelt, das wirklich komplett gelesen wird. Oder gehört. Denn diese leicht absurde, über weite Teile amüsante und konsequent parteiische Geschichte wurde auch vertont und als Hörbuch veröffentlicht. Sprecher ist das grüne Vorstandsmitglied Daniel von Hauff. Die gelesenen Kapitel werden sukzessive veröffentlicht.

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