Michaelskirche - Christoph Bergner mit Teil II des „Wohltemperierten Klaviers“ / Benefiz-Konzert für Kindergartenprojekt in Tansania Bach-Fülle für Cembalo-Fans

Von 
Klaus Ross
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In der Michaelskirche spielte Pfarrer Christoph Bergner am Sonntag Teil II des „Wohltemperierten Klaviers“ von Johann Sebastian Bach. 40 Zuhörer verfolgten das Benefiz-Konzert im evangelischen Gotteshaus. © Zelinger

Bensheim. Musikalischer Lichtblick dank Corona-Lockerungen: Für Christoph Bergners eigentlich im April vorgesehene Gesamtaufführung des zweiten Teiles von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ fand sich schon vier Wochen später ein geeigneter Nachholtermin.

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Das am Sonntag präsentierte erste Konzert mit den Präludien und Fugen BWV 870 bis 881 war als erste Klassikveranstaltung seit über zwei Monaten ein besonders hoffnungsspendendes Ereignis. Bachs singulär kraft- und gehaltvolle Musik schien an diesem Abend so glücklich platziert wie selten zuvor.

Mit rund vierzig Zuhörern fiel auch die Publikumsresonanz derart aus, dass die geltenden Abstandsregeln in der Michaelskirche bequem eingehalten werden konnten. Von den Spendeneinnahmen des Abends soll einmal mehr das langjährige Kindergartenprojekt der Michaelsgemeinde in Njombe (Tansania) profitieren. Bach hat sein „Wohltemperiertes Klavier“ (Teil I 1722, Teil II 1744) zwar erklärtermaßen eher für pädagogische als für konzertante Zwecke gedacht, war aber längeren zyklischen Darbietungen der beiden durch alle Dur- und Moll-Tonarten führenden Sammlungen offenbar keineswegs abgeneigt.

Davon berichtet auch der Sohn eines seiner Schüler: „Bach versprach ihm den erbetenen Unterricht und fragte zugleich, ob er fleißig Fugen gespielt habe. In der ersten Stunde legte er ihm seine Inventionen vor. Nachdem er diese zu Bachs Zufriedenheit durchstudiert hatte, folgte eine Reihe Suiten und dann das temperierte Klavier. Dies letztere hat ihm Bach mit seiner unerreichbaren Kunst dreimal durchaus vorgespielt, und er rechnete die unter seine seligsten Stunden, wo sich Bach, unter dem Vorwand, keine Lust zum Informieren zu haben, an eines seiner vortrefflichen Instrumente setzte und so diese Stunden in Minuten verwandelte.“ Der Bensheimer Pfarrer Christoph Bergner ist ein Bach-Kenner mit jahrzehntelanger Erfahrung. Seine musikwissenschaftliche Dissertation „Studien zur Form der Präludien des Wohltemperierten Klaviers“ wurde 1986 sogar in Buchform bei einem renommierten Musikverlag veröffentlicht.

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In unzähligen Konzerten hat er seitdem in der Michaelskirche fast alle großen Klavierwerke Bachs auf dem Cembalo aufgeführt und damit auch dem vernachlässigten barocken Instrument ein wichtiges solistisches Forum verschafft. Obwohl Bergner ein brillanter Cembalist ist und insofern allemal höheren Vergleichen genügt, verzichtete er dabei wohltuend auf eitle künstlerische Selbstdarstellung.

Das kam der ebenso expressiven wie komplexen Musik des Komponisten stets besonders zugute – so wie jetzt auch den ersten zwölf Werkpaaren aus dem „Wohltemperierten Klavier“ II.

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Mit einer feinen Mischung aus Klarheit und Lebendigkeit machte Bergner in den unerschöpflich vielgestaltigen Präludien deutlich, wie sehr Bach diese scheinbar nur einleitenden „Vorspiele“ zu völlig eigenständigen Charakterstücken von oft verblüffender stilistischer Modernität aufwertete. Und auch in den Fugen entfaltete sich dank Bergners wunderbar plastisch-vitalem Zugriff ein wahrer Kosmos beseelter Polyphonie, bei dem von spröder akademischer Strenge keine Rede sein konnte.

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Als gewandten Virtuosen erlebte man den Cembalisten nicht zuletzt in effektvollen Bravourstücken wie etwa dem E-Moll-Werkpaar BWV 879. Den schönsten Kontrast dazu lieferte beispielsweise die tief erfüllte Kantabilität des E-Dur-Paares BWV 878, dessen einzigartig innige und am Ende schier elysische Fuge Bergner nach großem Schlussbeifall als Zugabe wiederholte. Am Sonntag (24.) folgen um 20 Uhr die restlichen zwölf Nummern der Sammlung.

Freier Autor Besprechung klassischer Konzertveranstaltungen seit über drei Jahrzehnten (darunter als Schwerpunkte das umfangreiche regionale Kirchenmusikangebot sowie die renommierten Kammermusikreihen der Kunstfreunde Bensheim und von Forum Kultur Heppenheim)