Arztbesuch als Kunstwerk

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Seit ich zum ersten Mal van Gogh’s Bilder sah, hatte ich kein ähnliches Erlebnis mehr. Heute hängt van Gogh auf Samt und Damast. Genauso wird Kleinschmidt seinen Platz auf den feinen Wänden bekommen und ich bin der Überzeugung, dass wir nicht gezwungen sein werden, geringere Anforderungen zu stellen, als bei van Gogh. Die Brillanz, die von Kleinschmidt’s Bildern ausgeht, ist nicht schwächer.“

„Beim Arzt“ lautet der Titel dieser Gouache von Paul Kleimschmidt. Das Kunstwerk entstand in den Jahren ab 1943, als der Künstler bis zu seinem Tod 1949 in Bensheim lebte. © Funck
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Das schrieb der einflussreiche deutsche Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe im Jahr 1934. Doch es sollte anders kommen. Der Maler Paul Kleinschmidt, geboren 1883 in Pommern, war in der Berliner Kunstszene der 1920er und 30er Jahre eine bekannte Größe – bis ihm die Verfemung durch die Nationalsozialisten in die Vergessenheit drängte.

Ein Teil seiner Werke wurde beschlagnahmt. Einige davon waren 1937 in der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Die Emigration nach Holland und Frankreich und die anschließende Zwangsrepatriierung brachten den Künstler 1943 schwer herzleidend nach Bensheim.

Er wohnte zunächst im Dachgeschoss der inzwischen abgerissenen Villa Lux. Hier verbrannte 1945 bei dem Bombenangriff am 26. März sein gesamter Besitz einschließlich seiner Bilder, darunter etwa 600 Zeichnungen, die er seit dem 18. Lebensjahr gesammelt hatte, und über 90 Gemälde.

Schenkung des Enkels

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Doch der verarmte Künstler malte weiter, mit bescheidenen Mitteln – bis zu seinem Herztod im Jahr 1949. Dabei entstand auch die hier gezeigte Gouache „Beim Arzt“, die heute dem Bensheimer Museum gehört. Mit vielen anderen Arbeiten des Künstlers – darunter ein großes Konvolut, das der Enkel Kleinschmidts, Jean-Claude Salzmann, dem Museum geschenkt hat – wird sie im Rahmen des Kunstarchivs Bergstraße aufbewahrt und gepflegt. Sie ist neben weiteren großformatigen Gouachen in der Dauerausstellung des Museums zu sehen.

Bei der Gouachemalerei kommen wasserlösliche Farben zum Einsatz, die sowohl auf Leinwand als auch auf Papier vermalt werden können und eine charakteristische samtige Oberfläche erzielen, die insgesamt matter wirkt als etwa bei der Ölmalerei.

Szene aus dem Alltagsleben

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Das Motiv knüpft an die Bildwelt an, die von jeher Kleinschmidts Malerei beherrschte: Üppige, sinnliche Frauen, inspiriert vom Berliner Nachtleben der 1920er Jahre ebenso wie von einer in einem Wanderzirkus verbrachten Kindheit. Statt etwa einer mit erotischen Accessoires versehenen Tänzerin im Varieté zeigt der Künstler nun aber eine Szene aus dem neuen Alltagsleben. Als Modell diente mit großer Wahrscheinlichkeit die Ehefrau des Künstlers und der abhorchende Arzt ist der bekannte und beliebte Bensheimer Mediziner Dr. Tebrügge, bei dem Kleinschmidt selbst in Behandlung war.

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Immer wieder beschäftigte dieses Motiv den Künstler in seinen letzten, in Bensheim verbrachten Lebensjahren. Wie er sich dem Thema aus unterschiedlichen Richtungen näherte, ist an mehreren Zeichnungen zu beobachten, die man sich im Bergsträßer Kunstarchiv vorlegen lassen kann. Da gibt es zum Beispiel auch Ansichten, in denen der Arzt seine Patientin unter der Brust abhört. Es ist zu spüren, dass Zahl und Anordnung der Tiegel und Flaschen auf dem Tisch besondere Aufmerksamkeit zukommt. Und es gibt auch einige sehr viel stärker bewegte Szenen – bis Kleinschmidt zu der sehr statisch gebauten Komposition kommt, die er in der Gouache umsetzt. Im Gegensatz zu den Skizzen und Studien wirkt die Szene sehr gesammelt; sie strahlt eine gewisse Andacht und Versenkung aus.

Ausstellungen im Parktheater

Beachtung fanden die Bilder, die Kleinschmidt bis zu seinem Tod in Bensheim malte, hier offenbar lange nicht. Sein Leben konnte Kleinschmidt nur dank der monatlichen Zahlungen seines amerikanischen Mäzens Erich Cohn bestreiten, der ihn schon in den 1920er Jahren gefördert hatte.

In den Fokus der breiteren Öffentlichkeit in der Region geriet der Künstler fast 40 Jahre nach seinem Tod mit einer von dem Galeristen Wolfgang Böhler 1988 im Parktheater arrangierten Ausstellung. 2003 folgte eine von Kulturamtsleiter Berthold Mäurer organisierte Präsentation, ebenfalls im Parktheater, zum Hessentag 2014 gab es Ausstellungen im Kundenberatungszentrum der Sparkasse Bensheim, in der Galerie Böhler und bei den Kunstfreunden Bergstraße im Auerbacher Fürstenlager.

Die jüngste Gelegenheit einer intensiven Begegnung mit dem Werk Kleinschmidts – von den Werken in der Dauerausstellung abgesehen – gab es von August bis Oktober des vergangenen Jahres im Museum Bensheim.