Kommunalwahl - SPD-Spitzenkandidatin und Fraktionsvorsitzende Eva Middleton im Porträt / Beim Umzug spielte nicht nur das Wetter eine Rolle Aus Nordengland ins sonnige Bensheim

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Dirk Rosenberger
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Fraktionsvorsitzende Eva Middleton tritt als Spitzenkandidatin für die SPD an. © Zelinger

Bensheim. „Das war im Nachhinein ein super Timing“, meint Eva Middleton lächelnd mit Blick auf ihren Umzug nach Bensheim 2012. Damals zog es die Familie aus dem Norden Englands an die Bergstraße – rechtzeitig und problemlos, bevor der Brexit hochkochte oder die Corona-Pandemie zuschlagen konnte.

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Vor der Rückkehr nach Deutschland hatte die Juristin, die als freiberufliche Übersetzerin arbeitet, 20 Jahre im Vereinigten Königreich gelebt. Aufgewachsen in Kiel, zog es Middleton nach einem kurzen Auslandsaufenthalt in Australien nach England. In einem Internat in Devon absolvierte sie die Oberstufe – „ein altehrwürdiges Hogwarts“. Nach der Schule folgte ein Studium in London, wo sie auch ihren Mann kennenlernte.

Die Entscheidung für die neue Heimat traf man nach strategischen Überlegungen. „Wir haben geschaut, wo in Deutschland das Wetter besonders gut ist. In Nordengland ist es landschaftlich wunderschön, aber es regnet unheimlich viel. Das hatten wir satt.“ Die Wahl fiel auf Bensheim, weil es letztlich nicht nur auf die Sonnenstunden ankam, sondern die Lebensqualität eine Rolle spielte. Die Schullandschaft, Vereine, das Frei- und Hallenbad, die kulturellen Einrichtungen sowie die Radwege überzeugten, nennt die Fraktionschefin der Sozialdemokraten einige Beispiele.

„Eine hübsche Innenstadt“

„Bensheim ist sehr lebenswert. Die Infrastruktur ist prima, landschaftlich ist es toll mit dem Odenwald und dem Ried vor der Haustür“, meint Eva Middleton. Sie könne deshalb auch nicht nachvollziehen, dass die Stadt oft in ein schlechtes Licht gerückt wird. „Im Bürgermeisterwahlkampf klang das manchmal so, als wäre Bensheim dem Untergang geweiht.“

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Zwar habe die Innenstadt Schwierigkeiten, aber sie sei bei Weitem nicht tot. Sie gehe sehr gerne ins Zentrum, vor Corona zum Flanieren, den Wochenmarkt besuchen oder ins Café. „Das ist so schön hier, eine hübsche Innenstadt.“ Verbesserungsbedarf gebe es natürlich immer, darüber hinaus müsse man schauen, dass man hält, was man hat – beispielsweise bei den kulturellen Angeboten und dem Einzelhandel.

Der 44-Jährigen war es nach dem Umzug wichtig, sich einzubringen, Leute kennenzulernen, etwas zurückzugeben durch ehrenamtliches Engagement. Weil sie sich aktiv einbringen wollte, engagierte sie sich in der SPD. 2016 zog sie in die Stadtverordnetenversammlung ein, Anfang 2018 übernahm sie nach dem Rückzug von Carsten Buschmann den Fraktionsvorsitz.

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Die Teamarbeit mache ihr großen Spaß, die Grundwerte der Sozialdemokraten seien bei ihr tief verwurzelt. „Das will ich gerne in die Entwicklung von Bensheim mit einfließen lassen und hoffe, dass ich meinen kleinen Beitrag leisten kann.“ Kommunalpolitik mache sie aus Überzeugung. Anders sei das schwierig, verweist sie auf den hohen Zeitaufwand und die Tatsache, dass einem für den Einsatz nicht immer gedankt werde. Sie könne sich durchaus vorstellen, noch mehr Zeit zu investieren, aber Beruf und vor allem Familie sollen nicht zu kurz kommen, so die Mutter dreier Kinder im Alter von 21, 19 und 17 Jahren. Bedauerlich findet sie, dass der Ton in der Politik rauer und unsachlicher geworden sei. Von der schwarz-grünen Koalition habe sie nur die letzten vier Jahre erlebt. „Das erschien mir aber wie ein lähmender Zustand. Es ist relativ wenig passiert und gute Anträge der anderen Parteien sind abgelehnt worden, weil es einer der drei Koalitionspartner nicht wollte.“

Populismus ein Problem

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Als das Bündnis in die Brüche ging, habe sich die Situation eindeutig gebessert. Es werde mehr aufeinander eingegangen. Generell hält die Sozialdemokratin wenig von Koalitionen auf kommunaler Ebene. Die Entscheidungen, die in der Stadtverordnetenversammlung getroffen werden, müssten nicht mit einem Parteihintergrund getroffen werden.

Der internationale Vormarsch des Populismus mache sich auch auf lokaler Ebene bemerkbar. „Da werden einfache Antworten auf komplizierte Fragen gegeben.“ Einige Parteien ließen sich sehr davon treiben. Insgesamt wünscht sie sich weniger Aufgeregtheit in der Kommunalpolitik und mehr Auseinandersetzungen mit offenem Visier – ohne Ränkespiele und Strippenziehen im Hintergrund. In den nächsten fünf Jahren müssten in Bensheim einige Projekte auf den Weg gebracht werden. Beim Marktplatz sei sie unglücklich mit den Verzögerungen, die da kommen werden. „Das schadet der Innenstadt und belastet die Einzelhändler.“ Letztlich werde es ohnehin auf ein eingeschossiges Gebäude hinauslaufen.

Beim Meerbachsportplatz seien die Verzögerungen schon peinlich, die Bebauung müsse endlich umgesetzt werden, die Wohnungen werden benötigt. „Das ist ein Versagen der Stadt, dass es sich schon so lange hinzieht“, kritisiert Eva Middleton. Die neuen Pläne sähen immerhin gut aus. Große Hoffnung setzt sie in den Umzug der Firma Sanner, auf deren bisherigem Gelände in Auerbach bekanntlich ein neues Wohnviertel mit preisgünstigen Wohnungen entstehen soll.

Für Tempo 30 im Stadtgebiet will sie sich ebenso einsetzen wie für die Zertifizierung Bensheims als kinderfreundliche Kommune, was sie als wichtig für die Stadt erachtet. Dass sie selbst keine gebürtige Bensheimerin mit einem jahrzehntelangen Netzwerk ist, hält sie für keinen Nachteil. In der Fraktion habe man eine gute Mischung und der Blick von außen schade sicherlich nicht.

Redaktion