Krieg und Gaskrise Im Nachhinein haben es viele gewusst

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Im Krieg Russland gegen die Ukraine hat Putin die nächsten Eskalationsstufen ausgerufen: Konkrete Drohungen mit Atomwaffeneinsatz, Mobilmachung von 300 000 Reservisten und „Volksbefragungen“ in den besetzten Teilrepubliken der Ukraine, damit er diese schon mal Russland einverleiben kann. Dass kein anderes Land dies anerkennen wird, ist ihm egal. Danach will er weitermachen.

Widerstand im eigenen Land verstärkt sich. Aus St. Petersburg gibt es einen Antrag an die Duma (Parlament in Moskau), Putin wegen Hochverrat anzuklagen. Meine Vorhersage vom April 2022, dass Putin den September 2022 nicht überleben wird, trifft aber doch nicht zu.

Die USA und die EU wollen weitere Sanktionen gegen Russland verhängen. In Europa und besonders in Deutschland spüren wir immer stärker die Auswirkungen der Sanktionen, die wir gegen Russland verhängt hatten. Gas, Öl und Strom werden teurer und alles andere auch, weil es davon abhängig ist.

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Interview

„Wir brauchen russisches Gas“

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Von
Jochen Gaugele
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Der CDU-Partei- und Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz hatte im März 2022 schon einen sofortigen Ankaufsstopp für russisches Erdgas und Erdöl als Sanktion gegen Russland von der Bundesregierung gefordert. Wir können froh sein, dass Kanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck besonnen reagiert hatten. So konnte es gelingen, zumindest teilweise Ersatz aus anderen Ländern zu bekommen und es blieb Zeit, die Erdgasspeicher zu füllen. Jeder von uns kann sehen, wohin der kürzlich von Russland verhängte totale Gas-Stopp geführt hat. Also kann sich jetzt auch jeder ausmalen, wo wir wären, wenn wir bereits im März Deutschland ins energetische Aus geführt hätten. Was ich allerdings nicht verstehen kann, dass der selbsternannte Wirtschaftsexperte Friedrich Merz immer noch durch Talkshows tingelt, anstatt zu Hause nachzudenken, was er uns in Deutschland mit seiner verantwortungslosen Forderung zugemutet hätte.

Im Nachhinein haben es viele Menschen gewusst, dass es falsch war, sich von russischem Erdgas abhängig zu machen. Sie werfen das den damals beteiligten Regierungsparteien vor. Doch genau dieses Erdgas, das uns 60 Jahre lang von der Sowjetunion und nachher von Russland zu einem Drittel seines tatsächlichen Wertes bequem geliefert wurde, hat unseren beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung möglich gemacht. Nur dadurch war Deutschland sehr lange in vielen Bereichen Weltmarktführer und sogar Exportweltmeister.

Was wäre denn gewesen, wenn die Deutschen Regierungen stattdessen die Hälfte des Erdgases zu dem dreifachen Preis aus westlichen Ländern, also den USA angekauft hätten? Das teure, umweltschädliche Fracking-Gas hätte z.B. auch ein Präsident Trump benutzen können, um uns zu höheren Militärausgaben zu zwingen. Dann hätten sich die gleichen Leute wie heute aufgeregt: Wie dumm waren unsere Regierungen, teures, umweltschädliches Fracking-Gas zu kaufen, anstatt ganz einfach das billige Gas aus Russland, das uns doch so lange immer zuverlässig geliefert wurde?

Viele Familien haben sich Gasheizungen angeschafft, weil das Gas immer zuverlässig und preisgünstig floss. Wenn sie sich heute über die jahrzehntelange einseitige Gasversorgung aus Russland aufregen und sie es angeblich besser wussten, dass man diverser einkaufen muss, wieso hatten sie sich dann selbst Gasheizungen angeschafft? Ich mache das wirklich niemandem zum Vorwurf, doch niemand sollte den deutschen Regierungen der letzten Jahrzehnte vorwerfen, billiges Erdgas aus Russland eingekauft zu haben, das immerhin bis 2022 zuverlässig floss.

Ich werde selbst nach dem kommenden, unsicheren, vielleicht harten Winter große Zuversicht haben, dass es unserer Regierung gelingen wird, die Auswirkungen (Energiekrise, Preissteigerungen) des Russlandkrieges möglichst gering zu halten. Einige Pakete wurden schon angestoßen.

Wolfgang Hechler

Lautertal

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