Atomenergie Gefährliche Risse in einem gealterten Reaktor

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Die jetzt bekannt gewordene Leckage am Kühlsystem des französischen Atomkraftwerks Civaux nahe Poitiers macht aus meiner Sicht erneut deutlich, wie pannenanfällig gealterte Reaktoren sind. Umso erstaunlicher, dass in der Debatte um den Weiterbetrieb der deutschen AKWs Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland – alle drei sind Druckwasserreaktoren vom Typ „Konvoi“, deren erste Kettenreaktion 1988 erfolgte – sicherheitstechnische Aspekte im Hinblick auf das Alter der Anlagen kaum eine Rolle spielen. Jetzt hat der Bundestag dem Weiterbetrieb der drei Atomkraftwerke bis April 2023 zugestimmt. Allerdings wird sich der Verwaltungsgerichtshof Mannheim am 14. Dezember in einer Hauptverhandlung aufgrund einer Klage von Anwohnern des AKW Neckarwestheim 2 gegen die Betriebsgenehmigung des Reaktors mit diesen sicherheitstechnischen Aspekten befassen.

Tatsächlich treten in dem circa 120 Kilometer vom Kreis Bergstraße entfernten Druckwasserreaktor seit 2018 vermehrt Risse durch Spannungsrisskorrosion an der neuralgischsten Stelle des Reaktorkreislaufs auf, nämlich an den Dampferzeuger-Heizrohren. Für mich ist es zumindest irritierend, wenn das grün geführte baden-württembergische Umweltministerium als Aufsichtsbehörde den Reaktor trotz neuer Rissbildungen immer wieder ans Netz lässt.

Das Fatale: Umfang, Richtung und Geschwindigkeit des Risswachstums sind nicht sicher vorhersehbar. Mit zunehmender Alterung der Anlagen lassen sich zudem Leckagen kaum vermeiden, weil wir es zum Beispiel in Neckarwestheim 2 mit vier Dampferzeugern mit jeweils etwa 4000 Heizrohren – jedes im Schnitt etwa 13 Meter lang, Wandstärke 1,3 Millimeter – zu tun haben, die erheblicher Belastung durch Druckunterschiede und Temperaturschwankungen ausgesetzt sind.

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Einer der ersten Fachleute, der schon vor Jahren vor einem möglichen schweren Störfall infolge eines Dampferzeuger-Heizrohr-Lecks gewarnt hat, war meines Wissens nach ein ehemaliger Betriebsleiter des AKW Biblis B.Die relativ große Wahrscheinlichkeit, dass bei Heizrohrlecks zusätzlich die Hauptkühlmittelpumpen ausfallen und es in der Folge zu einer Kettenreaktion mit einem kaum zu beherrschenden Störfall kommen kann, hat er eindringlich in seinem 2012 erschienen Buch „Der Störfall“ beschrieben.

In der Hauptverhandlung vor dem VGH Mannheim am 14. Dezember werden zahlreiche Sachverständige zu Wort kommen. Man darf gespannt sein, ob Neckarwestheim 2 am Ende des Jahres noch eine Betriebserlaubnis hat.

Rainer Scheffler

Lautertal

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