Erfahrungsbericht - Der Bensheimer Mediziner Frans Sorbi hat ehrenamtlich zwei Wochen im Flüchtlingslager Moria Patienten behandelt Als Zahnarzt auf Lesbos im Einsatz

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In allen Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und auf dem Festland sind Besuche seit 17. März verboten. Zudem wurde der Ausgang der Migranten eingeschränkt. Wegen der drohenden Gefahr durch das Coronavirus hat das Europaparlament in der vergangen
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Frans Sorbi, von 1985 bis 2019 Zahnarzt in Bensheim, reiste Ende Februar nach Lesbos, um für zwei Wochen für die Hilfsorganisation „Health-Point-Foundation“ im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos als Zahnarzt zu arbeiten. Hier ist sein Erfahrungsbericht.

Der Bensheimer Zahnarzt Frans Sorbi war zwei Wochen lang im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos im Einsatz und behandelte dort ehrenamtlich für die Hilfsorganisation „Health-Point-Foundation“ Patienten mit Zahnproblemen. © Sorbi
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Die Bilder von den Menschen im Lager Moria auf Lesbos gehen um die Welt. Sie stehen auch für die Zustände in anderen Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und dem griechischen Festland.

Hier in Moria leben inzwischen über 20 000 Menschen überwiegend aus Afghanistan, Syrien, Irak, Iran (rund 70 Prozent) sowie aus Afrika. Etwa 40 Prozent der Lagerbewohner sind minderjährig: also 8000 Kinder und Jugendliche, davon ist jedes vierte Kind ohne Begleitung von einem Erwachsenen – 2000 Kinder ohne Eltern und Familie.

Das Lager hat durchaus gewisse Strukturen: Es gibt verschiedene „Stationen“ die jeweils durch hohe Maschendrahtzäune und Stacheldrahtverschläge gesichert werden: Der Eingang zum Lager wird durch Sicherheitskräfte, das heißt griechisches Militär kontrolliert und gesichert. Die Polizeistation mit einem „Gefängnis“, hier sitzen diejenigen ein, die abgeschoben werden sollen: Männer, Frauen und Kinder. Es gibt eine „Schule“ unter freiem Himmel – hier werden überwiegend Kinder und Jugendliche unterrichtet –, und es gibt eine von den Lagerbewohnern selbst gebaute Moschee: kein Gebäude, sondern ein umzäunter Raum, der mit Planen die Sicht ins Innere verdeckt. Es gibt eine Station für die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen. Sie werden tagsüber betreut, nachts wird der Bereich verschlossen, sie sind alleine. Eine weitere Station steht für alleinstehende Frauen zur Verfügung.

50 Toiletten für 20 000 Menschen

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Im ganzen Lager gibt es zur Zeit drei Stationen mit etwa zwölf Toiletten: das heißt für 20 000 Menschen stehen etwa 50 Toiletten zur Verfügung. Vor dem Lager und im Lager türmen sich Berge an Müll. Der wird nur unzureichend abtransportiert. Die Menschen leben auf engstem Raum zusammen, in den Stationen sind es Wohncontainer, die allermeisten jedoch leben in Zelten und selbst gebauten Verschlägen. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Kleine Kinder mit Rattenbissen, Jugendliche die sich ritzen, eine hohe Suizidrate auch in dieser Altersgruppe, Brände durch Unfälle, schwere Brandwunden, oft bei Kindern – das ist hier der Alltag.

In manchen Teilen des Lagers gibt es Elektrizität, die Versorgung bricht aber mehrmals am Tag zusammen. Pro Kopf stehen täglich 1,5 Liter Trinkwasser zur Verfügung. Die Ernährung ist schlecht. Nicht wenige der Lagerbewohner sind bereits zwei Jahre und länger im Lager und warten immer noch auf eine Entscheidung über ihren Asylbescheid.

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Die medizinische Versorgung wird ausschließlich durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) organisiert. Eine davon ist „Health-Point-Foundation“. Sie betreibt eine allgemeinmedizinische Station und eine zahnmedizinische Station. Letztere ist die einzige, die es auf der ganzen Insel für Flüchtlinge gibt.

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Vom 1. bis zum 13. März war ich mit dieser Organisation als Zahnarzt in dieser „Zahnklinik“ tätig. Unsere „Klinik“ ist recht gut ausgerüstet mit Geräten, Instrumenten, Materialien und Medikamenten: alles aus Spenden finanziert. Das so dringend benötigte Röntgengerät bekommt von der griechischen Behörde jedoch keine Zulassung.

Jeder Freiwillige in diesem Einsatz – die meisten sind hier für ein bis zwei Wochen – finanziert seine Anreise, Unterkunft und Verpflegung selbst und erhält keine Vergütung für seine Tätigkeit. Die „Klinik“ befindet sich in einem Wohncontainer in einem umzäunten Platz. Dort gibt es noch einige weitere Stationen von NGOs, etwa „Light Without Borders“, wo Bedürftige unter anderem mit Brillen versorgt werden.

Handy-Lampe statt OP-Leuchte

Unsere „Klinik“ hat zwei Behandlungsplätze: ein Behandlungsstuhl lässt sich in seiner Position nicht mehr verändern und die Bohrereinheit funktioniert nur eingeschränkt. Der zweite Stuhl ist nur gelegentlich zu bewegen, aber die Bohrer funktionieren gut: Also hier werden Füllungen gelegt und dort Zähne gezogen. Es gibt keine OP-Leuchten. Jeder Zahnarzt bringt seine Lupenbrille mit Kopfleuchte mit, unterstützt von Taschenlampe oder Handybeleuchtung, das muss genügen.

Ich bin begeistert vom Hygienestandard in dieser „Praxis“: Alle Instrumente werden nach Gebrauch professionell gereinigt, desinfiziert, sterilisiert und – in unseren Praxen in Deutschland machen wir das im Allgemeinen nur mit den chirurgischen Instrumenten – jedes Instrument wird zur Sterilisation eingeschweißt. Wie in unseren Praxen zu Hause werden nach jedem Patienten die Behandlungsstühle, die Einheiten und die Ablageflächen desinfiziert.

In diesen beiden Wochen sind wir zwei Zahnärzte: Eine Kollegin aus London arbeitet in der ersten Woche mit mir zusammen, eine aus Vancouver in der zweiten. Der Tagesablauf wird organisiert durch eine Bewohnerin des Lagers aus Afghanistan. Sie nimmt die Patienten auf, vergibt den Termin und dokumentiert die Behandlungsmaßnahmen. Drei Männer aus Sudan, Ghana und Afghanistan assistieren am Stuhl, sorgen für die Instrumentenpflege und Medikamentenausgabe – und alle sind zuständig für die Übersetzungen: aus dem Farsi, Arabischen oder Französischen ins Englische.

Der Tag in der Praxis beginnt mit der „Triage“, sie findet draußen vor dem Praxiscontainer unter freiem Himmel statt. Es ist die Voruntersuchung: Patienten werden einzeln durch das Gatter gelassen. Wir hören uns die Beschwerden der Menschen an, es erfolgen eine kurze Inspektion der Mundhöhle und eine Behandlungsempfehlung – etwa Zahnfüllung, Wurzelbehandlung oder Extraktion. Die Patienten bekommen einen Termin, meist am selben Tag. Nach einer halben Stunde ist die „Triage“ abgeschlossen und es wird mit den Behandlungen begonnen.

Auffallend ist, dass die Mundgesundheit vieler Menschen in einem schlechten Zustand ist. Nach meiner Schätzung kommen zwei Drittel der Menschen mit akuten, heftigen Zahnschmerzen, viele mit geschwollenen Gesichtern, Abszessen oder tief kariösen Zähnen. Gleichzeitig fällt auf, wie sehr viele dieser Menschen kämpfen für ein gepflegtes und würdiges Äußeres. Oft kommen Äußerungen wie „vielen Dank“ oder „Sie sind ein guter Mensch“ oder auch „ich werde für Sie beten“.

Gerührt und peinlich berührt

Ich bin gerührt und oft bin ich peinlich berührt davon, denn ich bin nur ein paar Stunden am Tag hier im Lager, und nach zwei Wochen fliege ich wieder nach Hause. Diese Menschen sind vor Krieg und Terror geflohen und leben hier in erbärmlichen Verhältnissen . . .

In der Zeit meines Aufenthaltes gibt es Unruhen auf der Insel: Die Bevölkerung hat genug von der ständigen Überforderung durch das Flüchtlingscamp. Sie fühlt sich von ihrer Regierung und von der EU alleine gelassen. Die Touristen bleiben weg, die Immobilienpreise sind ins Bodenlose gefallen, ihre eigene medizinische Versorgung ist zunehmend eingeschränkt. Die Einwohner auf Lesbos haben Unglaubliches geleistet in den letzten fünf Jahren. Sie haben die Flüchtlinge freundlich aufgenommen, häufig in ihren Häusern untergebracht, haben sie mit Lebensmitteln versorgt. Ich habe großen Respekt vor ihrer humanitären Leistung und kann ihre Verzweiflung und Verbitterung verstehen.

Rechtsradikale Schlägertrupps

Angeheizt wird die Stimmung Anfang März durch die Anreise von rechtsradikalen Schlägertrupps vom Festland. Diese blockieren am Montag die Zufahrtswege zum Camp Moria, attackieren Journalisten und die NGOs. Nach diesen Zwischenfällen ziehen sich etliche Hilfsorganisationen zurück, einige vorübergehend, andere verlassen die Insel definitiv.

Die Teamleitung der „Health-Point-Foundation“ pflegt gute Kontakte zu den örtlichen Behörden, Ämtern, Polizei und Krankenhaus. Sie entscheidet, zu bleiben: erhöhte Vorsicht, keine Kontakte zur Presse, abends zu Hause bleiben. Wir wollen einfach nur unsere Arbeit machen.

Aus Sicherheitsgründen gehen wir eine Stunde später ins Lager: Es ist ruhig, keine Demonstranten, keine Blockade. Der Weg zu unserer Klinik führt durch das Lager an der allgemeinmedizinischen Station vorbei. Der Andrang vor dem Gatter ist wesentlich größer als an den anderen Tagen: 200 bis 300 Menschen warten hier auf eine ärztliche Behandlung, zu viele Helfer sind nicht (mehr) da. Die Warteschlange vor unserer „Zahnklinik“ ist unverändert: Hier stehen täglich 30 bis 50 Menschen an.

Das Wochenende ist frei, ich darf mich ausruhen von einer ergreifenden und auch anstrengenden ersten Woche. Doch dann eine schlechte Nachricht: Einige Rechtsradikale aus Deutschland – Mitglieder der identitären Bewegung – sind auf Lesbos angekommen.

Die zweite Woche meines Einsatzes verläuft ruhiger: keine Blockade, keine Angriffe, keine Ausfälle. Einige der Hilfsorganisationen, die sich zurückgezogen hatten, haben ihre Tätigkeit wieder aufgenommen.

Doch jetzt kommt die nächste schlimme Nachricht: Der erste Corona-Fall auf Lesbos! Für die Lagerbewohner ist das eine Katastrophe: Die Menschen dort leben auf engstem Raum, es fehlen die Mittel, die Menschen auf die Erkrankung zu testen, geschweige denn, sie adäquat zu behandeln. Die Infektionsrate wird sich hier im Camp explosionsartig steigern, so die Befürchtung.

Eine Mitarbeiterin von „Ärzte ohne Grenzen“ postet: „Die Flüchtlinge müssen sofort auf das Festland evakuiert werden!“ Und ich frage mich: Wohin denn? Nein, die griechische Regierung wird meines Erachtens die Insel schließen: Keiner darf mehr rein, keiner mehr raus. Die Bevölkerung und die Lagerbewohner werden dann einmal mehr alleine gelassen. Was diese Nachricht für uns Einsatzkräfte und viel mehr noch für die Menschen in den Lagern wirklich bedeutet, wird erst deutlich, als ich wieder in Deutschland bin: „Health-Point-Foundation“ kann die Entsendung von Freiwilligen nicht mehr verantworten. Bis zum 20. März wurden sie aus dem Lager abgezogen. Die ärztliche Station von HPF bleibt vorerst mit einem Arzt besetzt.

Die anderen Hilfsorganisationen werden in gleicher Weise entscheiden müssen: Die medizinische Versorgung war bei vollem Einsatz der NGOs schon unzureichend, jetzt droht auch sie vollends zu kollabieren. Was Unruhen und Schlägertrupps nicht geschafft haben, hat das Corona-Virus nun geschafft: Für die Menschen im Lager gibt es keine zahnmedizinische Versorgung mehr.

In allen Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und auf dem Festland sind Besuche seit 17. März verboten. Zudem wurde der Ausgang der Migranten eingeschränkt. Wegen der drohenden Gefahr durch das Coronavirus hat das Europaparlament in der vergangenen Woche die Räumung der Lager auf den griechischen Inseln gefordert. (dpa)

Info: www.healthpointfoundation.org