Hospizbewegung

Autonomie und Sterben

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„Schwerstkranke haben ein Recht auf Selbstbestimmung“, BA-Leserforum vom Freitag, 3. Juli

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Die Sorge, schmerzgeplagt und alleingelassen sterben zu müssen, ist sehr verständlich. Aber sich aus Angst vor dem Sterben selbst zu töten, kann doch nicht die Lösung sein. Überzeugender ist die Antwort der Hospizbewegung: Sterben als wichtigen Teil des Lebens zu begreifen und alles zu tun, um Lebensqualität bis zum natürlichen Ende zu erhalten – durch Schmerztherapie, Symptomkontrolle und soziale Nähe. Dazu gehört auch das Prinzip, das Leben weder um jeden Preis zu verlängern, noch, es aktiv zu beenden.

Im Gegensatz zu jenem Leserbrief ist festzuhalten: Ein Patient kann jede Behandlung verweigern; die Hospiz- und Palliativversorgung ist in unserer Region gut ausgebaut; gerade in Hospizen stirbt niemand einsam; die Sterbebegleitung zu Hause wird auf Wunsch ermöglicht; und: Gesundheitseinrichtungen beginnen, hospizliche Prinzipien zu beherzigen.

Richtig sieht die Autorin, dass die Sterbekultur weiter verbessert werden muss und dass die Selbstbestimmung zentral ist. Dazu das Bundesverfassungsgericht am 26. Februar 2020: „Das Recht, sich selbst das Leben zu nehmen, stellt sicher, dass der Einzelne über sich … autonom bestimmen und seine Persönlichkeit wahren kann“.

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Aber: Wie es gelingen soll, die eigene Persönlichkeit durch ihre Vernichtung zu wahren, bleibt im Wortsinne frag-würdig, ebenso die volle Freiwilligkeit eines Suizidenten – vom Eigeninteresse (kommerzieller) Suizidhelfer ganz zu schweigen.

Zudem: Welche Folgen sind zu befürchten, wenn die Selbsttötung zur Normalität wird? Es gibt jedenfalls gute Gründe für eine gesetzliche Regelung, die eine ungehemmte Praktizierung eingrenzt. Dass der Gesundheitsminister dazu den Rat von Ethikern, Palliativmedizinern und ja, auch von Kirchen einholt, ist richtig.

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Entscheidend wird allerdings sein, ob es gelingt, das Sterben wieder im Alltag zu integrieren und mitmenschlich zu begleiten. Eine solche Sorgekultur könnte auch die Sterbensängste lindern, die beim Suizidwunsch paradoxerweise oft Pate stehen.

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Dr. Albert Mühlum

Bensheim