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„Kulturelle Aneignung“ Berechtigte Forderungen an die Gesellschaft

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Winnetou darf nicht sterben“, BA-Leserforum vom Samstag, 10. September

Zumindest den Frauen wird es bewusst sein, wie schwer es für benachteiligte Gruppen ist, in der Gesellschaft voll anerkannt zu werden. Wie lange dauerte es, bis sie das Wahlrecht erhielten. In der Schweiz erst 1971 im Kanton Appenzell Innerrhoden erst am 29. April 1990 aufgrund eines Gerichtsurteils entgegen einem Mehrheitsentscheid der Männer.

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dpa
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Wenn man bedenkt, was für Schwierigkeiten der wahrhaft nicht als Feminist verschriene Friedrich Merz hatte, Zustimmung dafür zu gewinnen, dass in der CDU stufenweise Frauenquoten eingeführt werden, dann wird klar, wie schwierig es mit der Gleichberechtigung ist. Und das in einer Demokratie bei einer Gruppe, die sogar in der Mehrheit ist.

Es waren nicht nur feine Mittel, mit denen die Kämpferinnen für die Gleichberechtigung der Frau im 19. Jahrhundert ihrem Anliegen Gehör verschafften. Wie sind sie dabei herabgesetzt worden und wie lange hat es gedauert, bis „Mann“ bemerkt hat, wo überall Frauen immer noch benachteiligt waren und es teils noch sind.

Wie viel schwerer muss es einer Gruppe fallen, die eindeutig in der Minderheit ist, sich Gehör zu verschaffen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut“, rufen die Klimaaktivisten ganz engagiert und es brauchte Putin, um uns Älteren klar zu machen, wie wichtig das Sparen bei Gas und anderen fossilen Energien ist.

Der Autor des Leserbriefs beklagt sich zu Recht darüber, was alles als verbotene kulturelle Aneignung gilt. Dürfen wir denn keine Fremdsprachen mehr lernen, wo doch in den Sprachen fast mehr als in allen anderen menschlichen Ausdrucksformen Kulturen ihren Ausdruck finden?

Aber warum kommt es dazu, dass „kulturelle Aneignung“ als so strafwürdig gilt? Weil die Mehrheitskulturen sich nicht scheuen, bei den Kulturen der Sklaven und Verachteten immer wieder Anleihen machen (moderne Kunst, Jazz, Blues ...), ohne ihnen gleiche Würde zuzugestehen.

Mein Sohn empörte sich darüber, dass er kein Kleid anziehen durfte, und sagte: „Ich will, dass in diesem Haus keine Frau mehr Hosen anzieht, wenn ich keinen Rock anziehen darf!“ (kulturelle Aneignung). Er wusste nicht, was für Kämpfe ausgestanden werden mussten, bis Mädchen erlaubt wurde, wenigstens im Winter mit Hosen in die Schule zu kommen.

Und als Gipfel der kulturellen Aneignung: Carl Zuckmayer setzte durch, dass seine Tochter Winnetou heißen durfte. Gerade weil er wusste, dass native Americans noch immer als minderwertig angesehen wurden, und Mädchen auch.

Walter Böhme

Bensheim

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