Kirche und Gesellschaft Die Zukunft ist in der Tat nicht gottlos

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Leserbrief zu dem in der Rubrik „Das geistliche Wort“ erschienenen Beitrag „Unsere Zukunft ist nicht gottlos“, Zwingenbergseite des BA vom 31. Dezember 2022.

Bei den Gedanken zur „Zeitenwende“ geht es ja grundlegend um die Frage: Welche Haltung nehme ich gegenüber den Anfechtungen, Krisen, Brüchen im Lebensverlauf ein, wer oder was hilft mir dabei und wer oder was gibt mir wirklich Halt? Wie wichtig das ist, hat spätestens der Ausbruch der Corona-Pandemie deutlich gemacht, in der wir aufgrund der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten auf uns selbst zurückgeworfen wurden, das heißt also mit uns selbst klarkommen mussten.

Wenn es stimmt, dass wir Geschöpfe Gottes sind, was ja alle Religionen verkünden, dann ist etwas Göttliches, etwas ganz Besonderes von unserem Schöpfer, also er selbst, in uns. Der große Mystiker Meister Eckhart nannte es das „Seelenfünklein“. Das ist also in jedem von uns, ob wir’ss wollen oder nicht. Die Frage ist nun, wie ich das wahrnehme, was ich damit anfange und inwieweit ich einen inneren Dialog mit Gott in mir beginne. Wenn ich das tue, wird mich das verändern und sich auch nach außen auf meinen Umgang mit mir selbst, mit anderen Menschen, ja mit der gesamten Schöpfung auswirken - im Grunde eine lebenslange Aufgabe. Diesen Prozess schaffe ich aber nicht im Alltagsgetriebe. Dazu braucht es Ruhe, Stille, Meditation, den Blick nach innen, also Zeit für mich selbst und Gott. Und das immer wieder, möglichst auch im Austausch mit anderen Menschen. Das Geheimnis, das hinter solch einer Übung steckt, ist, dass sie mir im Laufe der Zeit eine starke (Lebens-)Orientierung gibt und Vertrauen schenkt, in mich, in Gott, in den andern, in das Leben. Und nebenbei auch noch festen Halt gibt, geben kann.

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Aufgabe der institutionalisierten Religion, bei uns also der Kirche, wäre es, diese spirituelle (Lebens-)Orientierung der Gläubigen mit entsprechenden Angeboten zu fördern, sie nachhaltig zu begleiten und sich selbst und die anderen lebendig zu machen. Denn ich glaube, dass der Bedarf in unserer weitgehend säkularisierten Gesellschaft bei den Menschen sehr groß ist. Bedauerlicherweise ist solch ein Angebot bei den Kirchen kaum anzutreffen und scheint nicht (mehr) zu ihrem Selbstverständnis zu gehören. Am ehesten findet man es noch in Klöstern.

Fazit: Die Zukunft ist in der Tat nicht gottlos, denn er ist in uns. Der innere Entwicklungsprozess ist nicht einfach, braucht viel Übung und muss gewollt sein. Und die Kirchen müssen sich fragen, ob hier nicht eine Begleitaufgabe liegt, die den zunehmenden Austritten entgegenwirken und sie wieder ein Stück näher an die Menschen bringen kann.

Fritz Hempler

Lautertal-Reichenbach