Selbsttestungen in Schulen

Die Politik nimmt zu wenig Rücksicht auf unsere Kinder

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Ich bin seit 25 Jahren Grundschullehrerin und habe in dieser Zeit schon viele Dinge mittragen müssen, die von politischer Seite undifferenziert, vorschnell und nicht wirklich vorausschauend geplant in die Schulen getragen wurden. Dinge, gegen die ich mich positioniert habe, aber letztendlich als Beamtin umsetzten musste. Diesmal ist alles meiner Meinung nach aber noch ein ganzes Stück schwerwiegender. Denn das, was die Politik zurzeit mit Kindern/Jugendlichen macht, ertrage ich weder als Mutter eines Jugendlichen noch als Pädagogin in einer Grundschule weiter.

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Die Situation in Coronazeiten ist für alle unglaublich schwierig, weil es zu dem Thema so viele verschiedene Meinungen, so viele selbsternannte Experten in vielen Bereichen gibt. Das sorgt für Verunsicherung, macht Diskussionen schwer und stellt in meinen Augen eine große Hürde dar, einen vernünftigen, zukunftsorientierten und für alle tragbaren Weg zu finden, wie wir aus der Pandemie wieder herauskommen können.

Umso wichtiger ist es, dass wir als Erwachsene hier als Vorbilder mit Vernunft und Verstand vorangehen und unsere Unsicherheiten und Ängste nicht auf die Kinder übertragen, sondern sie davor schützen.

Für wenig vernünftig, sinnvoll und Ängste abbauend halte ich in diesem Sinne die von der hessischen Regierung geplanten „freiwilligen“ Selbsttestungen von Kindern in den Schulen. Allerdings möchte ich klarstellen, dass ich auf gar keinen Fall gegen Testungen generell bin, sondern sie als eines von mehreren sinnvollen Mitteln in Pandemiezeiten halte, um diese ein Stück weit unter Kontrolle zu bringen.

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Was macht das mit den Kindern?

Allerdings frage ich mich, was Testungen in öffentlichen Bereichen wie den Schulen mit unseren Kindern machen. Gerade bei mir im Grundschulbereich muss man sich mal vorstellen, dass Sechsjährige im Unterricht sich selbst mit einem Wattestäbchen in der Nase herumfahren, dieses Stäbchen dann in ein Reagenzglas eintauchen und dann noch schauen müssen, was nach einiger Zeit dort passiert. Das Ganze angeleitet von einer Lehrerin, die gegebenenfalls in Vollschutz aussieht, als ob sie gerade einem Science-Fiction-Film zum Thema Apokalypse entsprungen ist. Man verzeihe mir den Sarkasmus, denn zum Lachen ist es eigentlich nicht!

Offenbar nicht nachgedacht

Wie schrecklich muss sich ein Kind fühlen, wenn das Ergebnis dieses Testes in der „Öffentlichkeit“ des Klassenzimmers positiv angezeigt wird. Wie kann ich das als Lehrerin pädagogisch auffangen, wie die Persönlichkeitsrechte des Kindes wahren und eine Stigmatisierung verhindern?

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All das sind meiner Meinung nach Dinge, die auf politischer Ebene offenbar nicht überlegt wurden. Warum kann man diese Testungen nicht nach Hause in das vertraute persönliche Umfeld des Kindes verlegen – mit Personen, die das Kind in den Arm nehmen, trösten und auffangen können, sollte sich ein Ergebnis zeigen, das zu einer Verunsicherung führt.

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Ich bin sehr traurig, dass der Blick der Politik wieder nicht in Richtung der Kinder geht. Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist es meiner Meinung nach unerlässlich, den Kindern, wie oben aufgezeigt, den Schutz, das Vertrauen und die Sicherheit zu geben, dass wir Erwachsenen einen Weg und gute Lösungen finden werden, damit es weitergehen kann.

Ich bin allerdings erleichtert darüber, dass die Testungen in den Schulen freiwillig sind. Denn das gibt den Eltern zumindest die Möglichkeit, eine gute Entscheidung mit ihrem Kind zu treffen, die sie als Familie gemeinsam tragen können.

Für mich als Lehrerin bedeutet es aber wieder einmal, dass ich zwar deutlich meinem Dienstherrn über eine Remonstration aufzeigen kann, was ich von dieser Vorgehensweise halte, aber sie dann leider letztendlich doch als Dienstanweisung umsetzen werden muss.

Elke Fischer

Heppenheim