Bombennacht Dresden Totschlagsvokabeln verderben das Klima der Debatte

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„Es sind doch Nazizahlen“, BA-Leserforum vom Dienstag, 25. Februar

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Zahlen können richtig oder falsch sein. Das sollte man in einer seriösen Auseinandersetzung zu klären versuchen.

Wer den Begriff „Nazizahlen“ verwendet und den Verfechter einer anderen Meinung im „braunen Sumpf“ verortet, versucht offenbar, einen offenen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu tabuisieren und den Andersdenkenden mit diesen Totschlagvokabeln in die rechte Ecke zu stellen.

Es ist zutiefst bedauerlich, dass mit derart kontaminierten Begriffen ein Meinungsdruck ausgelöst wird, der dem Bemühen um die Wahrheit im Wege steht. Mit diesem Missbrauch der Sprache , um die Glaubwürdigkeit und die Kompetenz eines Kritikers zu untergraben, verdirbt man das Klima der politischen Debattenkultur, die in einer freien pluralistischen Gesellschaft unabdingbar ist.

Vielleicht hilft ein Vergleich

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In der Auseinandersetzung über die Wahrheit und die Opferzahlen in Dresden könnte ein Vergleich hilfreich sein.

Am 23. Februar 1945, so ein ausführlicher Bericht in der Frankfurter Allgemeinen‚ erfolgte ein Bombenangriff der englischen Luftwaffe auf Pforzheim. Dieser Angriff dauerte 22 Minuten und zerstörte zwei Drittel der Stadt. Es heißt in dem Bericht, dass mindestens 17 600 Menschen zu Tode kamen. „Es könnten aber auch 30 000 gewesen sein.“

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Dresden hatte damals mit seinen 630 000 Einwohnern etwa das Achtfache der Bevölkerung von Pforzheim. Ein Vergleich der Größenordnungen zeigt, wie „glaubwürdig“ die Angaben von 25 000 bis 35 000 Opfern aus dem „wissenschaftlich einwandfreien Werk“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr sind.

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Wenn man „nur“ die Zahl von 17 600 Opfern in Pforzheim hochrechnet, so ergibt sich für Dresden eine Zahl von 140 800 Toten.

Leider ist diese Angabe auch nicht annähernd realistisch, denn Dresden wurde nicht nur 20 Minuten bombardiert wie Pforzheim, sondern an zwei Tagen und in den Nächten flogen Bomberflotten der Amerikaner und Engländer ihre Angriffe.

Über Dresden waren es nicht 368 Maschinen, wie in Pforzheim, sondern in der ersten Nacht luden 770 Lancaster-Bomber ihre Luftminen, Sprengbomben und Brandbomben über dem unverteidigten Dresden ab. „Dresden soll wegen des Durchstroms der Flüchtlinge aus dem Osten am 13./ 14. Februar 1945 rund eine Million Bewohner gehabt haben“ – soweit ein Bericht der FAZ vom 22. März 1985.

Zweifel sind erforderlich

Wenn in Pforzheim 17 600 Menschen zu Tode kamen („höchstens 30 000“), dann entbehrt die vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr genannte Zahl von 25 000 bis 30 000 Opfern für das achtmal größere Dresden (und durch die Flüchtlingsströme sogar auf etwa eine Million angewachsen) jeder Glaubwürdigkeit. An diesem „wissenschaftlich einwandfreien Werk“, so die Diktion des Leserbrief-schreibers ,sind Zweifel nicht nur erlaubt, sie sind sogar erforderlich, wenn man sich der Wahrheit annähern will und einen Vergleich der Opfer von Pforzheim mit dem vielfach größeren und überfüllten Dresden nicht scheut.

Der britische Diplomat und Historiker Harold Nicolson nannte Dresden „the greatest singular holocaust by war“.

Karl Hügle

Bensheim

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