Empfehlung nicht vertrauen

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Zum Artikel „Verbindliche Empfehlung gefordert“ vom 6. Juni:

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Alle Jahre wieder: die Grundschulempfehlung (GSE) – ein deutsches Thema. Fragen Sie einmal irgendeine Person jenseits unserer Landesgrenzen, was das ist. Niemand kennt das. Vielleicht fragen einige noch nach. Etwa so: „Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erklären, dass Sie Kinder im Alter von neun Jahren in drei verschiedene Schularten sortieren? Ist das denn erlaubt?“ Ja, leider. Nicht nur erlaubt, sondern sogar vorgeschrieben. Die GSE wird Mitte der Klasse vier erstellt und beruht (grob) auf zwei (!) Noten in Deutsch und Mathe, plus einem Elterngespräch. Das ist die Grundlage für die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg eines Kindes! Was taugt dieses Instrument? Kurze Antwort: Nichts! Die GSE ist als pädagogisches Prognoseinstrument vollkommen wertlos.

Die „Internationale Grundschul-Lesekompetenz Untersuchung“ (IGLU) von 2003/2006 und 2016 erforschte die Lesekompetenz der Viertklässler auf fünf verschiedenen Kompetenzstufen. Nun haben die IGLU-Autoren die GSE mit den Resultaten der Kompetenz-Studien verglichen. Ergebnis: Die beiden Bewertungen haben nichts miteinander zu tun!

Schüler auf der höchsten Kompetenzstufe (5) haben teilweise eine GSE für die Hauptschule, und solche, die auf der niedrigsten Stufe (1) lesen, eine solche für das Gymnasium. Wie kann das sein? Ein Grund dafür: Die GSE misst die falschen Dinge (Leistung über Noten) zur falschen Zeit (viel zu früh!). Ein weiterer Grund: Die GSE hat eine „Halbwertszeit“ – wenn überhaupt – von einem Jahr. Kinder entwickeln sich nun mal schneller als „geplant“.

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In offenen, integrierten Schulen (GMS, IGMH) kann man jedes Jahr in der Praxis sehen, wie Schüler/innen mit einer Hauptschulempfehlung Abitur machen. Und das sind keineswegs die Ausnahmen. Im Gegenteil: Über 60 Prozent der Abiturienten haben beziehungsweise hatten keine GSE für das Gymnasium! Was also soll dieser ganze Unsinn?

Ein letztes Wort noch, liebe Eltern: Vertrauen sie der Grundschulempfehlung nicht! Entscheiden Sie gemeinsam mit Ihren Kindern, wie es nach Klasse vier weitergehen soll. Und helfen Sie dadurch mit, das gegliederte Schulsystem auf den Müllhaufen der Schulgeschichte zu befördern.

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Jürgen Leonhardt, Mannheim

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