Schöffengericht - 21-Jähriger hatte zudem Drogen im Rucksack Anklage nach Streit am Bahnhof

Von 
Gerlinde Scharf
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Bensheim/Lorsch. Wegen versuchter Gefangenenbefreiung, Körperverletzung, Widerstands gegen Polizeibeamte, Drogenbesitzes, Bedrohung und Diebstahls steht ein 21 Jahre alter afghanischer Staatsbürger vor dem Bensheimer Jugendschöffengericht. Nachdem sein Vater bei einer Familienfehde ums Leben kam, war er im Alter von elf Jahren mit seinem Cousin nach Russland geflüchtet und 2015 nach Deutschland eingereist.

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Am Abend des 18. Oktober 2018 soll der Angeklagte unter anderem versucht haben, einen Freund zu befreien, der die Scheibe eines Schaukastens in der Bensheimer Bahnhofunterführung eingeschlagen hat und anschließend von einem zufällig anwesenden Polizeibeamten in Zivil festgehalten wurde.

Bei dem Gerangel soll der damals alkoholisierte 19-Jährige dem Geschädigten, der sich zu Beginn seines Eingreifens als Polizist zu erkennen gegeben hatte, mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Ebenfalls anwesende freiwillige Polizeihelfer setzten daraufhin Pfefferspray gegen den Angreifer ein und forderten Verstärkung von den Polizeistationen in Bensheim und Heppenheim an.

In dem sichergestellten Rucksack des Angeklagten befanden sich elf Plomben Cannabis und eine Feinwaage. Die Drogen, so der Tatverdächtige, habe er für seinen Eigenkonsum und für Gäste einer Geburtstagsparty gekauft. Zur Tatzeit war er mit einer größeren Gruppe junger Männer im Bahnhofsbereich unterwegs.

Von Zeugen identifiziert

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Vor Gericht bestritt er den Schlag gegen den Beamten, den er als solchen nicht erkannt habe. Er habe lediglich die beiden Männer trennen wollen und sich deshalb eingemischt. Von mehreren Zeugen wurde der mutmaßliche Schläger, der inzwischen von Lorsch in eine Lampertheimer Unterkunft verlegt wurde – im Gegensatz zu einem mitangeklagten Lagerarbeiter, der laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ebenfalls an der gescheiterten Gefangenenbefreiung beteiligt gewesen sein soll – eindeutig identifiziert. Kurz vor dem besagten Vorfall soll es im Bereich des Bensheimer Bahnhofs bereits zu einer Tätlichkeit des 21-Jährigen gekommen sein. Ende September 2018 soll er bei einer zufälligen Berührung mit einem Passanten diesem mehrere Faustschläge auf den Kopf verpasst haben. Der Asylbewerber selbst sagte im Gerichtssaal aus, von dem Fremden angerempelt und als Ausländer beschimpft worden zu sein – was dieser wiederum abstritt.

Das Opfer, ein 55 Jahre alter Mann aus Bensheim, wurde bei der Attacke an der Augenbraue verletzt. Die Wunde musste im Krankenhaus versorgt werden. Er habe nach dem versehentlichen Rempler lediglich „hey“ gerufen, so der Geschädigte, „und schon ist der andere auf mich losgegangen.“

Auch ein Zwischenfall in Lorsch

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Den von ihm geschilderten Tathergang bestätigte eine Zeugin, die mehrere Schläge des Angeklagten in Richtung Kopf gesehen hat. Der Verletzte habe unter Schock gestanden und stark geblutet. Sie habe die Polizei gerufen und den Täter beschrieben. Auch am Bahnhof in Lorsch geriet der junge Mann mit einem Fremden aneinander. Diesen beschuldigte er, sein Fahrrad gestohlen zu haben und schlug mehrfach auf sein Gegenüber ein.

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Des Weiteren wirft Staatsanwältin Kathrin Männle dem Flüchtling vor, dem Ex-Lebensgefährten seiner Schwester im April 2019 nach einem Streit einen Kopfstoß verpasst zu haben, der eine ärztliche Behandlung nach sich zog. Bei Eintreffen der Polizei soll er in einem unbeobachteten Moment eine Geste des Halsabschneidens gemacht haben.

Im März 2020 entwendete er laut Anklage aus dem Aldi-Markt in Bensheim je eine Flasche Wodka und Bier und bei zwei weiteren Taten in einem Mannheimer Kaufhof Designer-Parfüms und Cremes für insgesamt rund 800 Euro.

Der Prozess wird am Donnerstag, 11. März, fortgesetzt. Dann soll der Polizeibeamte als Zeuge gehört werden, den der Angeklagte bei dem Versuch, seinen Kumpel zu befreien, mit Faustschlägen traktiert haben soll.

Freie Autorenschaft Seit vielen Jahren "im Geschäft", zunächst als Redakteurin beim "Darmstädter Echo", dann als freie Mitarbeiterin beim Bergsträßer Anzeiger und Südhessen Morgen. Spezialgebiet: Gerichtsreportagen; ansonsten alles was in einer Lokalredaktion anfällt: Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Porträts. Mich interessieren Menschen und wie sie "ticken", woher sie kommen, was sie erreiche haben - oder auch nicht-, wohin sie wollen, ihre Vorlieben, Erfolge, Misserfolge, Wünschte etc.